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Potsdam Unterstützung für misshandelte Frauen
Lokales Potsdam Unterstützung für misshandelte Frauen
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09:29 10.07.2017
Die Psychologin Rosmarie Priet leitet die Potsdamer Opferberatung. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Ein 30-Jähriger aus Werder soll seine Ex-Freundin über Monate hinweg malträtiert haben. So hat er ihr laut Anklage eine glühende Zigarette auf die Stirn gedrückt und ihre Nase gebrochen. Auch vor Passanten und der eigenen Mutter machte der Beschuldigte nicht Halt. Der Prozess am Potsdamer Amtsgericht wird heute fortgesetzt. Die Leiterin der Opferberatung Potsdam, Rosmarie Priet, erklärt den Teufelskreis häuslicher Gewalt.

Frau Priet, im aktuellen Prozess kam es zu einem denkwürdigen Moment: Die Mutter des Angeklagten gab sich selbst die Schuld dafür, dass der Sohn sie geschlagen hat, sie habe ihn ja provoziert.

Das ist eine typische Reaktion, die wir auch bei unseren Klientinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, immer und immer wieder beobachten – sie geben sich selbst die Schuld oder eine Mitschuld am Geschehenen, sie schämen sich und holen sich oft erst sehr spät Hilfe. Das ist so, weil der Täter ihnen genau das suggeriert.

Wie funktioniert das?

Meist haben wir es mit einem Gewaltkreislauf zu tun: Der Täter entlädt seine Wut, danach tut es ihm leid, er entschuldigt sich und verspricht, sich zu ändern. Viele Betroffene sind bereit, das anzunehmen, schließlich ist man schon lange zusammen, hat sich mal geliebt, hat vielleicht gemeinsame Kinder – und das gibt man nicht so schnell auf. Die Spannung steigt aber wieder an, bis sie sich erneut entlädt. Die Betroffenen fühlen sich in einem Teufelskreis gefangen und bekommen vom Täter immer wieder zu hören, dass sie Schuld seien, ihn provoziert hätten und es doch gar nicht so weit gekommen wäre, wenn sie zum Beispiel nicht zu streiten angefangen, das Essen pünktlich auf den Tisch gestellt, die Kinder still gehalten hätten. Irgendwann denken die Betroffenen selbst so.

Eine beständige Gehirnwäsche?

Ja, so kann man das nennen. Die Täter versuchen damit, die Gewalt zu rechtfertigen. Tatsächlich ist die Gewalt aber das Ventil für eigene Unfähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen oder Frustration auszuhalten. Indem die Täter ihre Partnerin kontrollieren, sie abwerten, schlagen oder vergewaltigen, demonstrieren sie Macht und Überlegenheit.

Warum trennen sich misshandelte Frauen nicht?

Die meisten haben Angst davor, dass der Täter im Fall der Trennung seine Drohungen wahr macht, es zu einem Anstieg der Gewalt kommt, er ihr die Kinder wegnimmt, sie oder die Kinder tötet. Die Frauen erleben die Täter als übermächtig und die Drohungen sind für sie real. Hinzu kommt die Angst vor dem Alleinsein, dem sozialen Abstieg, auch finanzielle Zwänge spielen eine Rolle.

Sich selbst die Schuld zu geben, ist die eine Sache. Oft ist aber zu erleben, dass das Umfeld dazu neigt, häusliche Gewalt zu bagatellisieren.

Das ist besonders schlimm. Da traut sich die Betroffene endlich, nach außen zu gehen und bekommt von außen Dinge zu hören wie: „Das kann doch gar nicht sein! Das ist doch so ein netter Kerl!“ Viele Frauen berichten davon, dass ihr Mann zwei Gesichter hat – das können sich andere oft nicht vorstellen. Wird bagatellisiert, ziehen sich die Frauen wieder zurück: „Mir glaubt ja keiner, es ist ja alles nicht so schlimm, das schaffst du schon“ – solche Gedanken spielen dann eine Rolle. Betroffene fühlen sich dann alleingelassen und hilflos.

Darf das Umfeld sich einmischen?

Ja, denn dies hilft, die Isolation zu durchbrechen, die Betroffene oftmals erleben. Eine Freundin oder vertraute Kollegin sollte auf jeden Fall nachfragen und auch zeigen, dass sie für die Betroffene da ist. Die Botschaften „Du bist nicht allein, du bist nicht die einzige, der das passiert“ sind ganz wichtig. Aber auch Nachbarn sollten aktiv werden, in dem sie die Polizei rufen oder der Betroffenen Unterstützung anbieten – wenn die Hilfe nicht immer gleich angenommen wird.

Ist häusliche Gewalt eine Frage des Milieus?

Nein, Gewalt kennt kein Milieu. Herkunft, Bildung, Einkommen: Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor, sie wird nur anders verschleiert. Natürlich gibt es belastende Faktoren, etwa die Wohn- und Arbeitssituation, Alkohol, Drogen. Man weiß, dass Kinder, die in einer Familie aufwachsen, in der Gewalt zwischen den Eltern an der Tageordnung ist, einem höheren Risiko ausgesetzt sind, später selbst Gewalt auszuüben oder Opfer zu werden.

Opfer – darf man überhaupt sagen?

Ich finde ja. Es bedeutet ja nicht, dass jemand ein Opfer per se ist, sondern dass die Person in einer ganz bestimmten Situation zum Opfer geworden ist. Betroffen sind von einer Straftat hingegen viele – die Eltern oder die Kinder des Opfers zum Beispiel, Freunde.

Den Verein Opferhilfe gibt es in Brandenburg seit 20 Jahren – inwiefern hat sich häusliche Gewalt in dieser Zeit gewandelt?

Das Grundprinzip ist das gleiche geblieben, Häufigkeit und Qualität sind nicht verändert. Was sich geändert hat, sind die Mittel. Das Internet und die sozialen Netzwerke spielen eine wichtige Rolle, denn es ist nun viel einfacher, jemanden zu erpressen, unter Druck zu setzen, zu diffamieren – und natürlich auch zu kontrollieren. Das fängt damit an, schnell mal das Handy der Partnerin zu nehmen und den Chatverlauf zu überprüfen und endet damit, sie über GPS zu orten. Unsere Technik ermöglicht Stalking auf perfidere Art und Weise als noch vor ein paar Jahren.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen?

Ja, zum Glück. Die Menschen sind sensibler geworden und nehmen häusliche Gewalt eher wahr – auch die Polizei. Die Beamten fahren heute nicht mehr zu einem Familienstreit, wie es früher hieß und eine Privatangelegenheit nahelegte, sondern zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt. Die Polizei kann Sofortmaßnahmen zum Schutz des Opfers einleiten, zum Beispiel den Täter wegweisen. Sie stellt auch den Kontakt zu Beratungsstellen her.

Wie sieht die Beratung bei Ihnen aus?

Wir hören uns zunächst einmal an, was die Betroffene sagt – ihre Sichtweise ist uns wichtig. Wir glauben ihr, nehmen sie ernst, stehen parteilich an ihrer Seite und schauen, wobei und wie wir sie unterstützen können. Wir informieren sie, welche rechtlichen Spielräume sie hat und wo sie sich und ihre Kinder in Sicherheit bringen kann. Wir erstellen eine Gefährdungsanalyse und entwickeln gemeinsam Handlungsstrategien.

Das hört sich an, als würde alle glatt gehen, hat man nur einmal den Weg zu Ihnen geschafft.

So einfach ist es nicht. Viele unserer Klientinnen sind ambivalent: Sie möchten einerseits Sicherheit, Schutz und Ruhe, aber andererseits möchten sie ihrem Partner oder Ex-Partner nicht schaden, wollen vielleicht keine Anzeige erstatten – und natürlich sind wir dann auch schnell wieder bei der Schuldfrage. Wir versuchen jeder Betroffenen nahezubringen, dass nicht sie, sondern der Täter die Verantwortung für sein Handeln und somit auch für sein Leben trägt. Die Erstberatung dauert ein bis eineinhalb Stunden. Dabei versuchen wir, jeder Klientin möglichst viel mitzugeben – für den Fall, dass sie nicht wiederkommt. Wichtig ist, ihr deutlich zu machen, dass er derjenige ist, der das Problem hat – unabhängig von ihr. Wir wollen, dass sich die Klientin stärker und ermutigt fühlt durch die Beratung, dass sie erfährt, dass sie ein wertvoller Mensch ist, dass ihre eigenen Bedürfnisse legitim sind und jeder Mensch ein Recht auf Gewaltfreiheit hat.

Streng vertraulich und kostenlos

Die erste Opferberatungsstelle des Vereins Opferhilfe Land Brandenburg wurde im November 1996 in Potsdam gegründet. Der Verein wird vom Justizministerium gefördert und unterhält derzeit sechs Beratungsstellen: in Potsdam, Neuruppin, Brandenburg, Senftenberg, Cottbus und Frankfurt/Oder.

Das Team aus Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen bietet allen von Straftaten Betroffenen Hilfe an. Dabei machen Sexualstraftaten den Hauptanteil aus, es folgen schwere Körperverletzungen, Raubüberfälle und Tötungsdelikte.

Pro Jahr finden rund 650 Klientinnen den Weg zur Opferhilfe, allein in Potsdam sind es rund 200. Sie können nicht nur psychologische und soziale Beratungen in Anspruch nehmen, sondern auch eine Prozessbegleitung vor Gericht.

Die Hilfe ist kostenlos, streng vertraulich, auf Wunsch anonym und von einer Anzeige unabhängig. Es werden Dolmetscher für alle Sprachen eingesetzt.

Zu erreichen ist die Opferberatung in Potsdam unter 0331/2802725. nf

Von Nadine Fabian

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