Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Bauunternehmer Mulder: Mietendeckel wird Spekulation nicht verhindern
Lokales Potsdam Bauunternehmer Mulder: Mietendeckel wird Spekulation nicht verhindern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:29 23.06.2019
Vincent Mulder ist Geschäftsführer der Kondor Wessels Wohnen Berlin GmbH – die Firma hat auch in Potsdam viel gebaut.
Vincent Mulder ist Geschäftsführer der Kondor Wessels Wohnen Berlin GmbH – die Firma hat auch in Potsdam viel gebaut. Quelle: Roland Horn
Anzeige
Potsdam

Der Niederländer Vincent Mulder (46) ist seit 2012 Geschäftsführer der Kondor Wessels Wohnen Berlin GmbH und lebt in Kleinmachnow. Das von ihm geführte Unternehmen hat in Berlin, Leipzig und Brandenburg, darunter auch in Potsdam aktuell rund 2200 Wohnungen im Bau und etwa 800 weitere Wohnungen in Planung.

Herr Mulder, Ihr Unternehmen hat gerade am Telegrafenberg ein kleines Quartier fertiggestellt: „Alberts Grün“. Dort befand sich vorher Wald. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie dort bauen konnten?

Vincent Mulder: Dort befanden sich einige, größtenteils leerstehende Kleingärten und auch etwas Wald. Die Kleingärtner wurden abgefunden und der Flächennutzungsplan wurde geändert, damit wir bauen können. Zusammen mit der Stadt und der evangelischen Kirche haben wir lange überlegt, wie wir dort unserer sozialen Verantwortung gerecht werden können. Am Ende ist ein Teil des Grundstücks bei der Kirche verblieben, die es in Erbbaupacht an einen Kitaträger vergeben hat. Das war ein vier Jahre langer Prozess, ein harter Kampf.

Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Es ist alles verkauft. Wir sind gerade bei den Abnahmen und Übergaben, ein paar Restarbeiten sind noch offen. Ende Juni haben wir dort ein sehr schönes Quartier. Herausforderung war dort Hanglage. Denken Sie an das Unwetter und den Starkregen letzte Woche – so eine Wand muss standhalten. Wir haben gigantische Erdmassen bewegt, damit auch in so einem Fall nichts passiert.

Meinen Sie so ein Projekt würde heute noch einmal gelingen?

Wenn man mit einem vernünftigen Konzept kommt und den Interessen und Nöten aller Parteien Rechnung getragen wird, kommt man zu guten Lösungen. Aber das kostet Zeit. Und wir als Projektentwickler müssen etwas wie die Kita anbieten. Das ist eine moralische und soziale Verantwortung.

Ist es denn sozial, wenn eine Doppelhaushälfte dort 700. 000 Euro kostet?

Das ist unter anderem auch begründet mit dem enorm hohen Erschließungsaufwand im „Alberts Grün“, bedingt durch die Hanglage des Grundstücks. Die Margen sind bei uns seit Jahren unverändert, aber wir kaufen die Grundstücke immer teurer ein, weil die Spekulation nicht unterbunden wird – nicht in Potsdam, nicht in Berlin und nicht in Deutschland. Das große Problem ist, dass Spekulation zugelassen wird. Wir als Immobilienbranche werden oft alle über einen Kamm geschoren, sind alle die Bösen. Das ist nicht so. Es gibt sehr viele seriöse Firmen, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen. 30 Prozent Sozialer Wohnungsbau im Rahmen eines B-Plan-Verfahrens – da haben wir erst mal nichts dagegen, das machen wir sogar. Ohne Privatwirtschaft würde das gar nicht gehen!

In Berlin ist gerade der „Mietendeckel“ beschlossen worden, wonach die Wohnungsmieten für fünf Jahre eingefroren werden sollen. Welche Auswirkungen hat das auf Sie?

Das kann ich noch nicht absehen, wir sind ja im Baugeschäft und vermieten nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass Investoren es sich nun genauer überlegen werden, ob sie in Berlin bauen. Auch könnten wichtige Instandhaltungen an Gebäuden aufgeschoben werden, weil die Kosten nicht mehr auf die Miete umgelegt werden dürfen. Schlimmstenfalls kalkulieren Investoren bei Neubauten von Beginn an eine so hohe Miete, dass sie sie für die nächsten fünf Jahre nicht mehr erhöhen müssen. Der Mietendeckel ist deshalb sehr kurzfristig gedacht und schafft keinen weiteren und bezahlbaren Wohnraum. Es ist reine Klientelpolitik der Landesregierung.

Was halten Sie von der diskutierten Verschärfung des Potsdamer Baulandmodells, um mehr sozialen Wohnraum zu schaffen?

Das wäre überhaupt nicht zielführend. Es muss alles im wirtschaftlichen Rahmen bleiben. Entscheidend ist doch, dass man bedarfsgerechte Quartiere entwickelt. Der Fehler liegt auch beim Verkauf der Grundstücke aus öffentlicher Hand zum Höchstgebot. In Berlin bauen wir erfolgreich direkt im Auftrag der Berliner Wohnungsunternehmen und würden das auch in Potsdam gerne machen, wenn die Stadt das möchte – immer im Konzeptverfahren. Flächenpotenziale können gemeinsam identifiziert werden und anschließend entwickeln wir gemeinsam bedarfsgerechte Quartiere.

Was wäre denn ein geeignetes Mittel um Bodenspekulation zu verhindern?

Wenn jemand eine Baugenehmigung oder einen Bauvorbescheid beantragt, dann könnte er zum Beispiel verpflichtet werden, auch zu bauen. Wenn er dann aber nicht baut und sein Grundstück vergolden will und es nach einer Weile zu einem wesentlich höheren Preis verkauft, könnte der Spekulationsgewinn besteuert werden. Das würde Spekulation eindämmen.

Sie sagten, dass auch die Städte und Kommunen durch Verkäufe an der Spekulation beitragen. Können Sie das näher erklären?

Vorweg möchte ich sagen, dass wir bei allen Projekten in Potsdam auf eine sehr faire und gute Zusammenarbeit mit der Stadt zurückblicken können. Aber nehmen Sie den Brauhausberg. Da hat die Stadt sich selbst an der Spekulation beteiligt. Anstelle zu sagen: Wir setzen uns zusammen mit Entwicklern und schauen, was bedarfsgerecht wäre, wollte man möglichst viel Geld einnehmen. Dort hätte man wie auf dem Areal der alten Fachhochschule mit einem Festpreis rechnen sollen. Das beste Konzept hätte gewonnen. Wie es jetzt mit Hasso Plattner und der Rettung des „Minsk“ gelaufen ist, ist es natürlich prima. Doch es ist bedauerlich, dass nur er das Problem dort gelöst bekam.

Kondor Wessels hat auch das Humboldtquartier zwischen Landtag und Alter Fahrt errichtet. Würden Sie das heute noch einmal bauen?

Nein. Nicht mit unserem heutigen Wissenstand und wie es wirtschaftlich gelaufen ist. Wir kamen mit einem blauen Auge davon. Wir haben an der Humboldtstraße zu dem Zeitpunkt die nach Quadratmeterpreisen angeblich teuersten Wohnungen der Stadt gebaut, aber trotzdem nur Geld gewechselt. Das sage ich so offen: Die Wohnungen mussten zu den Preisen verkauft werden, damit wir überhaupt kostendeckend arbeiten konnten. Der Aufwand für die Spezialtiefbau- und Wasserhaltungsarbeiten für die Tiefgarage war immens und hinzu kamen die nachgebildeten Barockfassaden, die alleine fast 20 Prozent der Investitionskosten ausmachten.

Hätten Sie Interesse an der Errichtung vom sogenannten Block IV, der rund um die Stadt- und Landesbibliothek entstehen soll?

Nein. Schon bei Block III neben der Nikolaikirche wird es für die sechs Projektbeteiligten kompliziert. Enge Zufahrten, schwierige Logistik mit Wahnsinnsaufwand. Und was passiert, wenn der erste Riss am Fortunaportal oder der Nikolaikirche auftritt? Wer von den sechs war der Verursacher? Wir hätten Block III nur gesamtheitlich gemacht, gerne mit einem Pflichtenbuch der Stadt, damit das auch gelingt.

Wo bauen Sie künftig in Potsdam?

Unser Schwesterunternehmen Reggeborgh entwickelt die nördliche Speicherstadt. Dort es wohl im September losgehen. Nach „Alberts Grün“ haben wir gerade keine weiteren Pläne in der Stadt Potsdam.

Woran liegt das?

Wir erhalten natürlich Grundstücksangebote, aber vieles rechnet sich nicht. Wegen der zahlreichen Bau- und Energievorschriften und der Knappheit an Ressourcen bei den Handwerkern bauen wir mittlerweile zu Preisen, die mindestens 10,50 Euro Miete Quadratmeter erfordern – da ist der Kaufpreis des Grundstücks noch nicht berücksichtigt. Wir wollen aber Projekte für Bauherren und Investoren entwickeln, die die Bedürfnisse einer breiten Bevölkerungsschicht im Auge haben. Das heißt konkret, im Vertrieb eher bei einer Miete unterhalb der 16-Euro-Marke zu bleiben. Letztendlich liegen die Preise in den Händen unserer Vertragspartner. Leider führen die aktuellen politischen Neuregelungen zu keiner Entspannung der Lage und Preise.

Hier hat Kondor Wessels in Potsdam gebaut

Zehn Projekte mit annähernd 300 Wohnungen hat Kondor Wessels in Potsdam realisiert, darunter das „Garde Karree“ unter Einbeziehung der Ruinenbergkaserne und die „Luisenhöfe“, ein Lückenschluss am Luisenplatz an der Allee nach Sanssouci.

Im Stadtzentrum war die Firma für das Humboldtquartier zwischen Alter Fahrt und Landtag verantwortlich, wo auch die Barockfassaden des Palazzo Pompei und des Palazzo Chiericati rekonstruiert wurden.

Das Projekt „Alberts Grün“ an der Albert-Einstein-Straße ist das vorerst letzte des Unternehmens in Potsdam. Dort sind gerade 18 Doppelhaushälften fertiggestellt worden.

Von Peter Degener