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Potsdam Trevor Pinnock: So denkt der Stardirigent über Potsdam
Lokales Potsdam Trevor Pinnock: So denkt der Stardirigent über Potsdam
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17:55 19.11.2019
Der britische Dirigent Trevor Pinnock kennt die Stadt von seiner Arbeit mit der Kammerakademie Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Kaum ein anderer Platz eignet sich besser als der Alte Markt, um mit dem britischen Dirigenten Trevor Pinnock über Brüche zu reden. Der musikalische Leiter der Potsdamer Winteroper „Lazarus-Lonely Child“ präsentiert damit ein geistliches Musiktheater, welches das religiöse Drama von Franz Schubert (1797–1828) mit der Solo-Kantate des modernen Komponisten Claude Vivier (1948–1983) verbindet.

Am 22. November gibt er mit der Kammerakademie Potsdam und dem Vocalkreis Potsdam sechs Aufführungen. Alt und neu prallen dabei aufeinander, so wie die Architektur im Herzen der Stadt. „Ich bevorzuge Neues“, sagt der 72-Jährige mit Blick auf das Palais Barberini und die anderen historisierenden Bauten. „Wenn etwas Bestehendes restauriert wird, ist es in Ordnung“, und er relativiert: „Hier hat man eine weiche Lösung gewählt, man wollte etwas Ansprechendes machen und das ist schön.“

Ans FH-Gebäude kann er sich erinnern

Vor gut zehn Jahren kam er zum ersten Mal nach Potsdam, die Ansicht zu Zeiten des Sozialismus kennt er nicht. An das FH-Gebäude kann sich Pinnock zwar erinnern, scheint aber kein großer Fan gewesen zu sein. „Das Wichtige ist, dass überhaupt etwas passiert“, bemerkt er mit Blick auf die Baustelle versöhnlich.

Trevor David Pinnock (* 16. Dezember 1946 in Canterbury, England) ist ein englischer Dirigent und Cembalist zu Besuch in Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Stadt habe ein starkes Geschichtsbewusstsein, lebe aber auch eine dynamische Gegenwart. Den „Potsdamer Geist der Erneuerung“, wie er es nennt, habe er auch im Großen Waisenhaus, wo er schon wohnte, kennengelernt. Die neue Zukunft sieht er nicht nur in der Umwandlung des barocken Gebäudes in ein schlichtes Hotel, sondern auch im Konzept, junge Menschen mit besonderen Bedürfnissen beim Einstieg ins Berufsleben zu unterstützen.

Nicht alles sollte man rekonstruieren

„Und natürlich der Baukomplex des Hans-Otto-Theaters mit der sehr guten Verwendung der Alten Reithalle!“ Auch das Holländische Viertel, den alten Stadtkanal und Alexandrowka nimmt der Stardirigent als lebendiges Erbe Potsdams wahr; die Diskussion um die Garnisonskirche hat er mitbekommen. „Die Zeiten ändern sich, das Leben muss weiter gehen“, sagt er, und spricht sich dafür aus, Bauten aus dem 17. oder 18. Jahrhundert nicht wieder zu rekonstruieren. „So können wir nicht immer weiter machen.“

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Das überrascht vielleicht für einen Mann, der für seine historisch informierte Aufführungspraxis auf zeitgenössischen Musikinstrumenten weltberühmt geworden ist – die reine Lehre ist allerdings ein Kapitel, das hinter ihm liegt.

Der Geist der Bach’schen Familie in Sanssouci

Über 30 Jahre schrieb er mit „The English Concert“ Musikgeschichte, doch auch damals trieb ihn der Entdeckergeist: „Ich wollte es mit alten Instrumenten ausprobieren und wusste nicht, wohin mich das trägt.“ Zu seinem 60. Geburtstag schenkte er sich das Projekt „European Brandenburg Ensemble“ und spielte mit der Formation Bachs Brandenburgische Konzerte ein. „Brandenburg ist gesegnet, dass es mit diesen Kompositionen in der Musikgeschichte verewigt wurde“, sagt er und rühmt genauso die Flüsse, Seen und Spaziergänge im Umland.

Doch der gefeierte Cembalist fühlt sich auch in Sanssouci wohl. Mit dem Flötisten Emmanuel Pahud nahm er nicht nur die „Flötenkönig“-CD zum Friedrich-Jubiläum auf, sondern auch die Flötenkonzerte des Hofkomponisten Carl Philipp Emanuel Bach – beide mit der Kammerakademie Potsdam. In Sanssouci spüre er – wörtlich: „rieche ich“ – den Geist der Bach’schen Familie.

Jung gestorben, mit dem Glauben gerungen

Trevor Pinnock ist im englischen Canterbury geboren, einer historischen Stadt, die ebenfalls im Zweiten Weltkrieg verheerende Zerstörungen erlitt. Architektonische Brüche sind ihm daher vertraut. „Ich habe den Wiederaufbau als kleiner Junge miterlebt“, erinnert er sich, „vieles davon wurde inzwischen schon wieder abgerissen und erneuert; es gefällt mir nicht, aber so ist das Leben.“

Trevor Pinnock (l.) und Regisseur Frederic Wake-Walker. Quelle: Beate Wätzel

Eigentlich hatte er sich auf die Mozart-Oper „La clemenza di Tito“ im Schlosstheater im Neuen Palais eingestellt, doch als dieses nicht rechtzeitig fertig wurde, sei ihm die Möglichkeit zu „Lazarus – Lonely Child“ geschenkt worden. „Schubert und Vivier sind beide jung gestorben. Auch wenn beide mit ihrem Glauben gerungen haben, ist ihre Musik unbestreitbar spirituell.“

Programm der Winteroper

Franz Schuberts „Lazarus“ und Claude Viviers „Lonely Child“ sind die beiden großen Werke, die in diesem Jahr bei der Potsdamer Winteroper erklingen werden.

Premiere ist am Freitag, dem 22. November, um 19 Uhr in der Friedenskirche. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Weitere Vorstellungen sind am 22., 23., 26., 27., 29. und 30. November.

Karten gibt es an der HOT-Theaterkasse und allen MAZ-Vorverkaufsstellen, sowie unter: Tel. 0331/2 84 02 84.

Die musikalische Leitung hat Trevor Pinnock inne. Regisseur ist Frederic Wake-Walker. Es treten auf der Vocalkreis und die Kammerakademie.

Die Kompositionen, die Pinnock nahtlos hintereinander spielen lässt, passten zusammen wie zwei Handschuhe. Als sogenannte „Musique spectrale“ seien Viviers Kompositionen bahnbrechend gewesen, aber auch Schubert habe wegweisend gearbeitet. Für ihn fühle es sich an wie die Weiterführung des gleichen Werks, sogar die beiden Schlusssätze seien gleich schnell. Am Abend steht noch eine Probe an; so geht er wieder in sein Künstlerapartment, in das ihm – wie glücklich er darüber ist – ein Cembalo gestellt wurde.

Von Gabriele Spiller

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