Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Erste Professur für Klima und Gesundheit – Die Erde als medizinischer Notfall
Lokales Potsdam Erste Professur für Klima und Gesundheit – Die Erde als medizinischer Notfall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:21 09.09.2019
Sabine Gabrysch, Professorin für Klimawandel und Gesundheit am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und an der Berliner Charité Quelle: Jan Russezki
Potsdam

Potsdam ist ein medizinischer Notfall. Davon ist die Epidemiologin Sabine Gabrysch überzeugt. Sie ist Deutsch­lands ers­te und ein­zi­ge Pro­fes­sorin für Kli­ma­wan­del und Ge­sund­heit am Pots­dam-In­sti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung und an der Ber­li­ner Cha­rité. Die MAZ hat sie gefragt, wie ernst es um die Landeshauptstadt steht.

Frau Gabrysch, Sie sind Medizinerin, forschen aber zu Klimafolgen. Wie passt das zusammen?

Sabine Gabrysch: Ich will immer an die Wurzel der Probleme. In der klinischen Medizin kann man einzelnen Kranken helfen. Wenn man jedoch an die systemischen Ursachen von Gesundheitsrisiken heran geht, hat man einen viel höheren Hebel, um für viele Menschen etwas zum Positiven zu verändern. Und deswegen habe ich zusätzlich Epidemiologie studiert, um mich mit gesellschaftlichen Lösungen für die Eindämmung von Krankheiten zu beschäftigen.

In Ihren Krankenakten stehen also selten Hitzschläge. Was steht stattdessen drin?

Hitzewellen führen in unseren Städten durchaus zu zusätzlichen Todesfällen, vor allem bei Alten und Kranken. Mit dem menschengemachten Klimawandel nehmen solche Wetterextreme zu, da müssen wir also was tun. Ich selbst forsche vor allem zum Thema Ernährung. Durch die Landwirtschaft hängen die Menschen stark von vorhersagbaren Wetterbedingungen ab. Regnet es mal zu viel, mal zu wenig, zu früh oder zu spät, dann sind die Ernten nicht mehr sicher.

In Bangladesch kam vor zwei Jahren der Monsun viel zu früh, das Gebiet im Nordosten stand zu früh unter Wasser und ein großer Teil der Reisernte dort ist verfault. Wir konnten dann in unseren Daten sehen, dass die Ernährungssicherheit beeinträchtigt war. Die Mangelernährung von Schwangeren und Kleinkindern beeinträchtigt die Gesundheit und Entwicklung der Kinder, was dann lebenslang Folgen haben kann.

Potsdam hat gerade den „Klimanotstand“ ausgerufen. Sind wir denn wirklich in Not?

Klar sind wir das. Wir fallen natürlich nicht gleich tot um, aber wenn wir nicht sofort handeln, haben wir künftig immer weniger Handlungsoptionen. Die ökologische Krise ist auf eine Weise auch ein medizinischer Notfall, weil auf Dauer die Sicherheit unserer Zivilisation bedroht ist.

In Brandenburg beeinträchtigen Trockenheit und Hitze die Ernten. Bedroht das unsere Gesundheit?

Nein, weil wir reich genug sind, um die Folgen abzupuffern. Wir haben ein Sozialversicherungssystem, Krankenversicherungen und können auf dem Weltmarkt Lebensmittel kaufen. Wenn bei uns hier und da eine Ernte ausfällt, führt das nicht dazu, dass in Deutschland jemand hungert. Das ist anderswo der Fall. Auf uns wirken sich eher die Folgen davon aus, dass die Menschen in ärmeren Ländern keine solchen Puffer haben.

Also ist der Hunger anderer Menschen unser Problem?

Wenn aufgrund von Dürren in anderen Weltregionen Nahrung knapp wird, kann das dort zu Verteilungskonflikten führen und politische Krisen verschärfen bis hin zu Konflikten und Migration. Nehmen wir wieder das Beispiel Bangladesch: Dort leben 160 Millionen Menschen auf der Fläche von etwa zweimal Bayern. Ein Großteil des Landes liegt nur knapp über dem Meeresspiegel.

Wo sollen die Menschen hin, wenn der Meeresspiegel steigt und Teile des Landes unter Wasser setzt? Viele Flüchtlinge bleiben in ihrer Region, aber wir sehen ja, was schon mit der relativ kleinen Fluchtbewegung aus Syrien passiert.

Der Klimawandel ist kein neues Phänomen. Warum wurde die erste Professur für Klimawandel und Gesundheit jetzt erst etabliert?

In anderen Ländern, zum Beispiel in England, wird an der Schnittstelle von Klima und Gesundheit schon länger geforscht. Der Klimawandel ist ein globales Gesundheitsthema und Deutschland hinkt im Bereich Global Health hinterher. Im 19. Jahrhundert, zu Zeiten von Rudolf Virchow, der für eine sowohl naturwissenschaftlich als auch sozial orientierte Medizin stand, war es noch anders.

Dann haben die Nationalsozialisten das Thema Volksgesundheit aber für ihre unmenschlichen Zwecke missbraucht. Danach wurde sich mehr auf biomedizinische Grundlagenforschung konzentriert.

Warum ist die Professur dann ausgerechnet jetzt wichtig?

Deutschland wird sich gerade seiner globalen Verantwortung bewusst – für die Gesundheit und für das Klima. Die Ärmsten der Welt haben die Klimakrise nicht verursacht, aber sie leiden am meisten darunter. Die Hilfsorganisation Oxfam hat ausgerechnet, dass die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung für etwa die Hälfte der jährlichen Treibhausgase verantwortlich sind, die ärmsten 50 Prozent aber nur für zehn Prozent. Man kann die Klimakrise nicht ohne die Gerechtigkeitsfrage diskutieren.

Wird diese Frage denn diskutiert?

Bei der Rio-Konferenz 1992 wurden Umwelt und Entwicklung schon zusammen gedacht. In der Forschung sind wir seither weit gekommen – aber in der politischen Praxis leider nicht.

Das ist lange her. Frustriert Sie das?

Klar ist es frustrierend, dass es so lange braucht, und dass es inzwischen so spät ist, dass wir manche Schäden nur noch begrenzen, aber nicht mehr verhindern können. Aber momentan passiert total viel. Die Gesundheitsberufe wachen auf, der Ärztetag fokussiert auf das Thema im nächsten Jahr. Und dass die jungen Leute mit „Fridays for Future“ alle anderen wachrütteln: das zu sehen ist inspirierend. Die Bewegung, auf die wir schon lange warten, ist gerade im Kommen.

Und wie werden Sie ein Teil der Bewegung in Deutschland?

Ich bin Wissenschaftlerin, aber unsere Forschungsergebnisse sind nützlich für die Gesellschaft. Die gute Nachricht ist: Wenn wir das umsetzen, was für den Klimaschutz dringend notwendig ist, dann tun wir damit gleichzeitig etwas Gutes für die Gesundheit: zum Beispiel übermäßigen Fleischkonsum reduzieren und agrar-ökologische Landwirtschaftspraktiken fördern, oder Städte freundlicher für Radfahrer und Fußgänger zu gestalten. Ich habe bisher zur Gesundheit in Entwicklungsländern geforscht, aber ich möchte in Zukunft auch Win-Win-Lösungen in Deutschland evaluieren.

Was kann Potsdam schon jetzt tun?

Wir müssen uns an die Klimaveränderungen anpassen, die jetzt schon da sind, und Hitzeaktionspläne umsetzen und dergleichen. Aber das Wichtigste ist natürlich, dass wir den Klimawandel stoppen, um katastrophale Folgen hier und anderswo zu vermeiden. Dafür braucht es einen Plan, wie wir rasch klimaneutral werden können. Die Politik muss dringend handeln und die Weichen stellen – in Potsdam und in Berlin. Um die Gesundheit der Menschen zu schützen, brauchen wir letztendlich einen gesunden Planeten mit einem stabilen Klima.

Lesen Sie dazu auch:

Über das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wurde 1992 gegründet. Es hat seinen Standort auf dem Telegrafenberg im Gebäude des früheren königlichen Astrophysikalischen Observatoriums.

Das Institut 315 Mitarbeiter gehört dem Forschungsverbund Leibniz an. Finanziert wird es je zur Hälfte vom Land Brandenburg und vom Bund.

Die Forscher untersuchen wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Fragestellungen in den Bereichen Globaler Wandel, Klimawirkung und Nachhaltige Entwicklung – so lautet die selbst formulierte „Mission“. Dabei erarbeiten Natur- und Sozialwissenschaftler interdisziplinäre Einsichten als Grundlage für Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die wichtigsten methodischen Ansätze sind System- und Szenarienanalyse, quantitative und qualitative Modellierung, Computersimulation und Datenintegration.

Von Jan Russezki

Das Potsdamer Rathaus prüft eine deutliche Erhöhung der Zuschüsse für das Urania-Planetarium von aktuell 107.000 auf 230.000 Euro jährlich. Auch die Anschaffung neuer Technik soll gefördert werden.

09.09.2019

Die Badesaison 2019 für die zwei Potsdamer Strandbäder am Templiner und am Tiefen See ist ein Erfolg gewesen. An den Besucherrekord von 2018 kam man allerdings nicht heran.

09.09.2019

Das neue Regenauffangbecken am Habichtweg in Golm ist ohne Wissen der Landschaftspfleger und Grundstückseigner auf einem eingetragenen Biotop angelegt worden und muss da wieder weg.

09.09.2019