Thalia-Filiale in Potsdam: Das sagen die lokalen Buchhändler
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Potsdam Schluss mit „Jokers“: Thalia übernimmt Buchgeschäft in Potsdam
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Thalia-Filiale in Potsdam: Das sagen die lokalen Buchhändler

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16:19 26.07.2021
Ab dem 1. Oktober wird es „Jokers“ in der Brandenburger Straße nicht mehr geben: Dann verkauft die Buchhandlungskette Thalia Bücher in dem Geschäft.
Ab dem 1. Oktober wird es „Jokers“ in der Brandenburger Straße nicht mehr geben: Dann verkauft die Buchhandlungskette Thalia Bücher in dem Geschäft. Quelle: varvara Smirnova
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Potsdam

Noch zieren die roten Buchstaben des Weltbild-Geschäfts „Jokers“ die Filiale in der Brandenburger Straße 63. Doch schon ab dem 1. Oktober wird dort der markant blaue Schriftzug der Buchhandlungskette Thalia zu sehen sein: Insgesamt übernimmt das Unternehmen laut einer gemeinsamen Pressemitteillung zehn Geschäfte der Firma Weltbild – darunter auch die 130 Quadratmeter große Filiale in Potsdam.

Ab dem 1. Oktober wird in der Brandenburger Straße die Thalia Buchhandlung sein. Quelle: Varvara Smirnova

Über den Kaufpreis haben beide Parteien stillschweigen vereinbart. Die sechs betroffenen Mitarbeiter der Potsdamer „Jokers“-Filialen sollen laut Angaben von Thalia übernommen werden. Für die lokalen Buchhändler bedeutet das namhafte Konkurrenz – die Buchhandlungskette hat bundesweit laut eigenen Angaben insgesamt 322 Filialen.

Thalia will mit digitalem Angebot punkten

„Krisen wie die Pandemie bringen auch Innovationen. Wir möchten die Menschen dort abholen, wo sie sind, nämlich zu Hause – und unser digitales Angebot ausbauen“, sagt Claudia Bachhausen-Dewart, eine Sprecherin von Thalia darüber, wie sich das Unternehmen gegen die lokalen Händler wappnen will.

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So soll in der neuen Filiale ein Buch etwa zwei Stunden nach der Bestellung für die Kunden abholbereit im Geschäft liegen – insofern es vorrätig ist, wie Claudia Bachhausen-Dewart sagt. Auch habe das Unternehmen während der Pandemie eine App zum digitalen Bezahlen entwickelt. Zudem möchte man die Kunden mit aktuellen Büchern locken: „Die Jokers Filiale ist ein Antiquariat, also auf den Handel mit gebrauchten Büchern spezialisiert. Wir werden wieder mehr aktuelles ins Sortiment übernehmen“, sagt Claudia Bachhausen-Dewart. Die Potsdamer Buchhändler zeigen sich unterdessen gelassen von der Übernahme. Und wenig überrascht.

Lokale Buchhändler zeigen sich unbeeindruckt

Das sei erwartbar gewesen, meint etwa der Inhaber des Potsdamer Geschäfts „Internationales Buch“ Stefan Bellin. „Thalia geht aggressiv vor, sie versuchen in jede Einkaufsstraße hinein zu kommen“, sagt er. Seit den 70’er Jahren gibt es seinen Buchladen in der Brandenburger Straße 41-41 und damit in unmittelbarer Nähe zur künftigen Thalia-Filiale schon. Neun Angestellte beschäftigt er zusammen mit seinem Bruder Jens Bellin in dem Buchladen. Große Sorgen wegen der Thalia-Übernahme macht sich Stefan Bellin jedenfalls nicht. Er glaubt nicht, dass das den lokalen Buchhandel in Potsdam verändern wird.

Jens (l) und Stefan Bellin sind mit ihrem Buchladen schon seit Jahrzehnten in Potsdam verankert. Quelle: Varvara Smirnova

„Mit der Übernahme müssen wir jetzt leben. Aber das können wir auch“, sagt er. Er sei überzeugt, den Menschen als lokaler Händler etwas bieten zu können, was etwa eine Kette nicht könne. „Der stationäre Buchhandel kann sich ganz klar von einer Kette abgrenzen“, sagt er.

So sei Thalia durch einen Zentralversand der Bücher eher auf Masse ausgerichtet – alle Filialen würden die selben Bücher anbieten. „Wir sind individueller und können freier mit den Wünschen unserer Kunden umgehen“, sagt er. Auch könne man schneller auf die Bücherwünsche eingehen. Zudem sei es als lokaler Händler ein entscheidender Vorteil, die Kunden seit Jahren zu kennen. Als Beispiel nennt er die Pandemie, in der die Potsdamer zu ihren lokalen Händlern gehalten haben.

Die Pandemie hat Händler und Kunden noch mehr zusammengebracht

„Die Potsdamer haben in der Pandemie so gut zu uns gehalten und uns unterstützt – sicherlich nicht nur aus Freundschaft. Wir sind hier geboren, aufgewachsen und mit der Stadt verbunden“, sagt er. Zudem hätten nicht nur die lokalen Händler Konkurrenz durch Thalia – sondern eben auch andersherum.

Ähnlich sieht es auch Andrea Schneider, Inhaberin der Viktoriagarten Buchhandlung. Gehört hatte sie von der Übernahme noch nichts, stören würde sie es aber auch nicht. „Jeder kleine Buchladen hier in der Region hat sein eigenes Profil – und wird es auch behalten“, sagt sie. Der größte Vorteil sei es, die Menschen vor Ort seit etlichen Jahren zu kennen.

Große Sorgen macht sich Andrea Schneider, Inhaberin des Viktoriagarten Buchladens, wegen der Übernahme nicht. Quelle: Varvara Smirnova

Die Viktoriagarten Buchhandlung feiert in diesem Jahr gar zehnjähriges Bestehen. „Wir leben nicht vom Tourismus. Wichtig sind die Menschen bei uns im Kiez“, sagt Andrea Schneider. Genau wie Stefan Bellin habe auch sie in der Pandemie noch einmal verstärkt gespürt, was es heißt, ein lokaler Händler zu sein.

Vergangenes Jahr sei der März und der Beginn der Pandemie ein Schockmoment für sie gewesen. Auch musste der Laden kurzzeitig schließen. „Aber wir haben uns sehr schnell erholt. Es hat sich gezeigt, dass die Kunden treu sind, helfen und zu uns halten“, sagt sie. Auch hat sie Zweifel daran, wie lange die 130 Quadratmeter große Thalia-Filiale wirklich in der Brandenburger Straße 63 bleiben wird. „Ich denke, dass sie nicht lange bestehen wird. Die Filiale ist eigentlich zu klein, dass passt nicht zum Konzept“, sagt sie.

Von Steve Reutter