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Potsdam „Ein Hochgefühl erster Klasse“
Lokales Potsdam „Ein Hochgefühl erster Klasse“
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00:21 11.01.2019
Volker Schobeß (M.) 1963 als Dreher im Karl-Marx-Werk in Babelsberg. Quelle: privat
Potsdam

Als Sechsjähriger im Keller ihres Wohnhauses in der Sonnenlandstraße in Potsdam-West erlebte Volker Schobeß zum ersten Mal, dass Erwachsene die Fassung verloren. „Von draußen kam ein furchtbares Dröhnen, als wenn eine Riese die Trommel rührt. Es war dunkel. Und Tante Erna, die Tochter vom Hauswirt, hat laut gebetet.“ Als es still wurde, stiegen sie hinaus ins Freie. Fern über der Innenstadt lag ein taghell flackernder Feuerschein. „Gestank und Qualm zogen bis zu uns herüber.“

Tage nach dem verheerenden Angriff vom 14. April 1945 zogen sie mit einem Wägelchen bis zum Brandenburger Tor. Schobeß erinnert sich an einen qualmenden Trümmerhaufen, wo vor wenigen Tagen ein Mietshaus stand, und an einen Stapel mit Toten hinter einem Lattenzaun. „Sie waren abgedeckt, aber die Beine mit den Schuhen haben vorgeguckt.“ Monate später, als Erstklässler, kletterten sie als Mutprobe in das Wrack eines russischen T-34-Panzers, der in der Geschwister-Scholl-Straße auf Höhe der heutigen Waschbar stand.

Volker Schobeß, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, lernte im Babelsberger Karl-Marx-Werk Dreher. „Eigentlich wollte ich mal Grafiker oder Dekorateur werden.“ Doch er folgte dem Rat des Vaters, der 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war. Im Lager waren Handwerker gefragt. „Die kamen raus zur Arbeit, die hatten Essen.“

Ende der 1950er Jahre fand Schobeß Arbeit in einem Betrieb in Berlin-Spandau. Aus Potsdam pendelte täglich mit der S-Bahn dorthin. Gerüchte um eine mögliche Grenzschließung zogen an ihm vorbei: „Wenn du 20 bist, interessierst du dich für Mädchen, für AFN“, den amerikanischen Soldatensender mit der neuesten Musik, „und vielleicht noch für deine Arbeitsstelle.“ Beim Großvater in Berlin-Lichterfelde war ein Zimmer eingerichtet: „Es war geplant, dass ich rüber gehe.“ Doch dann wurde die Berliner Mauer gebaut.

Dass der 22-Jährige sich trotz Vorladung nicht bei der Arbeitsvermittlung meldete, erwies sich als verhängnisvoll. Im Schaufenster des Konsument-Warenhauses in der heutigen Brandenburger Straße hing eines Tages ein Steckbrief mit zwei Bildern und Namen: „Das ist Schobeß, das ist Webersdorf“ . . . „Woher bekamen sie ihre ,Weisheiten’ und ,Anleitungen’ zur ,Arbeitsbummelei’?“ ... „Pfui Teufel über solche Schmarotzer und Spekulanten!“

Schobeß wurde von der Polizei abgeholt, zur Hilfsarbeit im Karl-Marx-Werk verpflichtet, an die Drehmaschine durfte er nicht mehr. In Versammlungen sollte er als früherer „Grenzgänger“ Rechenschaft ablegen: „Das waren öffentliche Kreuzverhöre vor der Belegschaft“, sagt Schobeß, „das war wirklich eine üble Zeit.“ Im Oktober 1961 wurde er im Schnellverfahren zu „bis zu fünf Jahren Arbeitserziehung“ verurteilt.

Schobeß kam in die Ziegelei Mildenberg, Oberhavel, ein früheres Außenlager des KZ Ravensbrück mit Wachtürmen, Baracken und Stacheldraht, wie er schildert, mit schwerster Arbeit über zwölf Stunden an sechs Tagen in der Woche. Das Zermürbendste aber sei die Ungewissheit gewesen, wie lange das geht. Erst am Tag der Entlassung hätten sie erfahren, dass sie nach zehn Monaten nach Hause konnten.

Nun ließen sie Schobeß im Karl-Marx-Werk wieder an die Drehbank. Im November 1963 wollte er mit einem Bekannten über den Groß Glienicker See in den Westen fliehen. Ein Grenzsoldat sollte sie durchlassen. Doch der Posten rückte ohne das vereinbarte Zeichen an. Sie blieben in Deckung und zogen sich zurück. Es war sein letzter Fluchtversuch: „Das Thema war für mich abgegessen.“ Schobeß gründete eine Familie und blieb in der DDR. Zum Alltag gehört über Jahre ein Mann der Staatssicherheit, der immer wieder einmal unangekündigt vor der Tür stand, die Wohnung inspizierte und Schubladen durchwühlte.

Als sich Anfang der 1980er Jahre in der evangelischen Kirche die Friedensbewegung formierte, dachte Schobeß: „Jetzt ändern sich die Zeiten.“ Als im Herbst 1989 ein Bekannter mit einer Unterschriftenliste für das oppositionelle Neue Forum vor der Tür stand, „habe ich mit mir gekämpft. Ich habe gewusst: Geht das in die Hose, dann bist du wirklich hinüber und mit dir die ganze Familie“. Er unterschrieb.

Der Herbst 1989 wurde für ihn „zu einer der aufregendsten Zeiten, das kannst du wirklich sagen“, die erste Großkundgebung des Neuen Forums am 4. November auf dem heutigen Luisenplatz war „ein Hochgefühl erster Klasse“.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde Schobeß rehabilitiert. Schon immer an Preußen und der Militärgeschichte interessiert, gehörte er zu den Initiatoren des Fördervereins Militärmuseum Brandenburg-Preußen. Seit 2006 erschienen von Schobeß zehn Bücher zu preußischer und deutscher Militärgeschichte. Jüngste Publikation ist ein Stadtführer über „Die Langen Kerls in Potsdam 1713-1740 und das Holländische Viertel“. Die Geschichte der Langen Kerls ist auch das Thema eines Festvortrages zum Geburtstag von Volker Schobeß, zu dem am Sonntag, 13. Januar, um 15 Uhr im Potsdam-Museum eingeladen wird.

Von Volker Oelschläger

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