Tat im Oberlinhaus Potsdam mit vier Tote mit Behinderung: virtuelles Kondolenzbuch geplant
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Potsdam Gewalttat im Oberlinhaus: Virtuelles Kondolenzbuch für Opfer geplant
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Tat im Oberlinhaus Potsdam mit vier Tote mit Behinderung: virtuelles Kondolenzbuch geplant

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14:41 03.05.2021
Das ganze Wochenende über kamen Menschen zum Tatort in die Rudolf-Breitscheid-Straße und legten Blumen, Kerzen und Schreiben vor dem Haus nieder.
Das ganze Wochenende über kamen Menschen zum Tatort in die Rudolf-Breitscheid-Straße und legten Blumen, Kerzen und Schreiben vor dem Haus nieder. Quelle: Julius Frick
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Potsdam

Die Stadt Potsdam und das Oberlinhaus wollen gemeinsam ein virtuelles Kondolenzbuch für die Opfer der Gewalttat im Thusnelda-von-Saldern-Haus veröffentlichen. Wo und wie die Menschen dann dort ihre Anteilnahme ausdrücken können, soll zeitnah bekannt gegeben werden. Das teilte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) auf MAZ-Anfrage mit.

Die Ermittlungen zu der Tötung der vier behinderten Menschen im Oberlinhaus haben indes keine neuen Erkenntnisse zu der Gewalttat ergeben. Das teilte die Potsdamer Staatsanwaltschaft auf Nachfrage am Montag mit. Derzeit würden die Spuren ausgewertet, die Ermittlungen laufen, heißt es von der Pressestelle. Auch in den kommenden Tagen sei noch nicht mit weiteren Ergebnissen – zu den Obduktionen und der Untersuchung der Schuldfähigkeit der Tatverdächtigen – zu rechnen.

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Vor Ort gedenken die Menschen derweil weiter den Opfern der Tat. „Ich halte es für wichtig, dass man Anteilnahme und Mitgefühl zeigt gegenüber den Angehörigen, aber auch gegenüber den Mitarbeitern“, sagte eine 52-jährige Brandenburgerin, die am Sonntagnachmittag in die Rudolf-Breitscheid-Straße gekommen war. Von dem Blumenmeer, das sich seit Mittwochabend vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus gebildet hat, sei sie „regelrecht überwältigt. „Das zeigt, dass noch ein Fünkchen Menschlichkeit da ist. Und das ist wichtig, dass man sich darauf konzentriert und nicht auf irgendwelche Sensationslust.“ Sie selbst sei mit einer Mitarbeiterin des Oberlinhauses befreundet und fest davon überzeugt, dass die Anteilnahme der Menschen bei den Bewohnern und Mitarbeitern ankommt.

„Trost kann man ja nicht wirklich spenden“

Elisabeth Goetzmann leitet seit 20 Jahren den Bläserchor der Oberlingemeinde und kennt das Wohnheim gut. Vor zehn Jahren, zur Eröffnung des Thusnelda-von-Saldern-Hauses, habe ihr Ensemble Musik gespielt. Götzmann ist ebenfalls gekommen, um Blumen abzulegen. Und sie hat ein DIN-A4-Blatt abgelegt. Darauf zu lesen Psalm 23 – „Der Herr ist mein Hirte“. „Trost kann man ja nicht wirklich spenden. Aber Psalm 23 ist dann schon etwas wichtiges, das die Menschen vielleicht ein Stück begleitet in dieser schweren Zeit“, sagt sie.

Goetzmann könne nicht in Worte fassen, wie sie sich nach diesem Verbrechen fühlt, sagt sie. Der Psalm würde ihr dabei helfen. Es sei ihr wichtig, Anteil zu zeigen, „damit diejenigen, die es miterlebt haben, vor allen Dingen die Bewohner des Hauses, aber auch die Angehörigen und die Mitarbeitenden merken, dass sie nicht allein sind“.

Eine 20-jährige Babelsbergerin ist mit ihrer Mutter gekommen und hat eine Kerze abgestellt. „Ich finde das alles so schrecklich, weil es unschuldige Menschen waren, die sich nicht wehren konnten“, sagt sie. Darum möchte sie ihren Teil des Gedenkens beitragen. Sie findet, dass Ableismus, also die Ausgrenzung und die Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderung, „nicht klein geredet werden darf“.

Eine Mitarbeiterin steht unter Verdacht

Wie berichtet steht eine langjährige Pflege-Mitarbeiterin der Wohnstätte für Körper- und Mehrfachbehinderungen nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft im Verdacht, vier behinderte Bewohner zwischen 31 und 56 Jahren gewaltsam getötet zu haben. Eine weitere Bewohnerin des Thusnelda-von-Saldern-Hauses wurde schwer verletzt, ist aber laut Aussagen von Oberlin-Sprecherin Andrea Benke auf dem Weg der Besserung. Zum Motiv der mutmaßlichen Täterin konnte die Staatsanwaltschaft bisher keine Angaben machen, die Verdächtige hat sich selbst wohl noch nicht zur Tat geäußert.

Eine Haftrichterin hatte die 51-jährige Tatverdächtige vorläufig in eine psychiatrische Klinik in Brandenburg an der Havel eingewiesen. Sie soll auf ihre Schuldfähigkeit hin begutachtet werden. Nach Angaben der diakonischen Einrichtung Oberlinhaus, zu der das Wohnheim gehört, war die Frau bisher nicht psychisch auffällig geworden. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor Haftbefehl wegen Totschlags beantragt.

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Eine psychische Vorerkrankung der Verdächtigen steht im Raum

Nach MAZ-Informationen soll die mutmaßliche Täterin eine psychische Vorerkrankung haben, das wird jedoch von ihrem ehemaligen Arbeitgeber dementiert. Die Frau sei nicht psychisch auffällig geworden, habe wie alle anderen Mitarbeiter regelmäßig an Supervisionen und Teamsitzungen teilgenommen.

Nachdem sie die vier Menschen getötet und eine weitere Person schwer verletzt hat, fuhr die Frau offenbar nach Hause. Dort gestand sie ihrem Ehemann die Tat. Der verständigte daraufhin die Polizei, die um kurz nach 21 Uhr am Tatort eintraf. Auch diese Darstellung hat die Staatsanwaltschaft noch nicht bestätigt. Als Tatwaffe kommt ein Messer infrage, wie die Bild-Zeitung berichtet.

Von Sarah Kugler und Annika Jensen