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Potsdam Wie arbeiten Potsdams Kanalarbeiter?
Lokales Potsdam Wie arbeiten Potsdams Kanalarbeiter?
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00:24 23.05.2019
Die Kanalarbeiter bei der Arbeit. Quelle: Rainer Schüler
Berliner Vorstadt

„Jetzt keinen Zentimeter weiter, sonst gibt es Probleme.“ Peter Zobel steht im orangenen Overall am Gullischacht an der Schiffbauergasse und hält den Spülkopf, es faucht bedrohlich laut. Würde der 44 Jahre alte Kanalnetz-Instandhalter den Spülkopf weiter aus dem Abwasserrohr ziehen, gäbe es auf der Straße eine Hochdruckdusche für die Kollegen, deren Arbeitsklamotten noch ziemlich sauber aussehen.

Bis zu 80 bar Wasserdruck erzeugt der Spülkopf und treibt ihn durch das Kanalrohr. Das Spülwasser reißt alles Störende mit sich. Was der Spülkopf löst, saugt der dicke „Rüssel“ des Einsatzfahrzeugs direkt am Grund des Gullischachtes ab. Zobel sieht nicht, was da durch’s Rohr gesogen wird, aber er hört und spürt es, wenn er die Hand dran legt: Da poltern Steine, da rasselt Sand.

Hygieneartikel sind der häufigste Verstopfungsgrund

Alle Fremdkörper werden im Fahrzeug ausgefiltert, das Wasser ist sofort wieder frei zum Weiterspülen. Und das müssen die Männer der Energie und Wasser Potsdam (EWP) GmbH nach diesem ersten „Gang“ an der Schiffbauergasse, denn der Sand am zwei Zoll dicken Druckschlauch zeigt, dass das Rohr noch längst nicht sauber ist. Also wird die Düse noch einmal durch die 100 Meter Abwasserrohr geschickt; bis zu 200 Meter weit reicht der Druckschlauch.

Eine Aufnahme der Rohrkamera des Wasserbetriebes. Quelle: EWP

Die Schiffbauergasse ist eines der unproblematischen Gebiete für die Kanalreiniger. Weil hier kaum jemand wohnt, wirft auch niemand Feuchttücher, Windeln oder Frauenhygieneartikel ins Klo – die häufigsten Verstopfungsursachen. Die Rohre sind noch gut in Schuss, erst vor 20 Jahren verlegt, alles Leitungen mit natürlichem Gefälle von rund fünf Prozent. Ein Routine-Job.

Rohre werden alle drei Jahre geprüft

Stadtquartier um Stadtquartier wird gespült; alle drei Jahre auf’s Neue. Alle fünf bis zehn Jahre lassen die Experten eine Kamera durch die Rohre fahren. Rund 800 Kilometer lang ist das Rohrnetz, von einigen Zentimetern bis zu Mannsgröße reicht der Rohrdurchmesser.

Bei ihrer Arbeit machen Zobel und seine Kollegen immer wieder auch sonderbare Funde – und fragen sich entgeistert, wie das ins Rohr kommen konnte: eine sieben Meter lange Gardinenstange etwa oder eine intakte Schubkarre am Bahnübergang August-Bebel-Straße. Einzige Erklärung: Das muss in der Bauzeit benutzt und im Rohr vergessen worden sein, so wie schon Ärzte ihr Skalpell oder ihre Schere im Körper des operierten Patienten vergessen haben. Aber ein Kinderball, ein i-Pod? Dazu müsste jemand einen Gullideckel abgehoben haben – und der ist rund 60 Kilo schwer.

Das Abwassernetz in Potsdam ist 800 Kilometer lang und muss permanent auf Schäden überprüft und gespült werden. Kleinere Schäden werden mit „Einschub-Rohren“ gedichtet, wie Stents bei Operationen.

Und die Sache mit dem Gestank? Solange genug Wasser durch das Leitungsnetz fließt, sei die Geruchsentwicklung eher gering, aber das ist nicht immer so: „Wenn es an manchen Tagen mal stärker riecht, gehört das leider auch dazu“, sagt Robin Dräger (26), der die Roboterkamera steuert und überwacht.

Die Kamera wird nach dem „Ausräumen“ durch’s Rohr geschickt auf der Suche nach Brüchen, Rissen, Hindernissen; ihr Objektiv ist drehbar und kann zoomen; leichte Lenkbewegungen schafft der Roboter, um die Ecke käme er jedoch nicht – muss er auch nicht, denn scharfe Ecken gibt es nicht im Netz; da würde alles hängen bleiben.

Das Problem mit der Sparsamkeit

„Wenn die Leute allzu sparsam sind mit ihrem Wasser,“ mahnt Zobel, „dann steht das Wasser im Rohr, verklumpt, verkrustet und verengt alles.“ Der Sauerstoff wird verzehrt; es bildet sich Schwefelwasserstoff – und damit ein widerlicher Gestank nach faulen Eiern und zudem hochgiftig. Deshalb wird bei jedem Einsatz die chemische Zusammensetzung der Rohrluft gemessen; bei Gefahr für die Männer piepst das Warngerät.

Tabu, aber dennoch weit verbreitet ist die Angewohnheit Essensreste ins Klo zu schütten. Das sei der beste Weg, um Ratten anzulocken, sagen die Kanalarbeiter. Den Tieren ist kein Weg zu weit; sie kennen keine Scheu vor den Fäkalien, nicht mal vor der vielen Chemie im Abwasser. Ihnen ist es „egal, aus welcher Pampe sie ihre Nahrung klauben“, sagt Zobel: „Die nagen sich auch von außen in die Rohre durch, wenn es da drinnen was zu fressen gibt. Das Kanalnetz ist für sie eine Autobahn.“

Robin Dräger (26) steuert und überwacht die Roboterkamera. Quelle: Rainer Schüler

Bis in die Wohnung schaffen Ratten es aber in aller Regel nicht, weil Rückstausicherungen ihnen den Weg versperren: Das Wasser kann in den Untergrund „fallen“, doch in die Gegenrichtung kommt nichts nach oben – das funktioniert wie ein Ventil. Der lästigen Nager wegen wird – wo der Befall beweisbar ist – ein Köder in den Gullischacht gehängt; er schaukelt dicht über dem Abwasserspiegel, damit er nicht nass wird. Jeder Köder wird im Computersystem verzeichnet und nach einer festgelegten Frist kontrolliert, ob eine Ratte angebissen hat – es war dann die letzte Mahlzeit.

Bei Rissen im Rohr ist Eile geboten

Findet die Kamera Risse in den Rohren ist Eile geboten – am Horstweg Ende Januar war das der Fall. Dort musste die Straße in Richtung Babelsberg gesperrt und aufgraben werden, zwei Wochen purer Stress für Autofahrer, aber eine eher seltene Maßnahme.

Ist ein Schaden aufgefallen, prüfen die Experten zunächst, ob sie ihn ohne Ausgraben beheben können: Dafür schieben sie einen flexiblen Kurz- oder Schlauch-Inliner ins havarierte Rohr, vergleichbar einem Stent bei Herzoperationen. An der vorher freigefrästen Schadstelle schieben sie dann einen sogenannten Inliner ein und blasen ihn mit Luftdruck auf – sein Material härtet aus.

Zu DDR-Zeiten war Rohrpflege ein ungleich schwererer Job: Lange Doppelreinigungsscheiben zogen die Kanalarbeiter per Winde durch die Kanalisation bis zum Gullischacht; der Sand wurde in Handarbeit mit langen Schippen hochgeholt. Heute gibt es dafür moderne Hochdruckspül- und Saugfahrzeuge; sechs hat die Energie und Wasser Potsdam GmbH, jedes 350.000 bis 400.000 Euro teuer. Mit ihnen ist die Arbeit im Kanalnetz ungleich effektiver geworden. Und selbst am Ende der Schicht sehen die orangenen Overalls der „Kanalarbeiter“ noch erstaunlich sauber aus.

Mehr aus der Serie „Stadtmacher“:

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Von Rainer Schüler

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