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Potsdam „Ich habe stillend geschrieben“ – Zwei Potsdamer Professorinnen über Karriere in der Wissenschaft
Lokales Potsdam „Ich habe stillend geschrieben“ – Zwei Potsdamer Professorinnen über Karriere in der Wissenschaft
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08:40 11.02.2020
Ulrike Lucke (l.) und Uta Herbst haben geschafft, wovon viele in der Wissenschaft träumen: Sie haben ein Professur ergattert. Quelle: Varvara Smirnova
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Potsdam

Sie haben geschafft, wovon viele in der Wissenschaft träumen, was aber nur wenige erreichen: Ulrike Lucke (44) und Uta Herbst (40) sind 2010 und 2012 an der Universität Potsdam zu Professorinnen berufen worden. Beide sind dreifache Mutter, beide haben seit dem Studium ohne Pause an ihrer wissenschaftlichen Karriere gearbeitet. Zum „Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft“ am 11. Februar sprechen sie über einen steinigen Weg, verkrustete Strukturen und den Preis des Erfolgs.

Sie haben als Wissenschaftlerinnen das große Los gezogen – und eine Professur ergattert. Wie ist Ihnen das gelungen?

Ulrike Lucke: Mit ganz viel Glück. Denn das braucht es, egal, wie gut man ist. Und ich habe viel meinem ehemaligen Chef zu verdanken, der mir seine Netzwerke geöffnet, mich aktiv nach vorn geschoben und mitunter Tempo gemacht hat, wenn ich eher langsamer gegangen wäre.

Uta Herbst: Ich bin 2012 hierhergekommen, da waren nach einer langen Dürrephase plötzlich drei, vier W3-Professoren ausgeschrieben. Ich hatte das Glück eine davon zu ergattern. Doch bis dahin musste man erstmal kommen – und dafür brauchte es vor allem Bissigkeit, nicht im Sinne von Ellbogen, sondern von Durchhaltevermögen.

Braucht man das nicht in jedem Job?

Herbst: Vermutlich. Aber Wissenschaft ist schon ein besonders hartes Geschäft. Vier, fünf Jahre muss man mit wirklich wenig Gehalt auskommen, extrem fleißig sein und dabei nicht den Glauben verlieren, dass es eines Tages klappt.

War es für Sie noch härter, weil Sie Frauen sind?

Herbst: Auf jeden Fall. Ich habe in der Habilitationszeit zwei Kinder bekommen und stillend geschrieben. Darüber hinaus musst du Präsenz zeigen, auf Konferenzen dein Köpfchen hinhalten, als Habilitantin Vorträge halten – wenn du das nicht machst, bist du weg. Ich musste zum Teil vier Wochen alte Babys allein lassen. Da nimmt der Wissenschaftsbetrieb keine Rücksicht drauf.

Lucke: Das Kinderkriegen macht die Habilitationszeit mindestens doppelt so anstrengend. Allein schon die Hormone nach der Geburt… da kann man nicht mehr klar denken. In so einer Situation einen sauberen Text zu verfassen, ist ein Kraftakt. Und klar, man muss präsent sein – Kinder hin oder her. Ich habe meine Kinder oft mitgeschleppt zu Konferenzen. Gelegentlich saß ich auch mit den ganzen „Old Boys“ in der Kneipe und habe da mein Kind gestillt.

Uta Herbst hat 2012 den Ruf für eine Professur in Potsdam bekommen. Quelle: Varvara Smirnova

Das klingt nach einem langen Weg. Erklären Sie doch mal einem Nicht-Wissenschaftler, wie man eigentlich genau Professor wird?

Herbst: Erstmal musst du ein relativ guter Student sein, der gerne liest, denkt und Spaß daran hat, allein in einem Büro zu sitzen. Wenn du dann deinen Studienabschluss hast, musst du promovieren und dafür fünf Jahre Durststrecke überstehen. Wenn du das dann sehr gut gemacht hast und noch immer Lust hast, allein vorm Rechner zu sitzen, dann arbeitest du weiter an Veröffentlichungen, versuchst Drittmittel einzuwerben, habilitierst. Und dann darfst du dich irgendwann auf Professuren bewerben. Was allerdings noch lange nicht heißt, dass du auch eine Professur bekommst.

Man darf also nicht wählerisch sein.

Herbst: Nein. Der deutsche Professor bewirbt sich überall. Ich komme aus Nürnberg, habe in Tübingen eine Juniorprofessur absolviert und wäre für eine W3- Professur in Deutschland wohl überall hin gegangen, wie alle jungen Wissenschaftler. In Potsdam zu landen, war ein Sechser im Lotto.

Lucke: An der Uni eine Professur zu kriegen, an der man studiert hat, ist ausgeschlossen. Der Wechsel ist also vorprogrammiert. Manche sagen dazu wissenschaftliches Nomadentum. Wir sind gezwungen – unsere Familien hinter uns her schleppend – durch die Welt zu reisen, einfach damit wir den nächsten Job überhaupt antreten können.

Sind Ihnen dann Ihre Männer ihnen denn so ohne weiteres hinterhergezogen?

Lucke: Ich bin allein umgezogen.

Herbst: Ich auch. Mein Mann sitzt noch in Stuttgart, der ist auch Professor. Er pendelt am Wochenende zu uns.

Lucke: Das habe ich auch viele Jahre gemacht – und inzwischen bin ich geschieden. Das ging irgendwann nicht mehr. Und wenn ich mich im Kollegenkreis umschaue… Da ist die Mehrheit der Beziehungen, die auf diese Distanz gelebt haben, inzwischen auch kaputt.

Herbst: Viele männliche Professoren haben es da leichter. Denen sind die Frauen hinterher gezogen, arbeiten häufig maximal Teilzeit. Diese Kollegen sind alle noch verheiratet. Wir haben auch oft Spannungen daheim, weil wir eigentlich immer darum kämpfen, wer arbeiten darf. Meine Tochter fiebert seit Tagen. Und mein Mann? Der fliegt nach Stuttgart, weil er Vorlesung hat. Ich habe genauso einen Vollzeit-Job und dazu jetzt auch noch die schlaflosen Nächte.

Ulrike Lucke ist seit 2010 Professorin an der Universität Potsdam. Quelle: Varvara Smirnova

Die Verantwortung für die Kinder liegt also auch in der Wissenschaft noch immer bei den Frauen.

Herbst: Ich bin eigentlich nicht so eine Emanze, aber ja...

Lucke: …die Männer nehmen sich das einfach. Und wir haben immer noch dieses schlechte Gewissen, das uns sagt, du musst sowohl eine perfekte Mami als auch eine perfekte Professorin sein. Die männlichen Kollegen erlauben sich, immer nur eins zurzeit zu sein. Und haben kein schlechtes Gewissen dabei.

Dabei steht die Universität Potsdam laut einer jüngsten Untersuchung bei der Professorinnen-Quote im Vergleich gut da. Warum?

Lucke: Ich halte das für Zufall. Und: Wir standen schon besser da. Als ich 2010 an die Uni kam, hatten wir eine Uni-Präsidentin, eine Uni-Kanzlerin und zwei von vier Vizepräsidenten waren weiblich. Inzwischen ist Uta Herbst die einzige Frau im Führungskreis der Uni.

Was ist das Problem?

Lucke: Die Frage ist: Wer sucht wen aus? Und Männer suchen eben immer noch Männer aus, das System reproduziert sich selbst. Gleichzeitig wirkt das System natürlich auch von unten. Als ich her gekommen bin, waren 30 Prozent der Informatikstudenten weiblich, 30 Prozent der Stellen im Mittelbau und in den Professuren waren mit Frauen besetzt. Inzwischen ist eine Kollegin durch einen Kollegen ersetzt worden und peu à peu geht der Anteil im Mittelbau und bei den Studierenden nach unten. Es wächst von unten einfach weniger nach, wenn oben weniger sichtbar ist. Das sind Struktureffekte, die kann man nicht durch gut zureden in den Griff kriegen.

Wie denn?

Lucke: Ich war lange kein Freund dieses Instruments, aber ich glaube für eine Übergangsphase kriegen wir es nicht anders hin, als dass wir Quotenfrauen in verantwortliche Positionen hieven.

Nun ist die Frauenförderung das eine. Oft ist es aber auch so, dass sich auf verantwortliche Stellen nur wenige Frauen bewerben. Wollen viele Frauen vielleicht gar nicht so viel Verantwortung?

Lucke: Ich glaube, das ist eine Frage von Erwartungshaltung und wie diese kommuniziert wird. Die typischen Stellenausschreibungen sind voller Schlagworte und großspuriger Erwartungshaltungen, aber es nicht klar, was das konkret in der Praxis bedeutet. Frauen übernehmen nun mal ungern Aufgaben, bei denen sie nicht sicher sind, dass sie die auch wirklich schaffen. Und dann bewerben sich die Frauen nicht. Männer sehen das oft sportlicher, sind da wettbewerbsorientierter.

Herbst: Ich bin übrigens auch ein Freund der Quote, sonst tut sich gar nix in einer männerdominierten Welt. Ich habe ständig Meetings um 17 oder um 18 Uhr – genau zu der Zeit, zu der sich in der Regel Frauen um ihre Kinder kümmern müssen. Auch der Wirtschaftsrat der Stadt Potsdam tagt immer von 17 bis 18.30 Uhr. Ich bin dort seit drei Jahren Mitglied und ich war selten da, ab 20 Uhr oder vor 17 Uhr sähe das anders aus.

Lebensläufe

Ulrike Lucke ist Informatikerin und leitet an der Universität Potsdam den Lehrstuhl für „Komplexe Multimediale Anwendungsarchitekturen“ am Institut für Informatik und Computational Science. Die 45-Jährige ist gebürtige Rostockerin, hat in Rostock auch studiert, promoviert und habilitiert. Seit 2010 ist sie Professorin an der Universität in Potsdam. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Bildungstechnologien.

Uta Herbst ist Inhaberin des Lehrstuhls für Marketing an der Universität Potsdam. Ihr Forschungsschwerpunkt ist der Bereich des Verhandlungsmanagement. Sie hat Kommunikationswissenschaften in Hohenheim studiert, in Betriebswirtschaft promoviert und hatte anschließend an der Uni Tübingen eine Juniorprofessur inne.

Welche Rolle spielen Vorbilder?

Herbst: Es braucht unbedingt Role Models. Und wir haben als Professorinnen eine extreme Vorbildfunktion. Zumal der Beruf des Wissenschaftlers, des Professors eigentlich perfekt für Frauen ist. Es gibt so tolle Beispiele von Wissenschaftlerinnen. Ich glaube, dass wir Frauen manchmal ein anderes Gespür haben für Dinge, Sachen anders durchdenken und gerade diese Andersartigkeit im Denken ist wichtig in der Wissenschaft.

Lucke: Diese Vorbild-Funktion kann aber auch nach hinten losgehen. Bei mir haben einige Frauen die Wissenschaft verlassen, weil sie gesagt haben: „Ulrike, ich sehe, wie du dich kaputt machst. Du hast diesen Weg geschafft, aber ich traue mir das nicht zu und möchte lieber die Sicherheit, die mir ein Job in der Wirtschaft bietet.“ Das gibt mir auch zu denken und sagt mir, dass wir dieses „Sich-Kaputt-Machen“ auch wegen unserer potenziellen Nachfolgerinnen nicht übertreiben dürfen.

Was muss sich für Frauen in der Wissenschaft ändern?

Lucke: Grundsätzlich müssen sich Haltungen ändern, aber Haltungen kann ich nicht verordnen. Um Haltungen in Menschen zu verändern, müssen sich Strukturen verändern, Auswahlprozesse und Kommissionen. Schon die Ausschreibungen müssen sich verändern und eine geschlechtsneutrale Perspektive einnehmen.

Herbst: Da geht es auch um ganz simple Dinge wie Konferenztermine. Wer die festlegt, sollte die Termine so legen, dass da auch Eltern können.

Lucke: Ich bin dafür, dass Meetings grundsätzlich erst ab 9 Uhr beginnen und um 17 Uhr zu Ende sind. Bei Konferenzen kann man auf die Locations achten, sodass man dort auch mit Familien hinfahren kann. Ich war schon auf Konferenzen, da gab es im Hotel nur Einzelzimmer.

Herbst: Es braucht einfach mehr Verständnis. Als Fakultät sollte man sehen, dass da gerade ein Kind ist und gegebenenfalls auch mal einen Termin umlegen. Ich muss doch nicht jemandem, der gerade Kinder bekommt, noch weitere Posten „androhen“. So nach dem Motto: „Zeig doch mal, ob Du das wirklich schaffst und Du das wirklich kannst.“ Ich glaube, wenn es da mehr Verständnis geben würde, wäre schon viel gewonnen.

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Von Anna Sprockhoff

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