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Potsdam Tod im Gartenteich: Die schreckliche Tat, die Hintergründe, der aufsehenerregende Mord-Prozess
Lokales Potsdam

Tod im Gartenteich: Mord-Prozess am Landgericht Potsdam - eine Chronologie

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11:18 20.05.2021
Am 11. Mai 2020 wurde die Polizei nach Glindow gerufen: Ein Mann hat seine Ehefrau getötet, anschließend versuchte er sich erfolglos selbst zu töten. Seit dem 29. März 2021 musste er sich für seine tat vor Gericht verantworten.
Am 11. Mai 2020 wurde die Polizei nach Glindow gerufen: Ein Mann hat seine Ehefrau getötet, anschließend versuchte er sich erfolglos selbst zu töten. Seit dem 29. März 2021 musste er sich für seine tat vor Gericht verantworten. Quelle: MAZ
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Glindow

Ein aufsehenerregender Mord-Prozess neigt sich dem Ende zu. Nach zehn Verhandlungstagen vor dem Landgericht Potsdam wird am Donnerstag das Urteil gegen einen heute 65-jährigen Mann erwartet, der am 11. Mai 2020 seine Ehefrau (40) vor den Augen der eigenen Kinder getötet haben soll. Im Prozess kamen schaurige Details zur Sprache, die Kinder sagten gegen ihren Vater aus, ein Gutachter beschrieb den Angeklagten als Narzissten, dieser trat auch entsprechend vor Gericht auf – bis dem vorsitzenden Richter die Hutschnur riss und Wolfgang L. zu einem Zwiegespräch bat. Selbst der Verteidiger des Angeklagten schien mit dem Auftreten seines Mandanten mehr als unzufrieden. Zwischen Tatverdächtigen und Verteidiger brodelte es offenkundig. Eine Chronologie.

Die Tat

Es ist Montagabend, 11. Mai 2020, um 18.27 Uhr, als die Polizei nach Glindow, einem Ortsteil von Werder (Havel) in Potsdam-Mittelmark, gerufen wird. Nach ersten Informationen war es dort auf einem Grundstück an der Bliesendorfer Straße zu einem Streit zwischen Eheleuten gekommen, in dessen Folge der Mann mehrfach die Frau attackiert und versucht haben soll, sie in einem Teich zu ertränken. Als die Beamten vor Ort eintreffen, ist die Frau tot – der mutmaßliche Täter, der damals 64-jährige Wolfgang L., verschwunden. Der Ehemann wird jedoch wenig später im kleinen Ortsteil Plötzin auf einem Industriegelände gefasst. Dort ist er mit einen Wagen frontal gegen eine Mauer gefahren. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der Mann das Leben nehmen wollte. Er kam schwer verletzt ins Krankenhaus.

Die Hintergründe

Später wird bekannt, dass das Ehepaar bereits seit einiger Zeit getrennt lebte. Zuletzt hatte die Familie in einem Reihenhaus im Potsdamer Norden gelebt. Doch Ende 2019 kündigte Dorota L. an, dass sie sich trennen wolle. Im April 2020 zog sie mit den Kindern in eine Ferienwohnung in den Werderaner Ortsteil Glindow. Dort suchte sie der Angeklagte am frühen Abend des 11. April 2020 auf und soll sie mit einem Messer und einer Schreckschusspistole bedroht haben. Als die Frau aus der Wohnung ins Freie flüchtete, habe sie der Angeklagte verfolgt. Laut Staatsanwalt rutschte die Frau jedoch am Gartenteich aus – der Angeklagte soll daraufhin mehrfach auf sie eingestochen haben. Als sich die Frau kaum noch wehrte, habe er ihren Kopf unter Wasser gedrückt, um sie zu ertränken. Auf seinen Sohn hatte er mit einer Schreckschusspistole geschossen, als der seiner Mutter helfen will.

Die Anklage

Die Staatsanwaltschaft klagt Wolfgang L. wegen Mordes an seiner Ehefrau, wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung, Nötigung und Verstoßes gegen das Waffengesetz an. Insgesamt 27 Zeugen sollen in dem Schwurgerichts-Prozess gehört werden. Drei Gutachter begleiten die Verhandlung – zwei Rechtsmediziner und ein Psychiater, dessen Aufgabe es ist, die Schuldfähigkeit des Angeklagten zu beurteilen. Die Kinder des Paares – der jugendliche Sohn und eine jüngere Tochter – treten im Prozess als Nebenkläger und Zeugen auf. Zehn Verhandlungstage werden angesetzt.

Polizisten am Tatort im Mai 2020. Quelle: MAZ

Angeklagter beruft sich auf Notwehr

Am 29. März 2021 beginnt der Prozess gegen Wolfgang L. vor dem Landgericht Potsdam. Er hätte mit einem Geständnis, wenigstens aber mit Worten der Reue, des Bedauerns, vielleicht auch mit einer Geste der Scham beginnen können, doch er beginnt mit einer jähen Schuldzuweisung an das Opfer. Der Angeklagte wendet sich direkt ans Schwurgericht. Bevor er etwas zu seiner Person und zu seinem Werdegang sagen könne, müsse er etwas loswerden: „Dass ich unschuldig bin, da es Notwehr war.“ Mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg ist dieses Statement nicht abgesprochen. Der erfahrene, viele sagen ausgekochte Rechtsanwalt wird nach dem ersten Verhandlungstag sagen, dass es schwierig werden wird, an L.s Unrechtsbewusstsein zu appellieren.

Kein gutes Wort über getötete Ehefrau

Auch am zweiten Verhandlungstag sprach L. von Notwehr. Folgt man seinen Aussagen, dann war es seine Frau, die ihm nach dem Leben trachtete. „Aber wie heißt es in der Bibel?“, sagt Wolfgang L.: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert sterben.“ Der Angeklagte berichtet auch vom Kennenlernen der beiden im August 1998. Das sei in einem Bordell gewesen. Nach eigenen Angaben liest er seinen wesentlich jüngeren Frau jeden Wunsch von den Augen ab. Im „siebten Himmel“ und „scharf auf dieses junge Wesen“ sei er gewesen. Mitte Juni 2005 wird „pompös geheiratet“, Anfang Juli kommt das erste von zwei Kindern zur Welt. In seinen Ausführungen beschreibt Wolfgang L. seine Frau als sexsüchtig, als drogensüchtig, als kriminell. Zuletzt habe sie versucht, ihn zu vergiften.

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Sohn berichtet vom Kampf mit eigenem Vater im Gartenteich

Collin L. (15 Jahre, Name von der Redaktion geändert) war dabei, als der Vater in einem Garten in Glindow die Mutter getötet hat. Er tritt als Nebenkläger vor Gericht auf – und als Zeuge. Als Sohn des Angeklagten müsste er nicht aussagen: Angehörige genießen ein Zeugnisverweigerungsrecht. Der Junge aber hatte entschieden, den Fragen des Gerichts Rede und Antwort zu stehen – er hatte mit seinem Anwalt zudem erörtert, das öffentlich und in Gegenwart des Angeklagten zu tun. Er habe Wolfgang – die Kinder nennen den Vater seit der Tat nurmehr beim Vornamen – nicht die Gelegenheit geben wollen, mit seiner Darstellung allein dazustehen und so die Tatsachen aufzuheben. Der Jugendliche sagt souverän und sachlich aus. Den Schilderungen des Vaters widerspricht er und füllt Leerstellen, die der Angeklagte gelassen hat. Er schildert auch, wie er seiner Mutter zu Hilfe kommen wollte, auf den Vater eingeschlagen habe und dieser ihm mitten ins Gesicht schoss.

Vermieter berichten von Todesdrohungen

Die Vermieter der Wohnung von Dorota L. sagen am vierten Prozesstag aus. Estera C. ist Ohrenzeugin der Tat, hat lautes Poltern in der Wohnung gehört und ihren Lebensgefährten Axel F. gebeten, die Polizei zu rufen. Vor Gericht sagt sie, dass sie das „Poltern direkt mit Herrn L. in Verbindung gebracht“ habe. In Erinnerung ist ihr geblieben, dass die Tochter mal Todesdrohungen des Vaters erwähnt habe. Auch Axel F. äußert sich vor Gericht und berichtet von einem schauerlichen Gespräch mit dem Angeklagten. Er habe versucht, ihn dazu zu bewegen, Dorota loszulassen, wollte ihn aufmuntern. Er habe ihm gesagt: „Wir gehören längst nicht zum alten Eisen. Man kann immer noch eine neue Partnerin finden und eine tolle Familie haben. Aber du musst dich um die Kinder bemühen!“ Wolfgang L. habe entgegnet, die Kinder seien ohne Dorota nichts wert, und habe hinzugefügt „Eigentlich müsste man sie umbringen“. Als Axel F. am Tattag die Polizei um genau 18.27 Uhr anruft, das Gespräch dauert eine Minute und 45 Sekunden, kämpft Dorota L. um ihr Leben: Schreie sind zu hören, der Vermieter versucht Wolfgang L. von seinem Tun abzubringen, dann sagt er der Polizei: „Hier wird gerade ’ne Frau ertränkt!“.

Angeklagter provoziert Zeugen und Richter

Der wegen Mordes angeklagte Wolfgang L. (65) strapaziert am fünften Verhandlungstag mit seiner Redseligkeit, seinen Anschuldigungen, Provokationen und Geschmacklosigkeiten die Geduld aller Prozessbeteiligten in Potsdam. Seit fünf Jahren ist Theodor Horstkötter Vorsitzender der ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Potsdam. Der Fall des Wolfgang L. fordert den souveränen Richter in besonderem Maße. Mehrmals muss er Wolfgang L. ermahnen, sachlich zu bleiben. Warnt ihn, keine Grenzen zu überschreiten. Wird energisch, wie man ihn selten erlebt, für einen Moment sogar laut. Doch der Angeklagte ist nicht zu stoppen: Eine Zeugin beschuldigt er, eine Mörderin zu sein, seine Ehefrau und deren Familie will er in Misskredit bringen und dann gerät er auch noch mit seinem eigenen Anwalt aneinander, der sich weigert, die Fragen seines Mandaten vor Gericht vorzutragen: „So einen Blödsinn frage ich nicht“. Am Ende des Verhandlungstages und mehreren Dutzend Ermahnungen bittet Horstkötter den Angeklagten zu einem persönlichen Gespräch.

Tochter berichtet von der toten Mutter

Am sechsten Verhandlungstag schlägt die Stunde der Töchter. Sie könnten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen, aber sie wollen – bis auf die älteste, die mit dem Angeklagten nichts mehr zu tun haben möchte – aussagen. Sie sind unabhängig voneinander aufgewachsen, aber ihre Schilderungen ähneln sich. Sie erzählen von einem meist unbeherrschten Vater, der droht, der manipuliert und erniedrigt. Mit Spannung wird der Auftritt der jüngsten Tochter erwartet. Charlotte L. hat sich ausdrücklich gewünscht, aussagen zu dürfen. Sie beschreibt ihre Mutter als liebevollen Menschen. Am Tag der Tat sieht sie mit an, wie ihre Mutter in den Teich fällt, ihr Vater hinterherspringt und seine Frau unter Wasser drückt, bis sie sich nicht mehr bewegt. Danach habe der Angeklagte alle, die helfen wollten, mit der Pistole bedroht. Als der Bruder sich auf ihn stürzt, knallt‘s – der Vater hat auf den Sohn geschossen. Doch Charlotte bleibt am Teich. Sie steht auch noch da, als die Nachbarn den leblosen Körper aus dem Wasser ziehen und die Notfallsanitäter vor Ort sind: „Ich habe gesehen, wie sie die Augen noch einmal aufgemacht hat“, sagt die 12-Jährige vor Gericht.

Wolfgang L. ist nach der Tat mit einem Wagen frontal gegen eine Mauer gefahren. Quelle: MAZ

„Ich habe geträumt, dass ich dich töte“

Während des Prozess wird bekannt, dass Dorota L. bereits drei Wochen vor ihrem gewaltsamen Tod die Flucht vor ihrem Ehemann ergriffen hatte. Wolfgang L. hatte gedroht, sie umzubringen. Die Polizei rückte damals zum Großeinsatz inklusive Hubschrauber aus. Doch Dorota L. zog die Anzeige damals zurück.

Gutachter bescheinigt Angeklagtem Großmannssucht

Was Peter Kalus, promovierter und habilitierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Neurologie, am achten Prozesstag über den angeklagten Wolfgang L. ausführt, ist wenig schmeichelhaft, aber vielsagend. Da ist der Angeklagte, gemessen an seinem bisherigen Mitteilungsbedürfnis, geradezu sprachlos. Mehr als zwanzig Stunden hatte der Experte dem Angeklagten zugehört. Er hat ihn vier Mal in der Untersuchungshaft besucht, hat mit ihm über das Leben und die Tatvorwürfe gesprochen, hat Krankenakten ausgewertet und die Verhandlung begleitet. Seine Expertise ist umfassend. Unter anderem stellt er klar, dass der Angeklagte nicht im Wahn gehandelt habe, als er seine Frau getötet habe. Wolfgang L. habe „kompetent“ zugestochen – nicht wahllos. Er habe „kompetent“ ertränkt, so der Gutachter. Für den Tag der Tat hat der Experte eine Annahme, wie es zu dem Verbrechen kommen konnte Es gab Plan A – seine Ehefrau kommt zu ihm zurück – und es gab Plan B...

Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Gefängnisstrafe

Am vorletzten, am neunten Verhandlungstag standen die Plädoyers der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft an: Eine lebenslange Freiheitsstrafe unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld hatten die Staatsanwaltschaft und die Vertretung der Nebenklage für den vor dem Landgericht Potsdam wegen des Mordes an seiner Ehefrau (40) angeklagten Wolfgang L. (65) gefordert.

Der Angeklagte Wolfgang L. (Mitte, verpixelt) mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg (rechts) am ersten Prozesstag am Landgericht Potsdam. Quelle: Varvara Smirnova

Mit Spannung war der Schlussvortrag der Verteidigung erwartet worden, doch der Anwalt des Angeklagten, Matthias Schöneburg, formulierte keinen konkreten Strafantrag. Vielmehr legte er den Ausgang des Prozesses ganz in die Hände des Gerichts. Der erfahrene Strafverteidiger eröffnete seine Rede mit einem Eingeständnis: „Hohes Gericht, selten ist es mir so schwer gefallen zu plädieren wie am heutigen Tage.“ Dies, so Schöneburg, liege an der Diskrepanz zwischen der Version des Tathergangs, die sein Mandant geschildert habe, und der Version, die die Beweisaufnahme zu Tage gefördert hatte.

Am Donnerstagvormittag, 20. Mai 2021, wurde das Urteil gegen Wolfgang L. gesprochen: Lebenslange Haftstrafe. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest.

Von MAZonline / Nadine Fabian

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