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Potsdam Verteidiger fordern Jugendstrafe für jüngsten Täter
Lokales Potsdam Verteidiger fordern Jugendstrafe für jüngsten Täter
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01:15 30.03.2019
Jorge H. mit seinen beiden Verteidigern Christoph Stoll und Philipp Albers (r.) vor dem Landgericht, hier am 15. Verhandlungstag. Quelle: Stefan Gloede
Potsdam

Die volle Verantwortung wolle er übernehmen, wolle die Schuld nicht bei den Komplizen suchen, sie nicht auf andere abwälzen. Jorge H. (23) hat gestanden, dass er in der Nacht auf den 25. Juli 2017 in eine Villa am Jungfernsee eingebrochen ist, dass er in geradezu blinder Begierde nach dem schnellen und vermeintlich großen Geld eine Familie aus dem Schlaf gerissen, Kinder und Eltern in Angst und Schrecken versetzt hat.

Jorge H. hat seit dem Prozessauftakt im Oktober viel preis gegeben vor dem Landgericht. Jetzt schlägt die Stunde seiner Verteidiger: Nach den Schlussvorträgen des Staatsanwalts, der Nebenklage-Vertreterinnen und der Anwälte des Mitangeklagten John R. war am Mittwoch das Plädoyer für Jorge H. an der Reihe.

Noch Jahre im Gefängnis oder schon bald wieder in Freiheit?

Seit nunmehr 16 Verhandlungstagen sitzt der junge Mann als ein Haupttäter auf der Anklagebank. Sein bereitwilliges, ausführliches Geständnis hat geholfen, den Tathergang zu rekonstruieren. Seine Worte des Bedauerns und die Bitte um Entschuldigung mögen zudem der betroffenen Familie helfen, das Erlebte eines Tages zu verwinden. Aber: Was haben die Anwälte angesichts solch großer Offenherzigkeit überhaupt zu verteidigen? – Eine ganze Menge. Tatsächlich geht es für H. um die Frage, ob er wie vom Staatsanwalt gefordert noch Jahre im Gefängnis zubringen oder schon bald in Freiheit leben wird.

Die volle Verantwortung – das könnte für H. etwas ganz anderes bedeuten als für seine Mitangeklagten, denn es steht noch nicht fest, ob das Gericht auch über den Jüngsten im Bunde nach dem allgemeinen Strafrecht urteilt – oder aber nach dem milderen Jugendstrafrecht. Dieses betrifft grundsätzlich nur Jugendliche und Heranwachsende, deckt also das Alter von 14 Jahre bis zum vollendeten 21. Lebensjahr ab. Die Unterschiede zum Erwachsenenstrafrecht sind deutlich. So ist im Jugendstrafrecht der Erziehungs- und nicht der Sühnegedanke zentral – die Jugendstrafe, also Haft, ist das letzte Mittel. Werden H.s bis dato anderthalb Jahre Untersuchungshaft auf eine mögliche Jugendstrafe angerechnet, könnte diese schnell abgegolten sein.

Eine Tat mit 18, eine mit 22 – aber es ist einheitliches Recht anzuwenden

Knackpunkt im Fall Jorge H. ist eine zweite Tat, für die er vor dem Landgericht Potsdam angeklagt ist: ein 300 000-Euro-Einbruch in eine Villa in Wandlitz (Barnim). Dort war er wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag eingestiegen. Beim Überfall auf die Potsdamer Familie war er hingegen schon 21. Für beide Taten ist allerdings einheitliches Recht anzuwenden – für H.s Verteidiger Christoph Stoll und Philipp Albers kann das nur das Jugendstrafrecht sein. Eine konkrete Forderung stellen die Anwälte nicht, plädieren aber für eine Strafe, die dem Angeklagten „eine gute Perspektive offen lässt – eine Perspektive, die nicht hinter dem Horizont verschwindet und greifbar bleibt“.

Zwar sei der Jungfernsee-Überfall im Erwachsenenalter begangen worden und durch seine Folgen „eine ganz besonders imponierende Tat“. Auslöser dafür – und daher maßgeblich in der Wahl des Strafrechts – sei aber der Wandlitz-Einbruch. Die Wurzel, der Nährboden für den brutalen Überfall im Sommer 2017 sind der Verteidigung zufolge in der Jugend angelegt worden: „Ohne diese erste Tat ist die spätere Tat nicht denkbar.“

Der zweite Prozess in Bernau hat begonnen

H.s Verteidiger wollen auch erwirken, dass das Landgericht von einer Entscheidung über den Adhäsionsantrag der Wandlitzer Nebenklage absieht. Wie berichtet, soll die Potsdamer Kammer verfügen, dass H. und die 2013er Mittäter die Beute zurückzahlen müssen: „Ein Antrag, der wirtschaftlich vernichtend sein kann.“ Das Wandlitz-Verfahren habe nach unverhältnismäßig langer Wartezeit und einem Monate währenden Akten-Pingpong zwischen den Staatsanwaltschaften Berlin und Frankfurt (Oder) inzwischen am Amtsgericht Bernau begonnen, ohne dass dort ein entsprechender Antrag gestellt oder auch nur angekündigt worden wäre. „Nach dem Geständnis hier in Potsdam will die Nebenklage den Weg des geringsten Widerstands gehen“, so Albers. „Das ist auch eine Frage der Verfahrensfairness.“ Es bestehe die Gefahr widersprüchlicher Entscheidungen zu Lasten von H. – im übrigen diskutiere man in Bernau Rechtsfolgen weit unter der Jugendstrafe. Womöglich werde man sich mit der Schuldfeststellung und einer Verwarnung begnügen.

Wie das Landgericht Potsdam entscheidet, bleibt noch einen Monat abzuwarten. Die Verhandlung wird am 16. April mit den letzten Plädoyers fortgesetzt. Das Urteil ist für den 26. April angekündigt.

Die Angeklagten und die bisherigen Forderungen

John R. ist 26 Jahre alt und in Havanna (Kuba) geboren. Er hat zwei Kinder, ist arbeitslos und seit 26. Juli 2017 in Untersuchungshaft. Der Staatsanwalt fordert für ihn eine Freiheitsstrafe von neun Jahren.

Jorge H. ist 23, ebenfalls in Havanna geboren, ebenfalls in U-Haft. Er muss sich außerdem für einen Villen-Einbruch verantworten, den er Ende 2013 mit zwei gesondert Verfolgten in Wandlitz begangen hat. Der Staatsanwalt fordert für ihn neuneinhalb Jahre. Die Vertreterin der damals Bestohlenen fordert für die Tat in Wandlitz unter anderem eine dreijährige Freiheitsstrafe und per Adhäsionsantrag, dass Jorge H. den Schaden von 300 000 Euro begleicht.

Florian G. ist 32 und auf freiem Fuß. Er fuhr das Fluchtauto und hat den Überfall geplant. Der Staatsanwalt fordert für ihn drei Jahre wegen Beihilfe.

Nico N. ist 25 und auch auf freiem Fuß. Er war am Tatort, machte aber nicht mit. Staatsanwalt sowie Nebenklage-Vertreterinnen fordern einen Freispruch. nf

Von Nadine Fabian

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