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Potsdam Im Norden ist das Verkehrschaos programmiert
Lokales Potsdam Im Norden ist das Verkehrschaos programmiert
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00:23 16.05.2019
Staufalle B273: Ein Großteil des Verkehrs im Norden drängelt sich hier. Quelle: Rainer Schüler
Potsdam-Nord

„Hoch im Norden weht ein rauer Wind. Hoch im Norden, wo wir zu Hause sind, liegt das Land, in dem wir leben, liegt das Land, aus dem wir sind“ – die Songtextzeilen der Shanty-Rocker von Santiano kommen einem in den Sinn, wenn man die Ortsteile am Nordrand durchstreift, die anders sind als Potsdam, die anders denken, anders leben und der großen Stadt mehr oder minder freiwillig ins Eingemeindungsnetz gegangen sind – „gegangen wurden“, sagen Leute wie Fahrlands Ortsvorsteher Claus Wartenberg (SPD): „Ohne Potsdam wären wir viel glücklicher.“ Und wer Wartenberg reden hört über Potsdam, spürt den rauhen Wind in jedem Wort.

Viele mögen das große Potsdam nicht

Abgehängt fühlt man sich im Norden, bevormundet und überrollt von der großen Stadt, die vor allem im Norden wächst und auf Kosten der Ortsteile, wo Wachstum überhaupt noch möglich ist, in Fahrland und Neu Fahrland nämlich. Der neue Stadtteil Krampnitz mit 10.000 neuen Menschen und ein paar Tausend zusätzlichen Autos macht eher Angst als Hoffnung, bei denen, die an den beiden Bundesstraßen 2 und 273 die Autoströme ertragen müssen. Die Verkehrs- und Personennahverkehrsanbindung ist schon jetzt ein stetes Ärgernis – wie soll das erst mit Krampnitz werden? Wo soll denn nun die neue Tram-Trasse verlaufen? Wo kommt die neue Feuerwache hin, wo der neue ViP-Betriebshof, wo der Stützpunkt der Stadtentsorgung?

Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen

Und Wohnungen braucht die Stadt, immer mehr, nur im Norden ist noch Platz dafür. Die Stadt hat Suchgebiete ausgewiesen und weiß doch, dass die Suche Erfolg haben muss. Denn der ungebremste Zuzug, der keinen Platz im Norden findet, drängt in die Stadt und ihren Wohnungsmarkt. Diesen Problemen müssen sich die Stadtverordneten der nächsten Wahlperiode stellen – „Landverordnete“ im Wahlkreis 2 müssen sie sein und Kompromisse schaffen. Vor allem eines müssen sie erreichen: eine bessere Kommunikation der Stadt mit ihren Randgemeinden. In denen hat die MAZ sich dieser Tage umgesehen.

Fahrland geht es wieder gut

Dem in den 1990er Jahren noch hochverschuldeten Ortsteil, dessen Bürgermeister Wartenberg zur Eingemeindung 2003 noch war, geht es finanziell inzwischen zwar wieder gut; er kämpft aber um die Infrastruktur für eine wachsende Bevölkerung, um den Gehwegbau in der Priesterstraße etwa, der vielleicht in diesem Jahr endlich vollendet wird, um die Umfeldgestaltung der Feuerwehr, für die es Wartenberg zufolge noch immer keinen Zeitplan gibt, um den „Dauerbrenner“ Apotheke, die zu bauen sich nun wohl Wohn-Investor Semmelhaack verpflichtet hat. Eine Hausarztpraxis braucht Fahrland; „ein Kinderarzt wär’ auch nicht schlecht“, sagt Wartenberg. Der Nahverkehr sei „nicht der komfortabelste“, kritisiert der Ortsvorsteher: „Ein Bus alle 20 Minuten, und der endet leider am Campus Jungfernsee.“ Verlängert werden müsse diese Linie nach Priort, um dort Anschluss an die Eisenbahn zu haben. Wie es weitergeht mit dem „multimodalen Ausbau des Bahnhofs Marquardt“, müsse in der neuen Wahlperiode geklärt werden. Krampnitz habe für Fahrland immerhin auch etwas Gutes: „Nur so bekommen wir die Straßenbahn.“ Wenn der Schulcampus bis 2026 fertig gebaut ist, werde Fahrland glücklich sein“, glaubt der Sozialdemokrat und Stadtverordnete.

Schnell durch durch Neu Fahrland

Neu Fahrland ist der Ortsteil, den man auf dem Weg „nach draußen“ eilends nur durchfährt, wenn man nach Krampnitz will zum Beispiel. Einziger nennenswerter Arbeitgeber ist die Heinrich-Heine-Klinik – ein Problemfall für die Anlieger, denn sie werden von Klinikgästen rücksichtslos zugeparkt.

In Neu Fahrland „pollern“ Einwohner die Straßenseite gegenüber ihren Hauseinfahrten ab gegen Besucherautos der Heine-Klinik. Quelle: Rainer Schüler

Die Passage des 2003 nach Potsdam geholten Ortsteils offenbart schnell, wo die Probleme liegen: auf der Insel nämlich, grundsätzlich ein spannendes Gebiet zum Bauen, und gebaut wird eifrig, massiv, stadtauswärts links auch neben historischer Industriearchitektur.

Inselbebauung wird vielfach abgelehnt

Die Entwürfe zur Bebauung der Insel würden „von vielen Neu Fahrländern kritisch gesehen“, sagt Ortsvorsteherin Carmen Klockow, und seien „zwingend korrekturbedürftig“. Ungenügend berücksichtigt sei zum Beispiel der Wunsch nach einem um die Insel führenden Uferweg, der illusorisch scheint, weil das Ufer mit privaten Wohngrundstücken besetzt ist. Die Infrastruktur sei mangelhaft, der Wunsch nach einem Ortsteilzentrum aber groß, berichtet die Vorsteherin. Auch ein Naturschutzkonzept fehlt. Klockow bezweifelt, dass sich der Bevölkerungszuwachs durch Krampnitz mit Radschnellwegen und einer verlängerten Tram-Linie verkehrstechnisch wirklich bewältigen lässt. „Da die Verkehrsbelastung auf der Bundesstraße 2 bereits jetzt ein großes Problem für Neu Fahrland darstellt, ist das tägliche Verkehrschaos vorprogrammiert.“ Ohnehin sei die Lebensqualität der Menschen „erheblich beeinträchtigt, weil die B2 den Ort in zwei Teile zerschneidet.“ Der größte Wunsch der Bürger ist ihrer Kenntnis nach, einen zukunftsfähigen Nahverkehr von und nach Potsdam zu schaffen.

Potsdam wächst, Satzkorn schrumpft

Während Potsdam überall wächst, schrumpft es in Satzkorn, doch die Probleme im 2003 eingemeindeten Ortsteil mehren sich, Verkehrsprobleme vor allem. Die Satzkorner Bergstraße ist die am stärksten von Lastern belastete Straße der Stadt; auf sie entfallen nach Angaben des Ortsbeirates rund 27 Prozent des gesamten Lkw-Verkehrs, und der führt mitten durch den Ort, verursacht hauptsächlich durch die ortsansässigen Bauunternehmen.

„Wir befürchten eine deutliche Zunahme, wenn Krampnitz gebaut wird“, sagt die stellvertrende Ortsvorsteherin Susanna Krüger: „Die Wände wackeln, es scheppert durch die Schlaglöcher ab morgens um vier. Die Lkw-Fahrer werfen den Müll aus dem Fenster.“ Die Vorschrift „Abdecken der Ladung mit Planen“ werde so gut wie nie eingehalten; es wehe die Fracht von den Ladeflächen; die Feinstaubbelastung sei entsprechend hoch.

Bahnhofsausbau in Marquardt hilft allen

Der Beirat möchte das alte Gutshaus und das Gemeindehaus sanieren, zum Bürgertreff ausbauen und intensiver nutzen. Der Ausbau des Bahnhofs Marquardt mit Busanbindung nach Satzkorn, Barrierefreiheit und mehr Zügen soll die ÖPNV-Anbindung für die Ortsteile verbessern, „auch für Krampnitz“, sagt Krüger, „damit mehr Menschen vom Auto in den öffentlichen Personennahverkehr umsteigen und die ohne Auto besser weg- und herkommen.“ Außerdem will man einen Hochweg über die Jubelitz zwischen dem alten Dorf Satzkorn und Fahrland-Nord bauen. Zu einer Biovergärungsanlage in Satzkorn sagt der Ortsbeirat klar Nein.

Katastrophale Ortsdurchfahrt in Grube

Der schon 1993 nach Potsdam eingemeindete Ortsteil Grube entwickelt sich im Vergleich zu den größeren Ortsteilen eher mäßig, findet Ortsvorsteher Stefan Gutschmidt. Lückenschlüsse zwischen bereits vorhandenen Radwegen zur Erreichung des Stadtzentrums fehlen, z.B. der Radweg entlang der Mitschurinstraße, weiterführend entlang der B 273 ab Bornim Kirche bis zur Grundschule Bornim; er wäre nur 250 Meter lang. Der endlich für 2019 in Aussicht gestellte Lückenschluss entlang der Bornimer Chaussee (Kreisverkehr) und dem Wissenschaftsstandort Golm (runf 300 Meter) ist nach Gutschmidts Meinung ein „Paradebeispiel“dafür, dass bei solchen Projekten besser kommuniziert werden muss. Diesen Lückenschluss fordere der Ortsbeirat bereits seit Herstellung des Radweges entlang der Wublitzstraße.

Lebensgefährliche Radwege

Malermeister Wolfgang Rösner sieht die Verkehrslage für Radfahrer im Berufsverkehr als „Alptraum“ und „lebensgefährlich“ an: „Wenn meine Frau da lang muss, habe ich Angst um sie.“ Für die Kinder auf dem Weg zur Schule in Golm sei das zumutbar, solange sie des Wetters wegen noch Bus fahren, bei Radfahrwetter nicht mehr. Immerhin reiße der Lasterverkehr in der Straße nie ab, und er darf nach Einschätzung Rösners eigentlich nicht mehr über die marode Wublitzbrücke, die von der Stadt als die schlimmste in Potsdam eingestuft sei.

„Aber was können wir dagegen machen?“ fragt sich Rösner: „Nichts.“ Gutschmidt zufolge werden die Anwohner entlang der Ortsdurchfahrt (Wublitzstraße) in ihrem Kampf um LkwW-Durchfahrverbot beziehungsweise eine Gewichtsbeschränkung allein gelassen.

Die berüchtigte S-Kurve in Grube ist ein Verbindungsstück auf dem Weg zum Berliner Ring, auch für zahllosen Laster. Quelle: Rainer Schüler

Für Grube als Durchgangsort von und zur Autobahn A10 würde eine Umgehungsstraße Potsdams (Havelspange) zur Entlastung der Verkehrssituation massiv beitragen, glaubt der Ortsvorsteher.

Bauen in Grube ist unmöglich

Und Grube möchte wachsen können, „moderat im Verhältnis zur Ortsgröße“, sagt Gutschmidt. Wolfgang Rösner als Bewohner des bislang letzten neuen Siedlungsgebietes Schmidtshof erklärt die Lage: „Bei uns im Außenbereich der Stadt darf man nicht bauen, aber die Leute wollen ausbauen, Eltern für ihre Kinder.“ Weil das nicht erlaubt wird, ziehen die Kinder weg. „Irgendwann“, so Rösner, „sind wir das Dorf mit den ältesten Bewohnern“, eins ohne Laden, ohne Kneipe, ohne Arzt, ohne Schule, ohne Kita. Die Freiwillige Feuerwehr und der Anglerverein bestreiten das öffentliche Leben ganz allein. „Man lebt sehr ruhig hier“, umschreibt es Rösner.

Marquardt geht es gut mit Potsdam

In Marquardt war 2003 die große Mehrheit dagegen, sich aus dem Amt Fahrland zu lösen und von Potsdam eingemeinden zu lassen, doch Ortsvorsteher Peter Roggenbuck hält die Angliederung für richtig: „Wir können doch nicht nach Belzig fahren. Marquardt geht es gut mit Potsdam.“ Die Stimmung im Ortsteil ist seiner Einschätzung nach heute völlig anders, die Orientierung zur Landeshauptstadt klar und alles, was Marquardt selbst nicht hat, in wenigen Autominuten erreichbar: „Man braucht nicht alles im Ort, wenn man gut hin kommt zum Arzt und zum Supermarkt.“ Es schmerzt ihn nicht, dass es außer einem einzigen Lädchen neben der einzigen Kneipe und der Feuerwehr nichts gibt im Ortsteil. Wenn der Bahnhof dereinst ausgebaut ist zum Umsteigepunkt, sei man noch schneller in Potsdam und Berlin.

Potsdam schiebt Investitionen an

Investitionen seien nur durch Potsdam anzubahnen, sagt der Vorsteher, im Gewerbegebiet Friedrichspark etwa, um den seit vielen Jahren mit immer wieder wechselnden Plänen gerungen und debattiert wird. Roggenbuck findet, dass man da auch in die Höhe bauen dürfen muss: „Das ist in allen Logistik-Centern so.“ Er glaubt an den Erfolg des Gewerbereals: „Man muss Geduld haben. Wen man mit der Zibbe zum Bock geht, klappt das auch nicht sofort mit den Kaninchenbabies.“

Wachstum nur in engen Grenzen

Marquardt kann kaum wachsen, glaubt Roggenbuck, denn sein besiedelter Teil liegt zwischen Wasser, Autobahn und Bahnlinie. Für rund 180 Häuser sieht er noch Platz, für 500 bis 800 Menschen: „Wir sind glücklich, so klein zu bleiben.“ Das sieht Kneiper Michael Schulz vom „Alten Krug“ aber nicht als unveränderbar. „Irgendwann stehen auch auf der anderen Seite der Bundesstraße Häuser“, da, wo bisher Agrarflächen liegen und im Außenbereich der Stadt keine Bebauung möglich ist.

Alternative für Wohnmobile geplant

Bis dahin sucht man im Ortsteil kleinteilige Entwicklungsmöglichkeiten: So könnte neben dem „Krug“ ein Parkplatz für 30 Wohnmobile entstehen auf einer jahrzehntealten Bauschuttdeponie, falls die Stadt mitmacht; sie braucht Schulz zufolge rund 150 solcher Stellplätze.

Die Marquardter Kita steht seit rund 20 Jahren leer; sie gehört der Stadt. Quelle: Rainer Schüler

Und Roggenbuck drängt Potsdam, endlich die seit 20 Jahren leere Kita zu verkaufen und einer neuen Nutzung zuzuführen, als Wohnhaus etwa.

Die Kita Marquardt wirkt, als hätten die Kinder sie erst letztes Jahr verlassen. Quelle: Rainer Schüler

Den Verfall des historischen Gutshauses aufzuhalten und daraus einen Bürgertreff zu machen, wird seit Jahren schon versucht, vergeblich. Dem Eigentümer gehört auch das Schloss Marquardt – damit hat er offenbar schon alle Hände voll zu tun.

MAZ-Serie zur Kommunalwahl: Diese Themen bewegen Potsdams Wahlkreise

Bauen, Kita, Verkehr: Die Sorgen der Wähler aus Potsdams Wahlkreis 1

Im Norden ist das Verkehrschaos programmiert: Der Wahlkreis 2

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Von Rainer Schüler

Die MAZ-Serie zur Kommunalwahl – Wahlkreis 4: Babelsberg ist ein Stadtteil mit eigenem Mythos, den zufriedensten Bewohnern, mit den größten Lokalpatrioten, enormem Wachstum – und einigen Problemen.

16.05.2019

Da oben im Norden wird der Hardrock gepflegt: Von Pristine aus Norwegen mit Stimmwunder Heidi Solheim. Beispielsweise. Oder von Monster Truck aus Kanada. Die Jungs kommen kaum ohne dröhnende Orgel aus. Ihr Sound schmeckt aber auch nach Südstaaten-Rock. Brutus aus Belgien aber dürften viele – überrollen.

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