Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Unwetter: Als es krachte und der Baum ins Kinderzimmer fiel
Lokales Potsdam Unwetter: Als es krachte und der Baum ins Kinderzimmer fiel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:51 12.06.2019
Feuerwehreinsatz wegen eines abgekrachten Eichen-Astes. Quelle: Alexander Engels
Potsdam

Donner und Blitz, prasselnder Regen und Hagel rissen so manche Potsdamer in der Nacht zu Mittwoch aus dem Schlaf. Auch Linus (8) wachte auf – und erschrak fürchterlich. Der Sturm blies in sein Kinderzimmer, Regen strömte herein, ein Ast ragte durchs zerborstene Fenster, das Licht der Straßenlaternen funkelte auf dem Boden.

„Das Kinderzimmer war voller Glasscherben“, berichtet sein Vater, Jörg Frosch (47), „und der Junge weinte.“ Der Babelsberger und seine Frau Steffi (43) sind aber heilfroh, dass weder der jüngste Sohn noch jemand anderes verletzt wurde, als nachts ein riesiger Ast der alten Eiche in der Schornsteinfegergasse gegen das Haus krachte.

Eiche fällt gegen Baum Quelle: Alexander Engels

Das war gegen 23.45 Uhr. Nachbarn, die gerade das Fußballspiel im Fernsehen verfolgt hatten, bestätigen, dass sie ein lautes Knarren und Krachen hörten. Als sie hinausschauten, lehnte der mehr als zehn Meter lange Ast an der Hauswand. Das untere Teil war auf das Auto von Familie Frosch gekracht. Der Kofferraum des Kombis war völlig zusammengedrückt – Totalschaden.

Zig Einsätze: Langes Warten auf die Feuerwehr

Jörg Frosch rief die Feuerwehr. „Wir kommen, sobald wir können“, war sinngemäß die Antwort, denn die Retter waren da längst im Dauereinsatz in der ganzen Stadt. In der Nacht sollten es fast 200 Einsätze werden. Da bei Froschs keine akute Gefahr bestand, waren sie hinten auf der Liste.

„Gegen 4 Uhr kam die Feuerwehr dann“, berichtet Jörg Frosch. Die Straße wurde gesperrt. Die Bergearbeiten begannen später. Der Bergungsdienst Potsdam rückte mit einem riesigen Lastenkran an, die Drehleiter der Feuerwehr stand ebenfalls dort. „Wir müssen den Baum erst vom Haus wegbekommen. Dann binden wir ihn an und tragen ihn stückweise ab“, erklärte Kran-Bediener Michael Neuhoff. Das zog sich über Stunden hin.

Ein Kran barg den riesigen Ast. Quelle: privat

Jörg Frosch ist den Einsatzkräften dankbar: „Sie haben es tatsächlich so geschafft, dass keine weiteren Schäden am Haus entstanden sind.“ Außerdem konnte er mit Hilfe der Drehleiter das beschädigte Schieferdach provisorisch mit einer Plane abdichten. Und beim Kleinschneiden des Holzes halfen die Feuerwehrleute auch. Wenigstens an Feuerholz mangelt es Familie Frosch nun nicht.

Doch das Gebäude sieht mitgenommen aus. Die helle Altbau-Giebelwand hat herausgebrochene Stellen, das Kinderzimmerfenster ist völlig kaputt, der Zaun und die Mauer vorm Haus wurden niedergedrückt. „Die Versicherung hat einen Gutachter beauftragt“, sagt Jörg Frosch, der ahnt, welcher Bürokratieaufwand nun auf ihn wartet.

Das zerstörte Kinderzimmerfenster. Quelle: privat

Eines ärgert ihn aber sehr: „Vor ein paar Jahren war schon mal ein großer Ast abgebrochen und auf das Auto meines Bruder gefallen.“ Das Grünflächenamt der Stadt habe trotzdem die große, alte Eiche nicht beschneiden wollen. Ihre Äste ragen meterweit über die Straße und die Vorgärten. Der Babelsberger schrieb noch in der Nacht eine „Wutmail“ ans Amt. „Aber die haben morgens ganz schnell und freundlich reagiert“, erzählt er. Der Schaden werde nun dem Kommunalen Schadensausgleich zur Prüfung vorgelegt – vielleicht gibt es eine finanzielle Entschädigung.

Apotheke in der Brandenburger Vorstadt unter Wasser

Außer Sturm sorgte Starkregen für Chaos in Potsdam. Bilder und Filme von überfluteten Straßen machten in sozialen Medien die Runde. In der Brandenburger Vorstadt wateten die Menschen durch fast kniehohes Wasser – so auch die Apothekerin Maria Mandel. „Es blitzte dauernd. Die Straßen standen unter Wasser; ich fürchtete, ein Ast könnte aufs Auto krachen“, erzählt sie über den Weg in der Nacht zur Känguruh-Apotheke in der Geschwister-Scholl-Straße kurz nach Mitternacht. Eine Kollegin hatte die Mitarbeiter und Inhaber Hartmut Kulka alarmiert, als sie gesehen hatte, dass im Innern ein Schuh durch den Laden schwamm.

Känguruh-Apotheke Brandenburger Vorstadt, Filialleiterin Maria Mandel Quelle: Rainer Schüler

Zusammen schippten und schöpften sie bis zum Morgen Wasser in Eimer und Wannen, saugten quietschnasse Teppiche mit Nass-Saugern ab und warfen zwei Luftentfeuchter an, um die Räume zu trocknen. Die neuen Inhaber der benachbarten Schneiderei hatten gerade ihren ersten Tag geöffnet und selber Wasser in den Räumen, aber nicht so schlimm. Sie halfen der Apotheke beim Schöpfen.

Sandsäcke und Sperrbrett halfen nicht gegen die Wassermassen

Die Sandsäcke, die sie im Sommer nach Dienstschluss immer vor die Hintertür stellen, hatten die Wassermassen, die vom überfluteten Hofparkplatz anströmten, nicht aufhalten können. Und ein Sperrbrett, wie man es oft vor den Haustüren der italienischen Lagunenstadt Venedig sieht, hatte sich unter dem Druck des Wassers gelöst und bot keinen Schutz mehr.

Kulka zufolge liefen zwei eigentlich schon höher stehende Computer voll und gelten als kaputt. Wie stark die nassen Möbel aufquellen, sei abzuwarten, sagte Kulka der MAZ. Er werde wohl die nächste Nacht in der Apotheke zubringen.

Lesen Sie auch zum Thema:

Von Rainer Schüler und Alexander Engels

Eine zweite Unwetternacht wird es aller Voraussicht nach in Potsdam an diesem Mittwoch nicht geben. Die Feuerwehr hat den Einsatzstab bereits aufgelöst. 15 Mal mussten die Wehren am Abend trotzdem ausrücken.

15.06.2019

Das Potsdamer Amtsgericht ist überzeugt, dass der Angeklagte (27) bei einer für ein Ehepaar tödlichen Einsatzfahrt mit Blaulicht und Martinshorn gegen seine Sorgfaltspflicht verstoßen hat – und dass die Opfer am verheernden Unfall eine Mitschuld tragen.

15.06.2019

Das Potsdamer Rathaus sieht mangels Bedarfs keine Möglichkeit für den Erwerb und eine anschließende öffentliche Nutzung der maroden Immobilie.

12.06.2019