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Potsdam Ist das Tanzverbot am Karfreitag in Brandenburg noch zeitgemäß?
Lokales Potsdam Ist das Tanzverbot am Karfreitag in Brandenburg noch zeitgemäß?
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00:19 21.04.2019
Zum Tanzen darf an Karfreitag zumindest öffentlich kein Veranstalter aufrufen. Doch daran halten sich in Potsdam nicht alle. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Tanzen oder nicht tanzen? Für Karfreitag, einem der höchsten christlichen Feiertage, ist das in Brandenburg klar geregelt – und zwar in Paragraph 6 des Sonn- und Feiertagsgesetzes. Danach sind öffentliche Tanzveranstaltungen und Veranstaltungen in Räumen mit Schankbetrieb am Karfreitag von 0 bis Karsamstag 4 Uhr verboten. In Potsdam wird trotzdem gefeiert – und womöglich auch getanzt.

Der Potsdamer Verein Spartacus lädt unter dem Motto „I will dance. Tanzverbote verbieten“ am Freitag ab 20 Uhr auf das Gelände des Zentrums Freiland an der Friedrich-Engels-Straße ein. Offiziell ist es eine Infoveranstaltung zum Thema „Trennung von Staat & Religion“, dazu heißt es auf der Freiland-Internetseite. „Danach darf bei uns natürlich nicht getanzt werden! Damit das auch mit Musik passiert, haben wir auch Leute für das DJ_ane-Pult eingeladen.“ Kategorisiert ist die Aktion als „Infoveranstaltung“ und „Party“, was letzte Zweifel ausräumen sollte, ob dort nun getanzt werden darf oder nicht.

Stadt schickt Hinweis an Veranstalter

Auch der Club Laguna hat an Karfreitag geöffnet, ein DJ spielt „Charts und Dance“, beworben wird der Abend im Internet als Party. Von einer Tanzveranstaltung will Inhaber Marcus Weber allerdings nicht sprechen, das Ordnungsamt der Stadt, erzählt er, habe ihn dennoch vor Kurzem angeschrieben und auf das Tanzverbot in Paragraf 6 des Brandenburgischen Sonn- und Feiertagsgesetz aufmerksam gemacht.

Wer dagegen verstößt und erwischt wird, muss in Potsdam mit Geldbußen von bis zu 1000 Euro rechnen. Das erklärt auf MAZ-Anfrage Markus Klier aus der Pressestelle der Stadt. Was die Stadt tut, um das Tanzverbot auch zu kontrollieren? „Die Veranstalter der uns bekannt gewordenen Veranstaltungen wurden alle noch einmal angeschrieben und auf das Verbot sowie die Einhaltung des Gesetzes hingewiesen“, sagt Klier, „an dem Abend werden wir und später dann die Polizei die Einhaltung des Gesetzes auch kontrollieren.“

An einen Fall, in dem die Stadt tatsächlich einen Verstoß gegen das Tanzverbot an Karfreitag auch geahndet hat, kann sich Klier konkret nicht erinnern.

Verstöße werden nicht erfasst

Die Fraktion „Die Andere“ der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung hatte Ende März eine Anfrage zum Thema gestellt und ebenfalls gefragt, wie „oft es in den Jahren 2009 bis 2019 in der Landeshauptstadt zu Verstößen gegen das Tanzverbot“ kam. Die Antwort der Verwaltung: „Es gibt keine statistische Erfassung zu Verstößen gegen das Tanzverbot an Feiertagen.“

Martin Vogel, Länderbeauftragter der Evangelischen Kirche für Berlin und Brandenburg Quelle: privat

PRO: Tiefe Nachdenklichkeit

Martin Vogel (50), Länderbeauftragter der Evangelischen Kirche

Am Karfreitag gedenken Christen auf der ganzen Welt der Kreuzigung Jesu auf Golgatha. Auch bei uns finden Gottesdienste statt. Der Karfreitag gilt als Tag des Trauerns und der Totenklage. Die Kirchen erinnern dabei an das stellvertretende Leiden Jesu Christi. Jesus ging seinen Leidensweg für uns. Er ging ihn für alle, die zu Opfern menschlicher Gewalt gemacht werden. Trost spendet dabei die Glaubensgewissheit, dass Gott unverrückbar an der Seite der Opfer menschlicher Gewalt steht. Der Karfreitag ist von einer tiefen Nachdenklichkeit geprägt.

Brandenburg hat sich 1991 ein Feiertagsgesetz gegeben. Es geht um unsere Feiertagskultur – darum, wann wir frei haben. Das Gesetz verbietet am Volkstrauertag, am Totensonntag und am Karfreitag öffentliche Tanzveranstaltungen.

Damit ermöglicht der Gesetzgeber die würdige und angemessene Gestaltung dieser stillen Feiertage. Demokraten sagen: Beim Einhalten von Gesetzen kann es kein Rosinenpicken geben. Sie gelten für alle, egal ob Radfahrerin, Christ oder Agnostiker.

Ein wenig Rücksichtnahme wäre ein starkes Zeichen an alle, denen der Karfreitag ein wichtiger Feiertag ist. Können Personen, die gern tanzen, nicht am Karfreitag eine kurze Pause machen? Es bleibt an mehr als 360 Tagen im Jahr die Möglichkeit, fröhlich zu tanzen! Das wäre eine gute Praxis gegenseitiger Wertschätzung.

CONTRA: Tanzverbot gehört abgeschafft

Philipp Ziems (29) ist Mitglied des Potsdamer Vereins Spartacus.

Ich finde die Gesetzgebung rund um das Feiertagsgesetz in Brandenburg ist überholt und bedarf dringender Änderungen. Die Kirche greift hier mit den für sie wichtigen Tagen an mehreren Stellen so stark in die Gesetzgebung ein, dass eine Trennung von Kirche und Staat praktisch nicht gegeben ist. Der Staat muss sich stärker von der Kirche abgrenzen und zugleich die Freiheit der Bevölkerung schützen.

Dazu gehört auch die Freiheit an jedem Tag zu tanzen und zu feiern. Das hat auch was mit Lebensfreude zu tun. Die christlichen Kirchen versuchen jedoch mit Hilfe des Staates anderen ihre Regeln aufzudrängen, und uns die Party zu vermiesen. Ich bin wie die meisten Menschen in Brandenburg nicht christlich und soll mich trotzdem den christlichen Regeln beugen? Das finde ich mehr als verwerflich. Hier muss der Paragraf 6 des Brandenburger Feiertagsgesetzes abgeschafft werden!

Klar sagen jetzt manche: Ach, kommt schon, die paar Tage im Jahr könnt ihr doch auf’s Tanzen verzichten, aber ich meine, dass jeder Tag Einschränkung einer zu viel ist. Ganz im Sinne Emma Goldmans: If I can‘t dance, it‘s not my revolution. Stattdessen könnten Tage zu lauten Feiertagen erklärt werden, die Werte wie Toleranz und Emanzipation würdigen. Da fallen mir direkt der 8. März als internationaler Frauenkampftag ein, oder auch der 21. März, der Tag gegen Rassismus, der Tag der Befreiung am 8. Mai oder auch der Tag gegen Homophobie am 17. Mai.

Philipp Ziems, Mitglied des Spartacus in Potsdam. Quelle: privat

Im vergangenen Jahr forderten die Jungen Liberalen die Abschaffung des Gesetzes

Ob Tanzverbote an Feiertagen erlassen werden oder nicht, ist in Deutschland Ländersache. Im bundesweiten Vergleich gehört Brandenburg zu den in dieser Frage liberalsten Ländern. An Karfreitag ist Berlin allerdings etwas weniger streng mit dem Tanzverbot: Dort darf ab 21 Uhr abends auch wieder offiziell getanzt werden.

Von Anna Sprockhoff

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