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Potsdam Thalia in Potsdam: Kino ist für alle da
Lokales Potsdam Thalia in Potsdam: Kino ist für alle da
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07:59 24.04.2018
Ein Kinonachmittag ganz ohne Krach und Dunkelheit? Das testete auch Lucas (17) von der Oberlinschule aus. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Babelsberg

Lexika mag Reinhard Frost besonders gern. Stundenlang kann er sich in den Einträgen verlieren. Gerade hat es ihm die Botanik angetan. Ordnung, Familie, Unterfamilie, Gattung, Art – herrlich, findet der 59-Jährige. Lateinische Begriffe, Tabellen, Zahlenkolonnen. „Was anderen zu trocken, zu langweilig ist, ist mir gerade recht. – Ich habe das Asperger-Syndrom“, sagt Reinhard Frost. „Autismus, die leichte Form“, ergänzt seine Mutter Gisela (81). Sie ist heute aus Wünsdorf nach Potsdam gekommen, um an diesem Tag, der ein historischer werden könnte, dabei zu sein: Ihr „Reinhardchen“ geht ins Kino. Das kommt nicht oft vor, obwohl Reinhard Frost einen guten Film ab und zu schätzt. „Aber ich hab’s mit fremden Menschen nicht so“, sagt er. Ein Kino sei natürlich voll davon. Eine schwierige Situation.

Und dennoch steht er nun zwischen riesigen bunten Plakaten, die Mutter an der Seite, umschwirrt von Menschen, die er noch nie gesehen hat, die Popcorn-Tüten und Brezeln vor sich hertragen und hinter schweren Türen ins Dunkle verschwinden. Im Babelsberger Kiezkino Thalia will’s Reinhard Frost wissen. Ab sofort kann er sich hier aussuchen, wo und neben wem er sitzen möchte und auch wie lange. Die Lautstärke im Saal bollert nicht so doll wie sonst. Das Licht bleibt eingeschaltet. Und schief angeschaut wird hier auch keiner, denn das passiert manchmal, wenn man sich anders verhält, als die Öffentlichkeit es erwartet, wenn man mit den Armen wedelt, mit dem Kopf wackelt oder plötzlich aufspringt.

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Großbritannien als Vorbild

Das Thalia hat am Mittwoch seine neue Reihe „Autism-friendly Cinema“ gestartet – angeregt vom Oberlinhaus, wo Reinhard Frost in einer kleinen Wohnung lebt und wo das Autismuszentrum seit rund 15 Jahren Menschen mit Autismus-Spek­trum-Störungen und deren Umfeld unterstützt. Autismusfreundliches, also reizarmes Kino – da hinkt Deutschland ein gutes Stück hinterher, meint Juliane Höpfner vom Autismuszentrum. „Im englischsprachigen Raum wird das schon sehr lange und sehr erfolgreich praktiziert.“ Allein in Großbritannien gebe es um die 250 Kinos mit autismusfreundlichen Vorstellungen, die dort ein fest etablierter Bestandteil des kulturellen Lebens seien. Warum also, sollte das in Deutschland nicht auch möglich sein? Zumal in Potsdam, in Babelsberg, wo das Oberlinhaus und seine Klienten allgegenwärtig sind?

Reinhard Frost (59) – hier mit Mutter Gisela (81) – hat das Asperger-Syndrom. Fremde Menschen machen ihm Angst. Ins Kino möchte er trotzdem. Wie gut, dass er sich im Thalia nun aussuchen kann, wo und neben wem er sitzt. Quelle: Bernd Gartenschläger

Ende 2016 trugen die Oberliner den Wunsch, den sie schon lange hegten, an das nur fünf Gehminuten entfernte Thalia heran. Die Antwort auf die E-Mail-Anfrage kam prompt – und nun steht es, das Angebot für alle Filmfreunde mit Autismus und natürlich auch für alle ohne. Nun wird im Thalia immer am letzten Dienstag im Monat um 16 Uhr ein Film aus dem regulären Spielplan unter reizärmeren Bedingungen gezeigt. Der Eintrittspreis ist der fürs Thalia übliche. Allerdings haben die Kinobesucher freie Platzwahl. Wer mag, darf sich auch etwas zu essen und zu trinken mitmitbringen, darf aufstehen und umhergehen, wie es ihm beliebt und ohne Angst zu haben, dass er stört.

„Heute ist ein schöner, hoffentlich denkwürdiger Tag“, sagt Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand des Oberlinhauses. Ein Tag, der vielleicht zum Umdenken und Nachdenken über Menschen führt, „die anders sind und doch voll dazu gehören“. Die Premiere immerhin ist vielversprechend. Reinhard Frost und Mutter Gisela und gut drei Dutzend andere Zuschauer machen es sich vor der Leinwand bequem. Viele kuscheln sich in die großen blauen Sessel, einige wenige treibt die Aufregung auf die äußerste Kante. Es läuft „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ – die hoch gelobte, wundervolle Neuverfilmung von Andreas Dresen, die auch diese besondere Zuschauerschar mitten ins Herz trifft.

Von Nadine Fabian

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