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Potsdam „Ein Patient würgte mich“ – was Potsdams Rettungskräfte im Dienst erleben
Lokales Potsdam „Ein Patient würgte mich“ – was Potsdams Rettungskräfte im Dienst erleben
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22:28 30.07.2019
Rainer Schulz hat als Rettungskraft selbst erlebt, dass eine Situation zu eskalieren drohte. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Pöbeleien, Schubsereien, Tritte: Wer im Rettungsdienst arbeitet, muss auch in Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam mit Übergriffen rechnen. 2018 hatte das Team erstmalig alle Vorfälle dokumentiert. Das Ergebnis: 30 Übergriffe bei 23.000 Feuerwehr- und Rettungseinsätzen. Ob das viel oder wenig ist? Was genau dahinter steckt? Und wie sich die Einsatzkräfte darauf vorbereiten? Darüber spricht der stellvertretende Feuerwehrchef und Bereichsleiter, Rainer Schulz, im Interview.

Ein Jahr lang haben Ihre Kollegen aus dem Rettungsdienst alle Übergriffe dokumentiert. Welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben.

Rainer Schulz: Schwer zu sagen. Das Schlimmste, was in dem Jahr passiert ist, waren Bauch- und Fußtritte. Ein Faustschlag ins Gesicht, auch das gab es mal. Was wirklich heftig gewesen ist, war ein Vorfall vor ein paar Jahren in der Rettungsstelle. Da ist ein Patient mit einem Baseballschläger vollkommen ausgerastet, weder Rettungspersonal noch die anderen Mitarbeiter der Rettungsstelle konnten ihn beruhigen. Erst die Polizei konnte diesen Patienten bändigen. Der hat damals nicht nur in der Rettungsstelle großen Schaden angerichtet, sondern auch einen Kollegen schwer verletzt.

Was sind das für Situationen, in denen Rettungskräfte angegriffen werden?

Auch das ist sehr unterschiedlich. Häufig sind es Situationen, in denen die Menschen ohnehin schon angespannt oder aggressiv sind. Und sehr häufig sind Alkohol und Drogen mit im Spiel. Wenn wir zum Beispiel zu einer Massenschlägerei gerufen werden, dann ist die Situation vor Ort schon sehr angespannt. Wenn wir dann ankommen und sagen, lass mich mal zum Patienten durch, geht das Gemotze oft schon los. Dann liegt da vielleicht einer und blutet aus der Nase. Wir stillen die Blutung, messen den Puls, checken alle Vitalwerte – und alle anderen gucken zu. Wir arbeiten nach festen Algorithmen alle Einsätze ab. Manchen geht das aber nicht schnell genug, die meinen, dass wir nicht das Richtige tun und schreien rum: „Nun macht doch mal, macht doch mal was!“ In solchen Situationen wird auch schon mal geschubst.

Sind Sie selbst mal angegriffen worden?

Nicht direkt. Aber es gab Situationen, in denen ich mich durchaus bedroht gefühlt habe. Nach einem Trinkgelage auf einem Spielplatz sollten wir einen Verletzten behandeln. Mein Kollege und ich sind da also hingefahren, der Patient lag am Boden, atmete schwer und röchelte, alle anderen standen drumherum. Wir haben dann versucht, ihn zu beruhigen und um ihn wieder zu sich zu bringen, habe ich ihm auf die Wange geklatscht. Das hat die Herumstehenden so aufgebracht, dass sich mein Kollege hinstellen und mit dem Koffer schwenken musste, um sie auf Abstand zu halten. Da hatte ich das Gefühl, dass es jeden Moment kippen könnte, dass die aufgebrachte Menge mich von dem Patienten runterreißen könnte oder ähnliches. Und dann wurde auch noch der Patient selbst gewalttätig und würgte mich, sodass ich ihn festhalten und zu Boden drücken musste. In solchen Momenten kann es dann zu einer Interaktion zwischen Patient und Rettungskraft kommen, die von außen oft ganz anders wahrgenommen und mitunter missverstanden wird.

Sie fahren im Jahr etwa 20.000 Rettungs- und 3000 Feuerwehreinsätze, 30 Mal kam es 2018 zu Übergriffen. Ist das viel oder wenig?

Das ist wenig. Sehr wenig im Vergleich zu Städten zu anderen Großstädten mit sozialen Brennpunkten. Trotzdem nehmen wir jeden Fall sehr ernst.

Wie gut sind Ihre Kollegen auf so einen Ernstfall vorbereitet?

Gut. Und auch deshalb sind einige Übergriffe nicht schlimmer ausgefallen. Die Kollegen sind geschult und sensibilisiert, wie man sich in schwierigen Situationen verhält. Wir haben Schulungen mit der Polizei zusammen gemacht und ein Deeskalationstraining absolviert. Auch die Kollegen in der Leitstelle sind geschult, um den verbalen Beschimpfungen am Telefon begegnen zu können. Für uns im Außeneinsatz geht es schon mit der Frage los: Wir trete ich auf? Beispiel: Wohnungseinsatz. Da sitzt eine Gruppe Betrunkener, es gab Streit, dem einen blutet die Nase. In einer solchen Situation herrscht oft ein riesiges Spannungsverhältnis. Doch das kann man schon mit seinem Auftritt beeinflussen, mit Mimik, Gestik und klaren Ansagen. Wir nutzen auch unsere Behandlungskoffer, um Abstand zu schaffen. Da haben wir gute Tipps mit an die Hand bekommen.

Sie sind seit Mitte der 1980er Jahre im Geschäft. Haben die Menschen in der Zeit den Respekt vor den Rettern verloren?

Gefühlt ja. Die Berufsfeuerwehr hat in Potsdam erst nach der Wende mit dem Rettungsdienst angefangen. Da gab es eigentlich keine Übergriffe, es sei denn, man kam mal zu einer betrunkenen Runde, das war schon immer eine Herausforderung. Inzwischen sind unsere Einsatzzahlen extrem gestiegen, bis vor zwei Jahren jedes Jahr um fünf bis zehn Prozent. Das ist überproportional zum Wachstum der Stadt – und ein bundesweiter Trend. Ich bin überzeugt: Das hängt auch mit dem Selbstverständnis der Bürger zusammen. Rettung ist für den Bürger zur Dienstleistung geworden. Leider häufig auch dann, wenn es eigentlich kein Notfall ist. Wenn man das dem Patienten allerdings sagt, eckt man schnell an. Da ist das Verständnis dafür, dass wir möglicherweise für einen echten Notfall dann nicht einsatzbereit sind, leider nicht so groß.

Macht das nicht wütend?

Manchmal schon, aber die Leute wissen es vielleicht nicht besser. Und trotzdem ist es für uns ein Problem. Wenn wir hier abends zusammensitzen und über den Tag sprechen, dann geht es immer auch darum, wer welche Einsätze hatte. Dann sagt der eine: Ich war schon wieder im Pflegeheim und habe jemanden ins Bett gehoben. Der andere ist zu einem eingeklemmten Finger gerufen worden. Und der nächste hatte einen Patienten, der seit Wochen Rückenbeschwerden hat. Das sind alles keine Fälle für die Notfallrettung. Und da müssen auch wir uns nach dem 15. Einsatz dieser Art zurücknehmen, um freundlich zu bleiben.

Dann haben Sie an dieser Stelle noch mal die Möglichkeit, um das mal klarzustellen: Was genau ist ein Fall für die Notfallrettung?

Bewusstlosigkeit, akute Atemnot, Verkehrsunfälle mit schwer verletzten Personen, Brustschmerzen oder akute Lähmungserscheinungen, die auf einen Schlaganfall hinweisen.

Als Reaktion auf die Zahl der Übergriffe fordert die CDU in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung einen „Tag des Respekts“. Was halten Sie davon?

Es gibt den Tag des Ehrenamtes. Wir haben unseren eigenen Feuerwehr-Tag. Wenn es nun auch noch einen „Tag des Respekts“ geben soll, dann sollte das ein Tag sein, der nicht nur auf uns Rettungskräfte zielt und sagt: Nun geht aber alle ordentlich mit Euren Rettungskräften um! Es sollte ein Tag sein, an dem sich alle fragen sollten: Wie gehe ich eigentlich mit meinem Gegenüber um? Und da sind wir als Rettungskräfte genauso gefragt wie alle anderen.

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