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Potsdam Vom Archiv bis zum Spartacus
Lokales Potsdam Vom Archiv bis zum Spartacus
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18:00 10.01.2014
Mitte der 1990er Jahre am Einlass zum Waschhaus. Das 1992 gegründete Kulturzentrum in der Schiffbauergasse wurde nach der Insolvenz des Gründungsvereins im Jahre 2008 an eine neue Betreibergesellschaft gegeben. Mittlerweile kommen wieder 120.000 Besucher pro Jahr. Quelle: Archiv
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Potsdam

Eine exemplarische Studie zu Geschichte, Hintergründen und Zusammenhängen dieser Potsdamer Subkultur liefert eine an der Hochschule Fulda absolvierte Forschungsarbeit über die Stube, das Waschhaus, das Archiv und den Spartacus-Klub, vier über 30 Jahre und zwei Gesellschaftssysteme verteilte soziokulturelle Initiativen.

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Wann schlug die Stunde Null? Vielleicht an einem Novemberabend 1979 im Babelsberger Kulturhaus Lindenpark, zu dessen Programm "verkehrte Bälle" ebenso gehörten wie "Jugendtanzveranstaltungen" mit weiß gedeckten Tischen. "Da gab es Jugendliche, die saßen einfach am Tisch, kauften ein Bier nach dem anderen, tranken das runter und dann wurden sie irgendwann besoffen rausgetragen oder haben sich noch geprügelt." Xaver Gelb war neu im Haus und sprach diese jungen Leute eines Tages an: "Na, heute wieder Besäufnis?" Rasch entwickelt sich ein Wortwechsel, mit Resignation auf der einen Seite und Zuspruch auf der anderen. "Wir können was machen. Es gibt hier Räume", sagte Gelb irgendwann.

Im wirklichen Leben heißt Xaver Gelb Wolfram Schulze. Ende 1979 als Mitarbeiter zum Lindenpark gekommen, gründete er mit Gästen des Hauses eine alternative Veranstaltungsreihe in der "Stube" oben unter dem Dach: An jedem Donnerstag gab es Kunst mit Bands, Liedermachern, Lesungen und Theater, danach Diskussion, Schmalzstullen und Getränke dazu. Die Premiere war am 6. März 1980 mit einer Band namens "Polka-Toffel", ein legendäres Zwischenfinale ereignete sich mit einer Lesung Christa Wolfs am 11. Dezember 1980, die für eine vor dem Haus ausharrende Menge mit Lautsprechern auf die Straße übertragen wurde. Eine Woche vorher hatten Stasi-Leute Schulze das erste Mal zum Verhör abgeholt.

 

Für die Stubianer kam das Anrücken der Staatssicherheit unerwartet. Ihr Programm "hatte schon was Politisches, aber nur, weil es politisiert wurde", sagt eine der Mitstreiterinnen: "Ansonsten ging es eigentlich wirklich darum, gemeinsam etwas zu machen, kreativ zu sein. Da kann man nicht mehr rausholen. Da kann man auch keinen Widerstand rausholen." Schulze, im April 1982 in einen anderen Jugendklub strafversetzt und im Lindenpark mit Hausverbot belegt, ging 1984 nach West-Berlin. Die Stube wurde im März 1987 verboten. Verschwunden ist sie nicht.

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Stubianer eröffneten im Sommer 1988 mit einem Kunstseminar in einer verfallenen Immobilie im Westhavelland das spätere Kunsthaus Gahlberg-Strodehne. Stube-Strodehne-Aktivisten wie der Metallkünstler Rainer Fürstenberg waren es schließlich, die nach einem Tipp aus der Stadtverwaltung im Sommer 1992 mit schwerem Gerät die einstige Garnisonswäscherei in der Schiffbauergasse entrümpelten, um dort ein neues Kunst- und Kulturzentrum zu errichten.

Die Besetzung des Waschhauses durch Künstler und Jugendliche in der wilden Nachwendezeit wurde im Rathaus nicht nur gern gesehen, sondern mit Blick auf einen späteren Ausbau der Industriebrache zum modernen Kulturzentrum auch nach Kräften gefördert. Im Zuge der 1993 anstehenden 1000-Jahrfeier Potsdams gab es "richtig viele Fördermittel" für Infrastruktur wie Toiletten und Heizung. "Wir waren eigentlich die Platzhalter hier", sagt Interviewpartner Bastian Himmel, in dem unschwer der Stube-Veteran und langjährige Waschhaus-Geschäftsführer Michael Wegener zu erkennen ist.

Über die Jahre wird dem Waschhaus eine schwindende finanzielle Förderung bei stetig wachsendem Kommerzialisierungsdruck immer mehr zu schaffen machen. 2008, das Kultur- und Gewerbezentrum Schiffbauergasse ist mit 100Millionen Euro an öffentlichen Geldern komplett saniert, muss der langjährige Betreiberverein aufgeben. Es spricht für sich, dass in dieser schwersten Krise junge Leute die Chance plötzlich entstandener Freiräume nutzten, um im Waschhaus neue Veranstaltungsreihen wie "Ruby's Tuesday" und "Red Wall" zu etablieren, die unter einem neuen Betreiber bis heute Bestand haben.

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Die Geschichte des Archivs in der Leipziger Straße beginnt mit Häuserkämpfen: Potsdam hat sich seit dem Mauerfall bundesweit zur Stadt mit den meisten besetzten Häusern im Verhältnis zur Einwohnerzahl entwickelt. Im September 1993 wird die Fabrik in der Gutenbergstraße geräumt, ein seit 1991 etabliertes autonomes Kulturzentrum mitten in der Stadt. Die Aktivisten Karla Flamme und Sven Mohn berichten, wie sie bei einer von vielen Protestdemonstrationen Polizei und Politik in die Irre führten, mit einem Zug von 500 Leuten kurz vor dem Stadthaus in die Hegelallee abbogen und dort eine leerstehende Villa besetzten.

Ebenso wie beim Waschhaus gab es Monate später, die Hegelallee 5 war längst wieder geräumt, einen Tipp für die Szene: "Mithilfe einer besonderen unterstützenden Person aus dem öffentlichen Leben Potsdams, die das Objekt ... als aussichtsreich für eine dauerhafte Besetzung empfohlen hatte, wurde das Archiv in der Leipziger Straße 1994 an einem schönen sonnigen Morgen aufgemacht."

Das Archiv musste den Veranstaltungsbetrieb zum Jahreswechsel 2012/ 13 aus Brandschutzgründen vorübergehend einstellen. Der Betreiberverein hofft, es im Januar nach Sanierung wieder öffnen zu können. Quelle: Bernd Gartenschläger

Als Prestigeobjekt der Besetzerszene war das Archiv in Verwaltung und Kommunalpolitik nie unumstritten. Zur Eskalation kam es 1997 nach dem Brand eines Baggers auf dem Gelände der benachbarten Speicherstadt, der den Archivlern zugeschrieben wurde, ohne dass sich dafür Beweise fanden. Das Archiv wurde geräumt. Danach gab es wochenlang Demonstrationen und Unruhen, die am 25. August in der Besetzung vom Büro des damaligen Sozialdezernenten und heutigen Oberbürgermeisters Jann Jakobs (SPD) gipfelten. Am selben Tag begannen die Verhandlungen, die begleitet wurden von etablierten Zentren wie dem Lindenpark und dem Waschhaus - und von der Arbeiterwohlfahrt, die nach der Rückgabe des Hauses an die Nutzer für ein Jahr die Rechtsträgerschaft übernahm.

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Dem Lindenpark, der sich 1980 in Sachen Stube schon einmal als Geburtshelfer verdient gemacht hatte, sollte 26 Jahre später noch einmal eine ähnliche Rolle zukommen. 2003 eröffnete der Babelsberger Verein mit der Schlossstraße 13 eine Außenstelle in der Innenstadt. Genannt wurde das Haus Spartacus- in Anlehnung an den gleichnamigen "Klub der Arbeiterjugend", der dort bis 1989 untergebracht war. Das Programm wurde zu großen Teilen von einem Kreis ehrenamtlicher Jugendlicher bestritten. Das überraschende Aus kam im Frühjahr 2008 mit der Schließung des Hauses - kurz vor der Insolvenz des Lindenparks.

Sommerliche Tanzparty zwischen dem Spartacus- und dem S13-Club auf dem Freilandgelände an der Friedrich-Engels-Straße. 2013 kamen rund 70000 Besucher in das neue Kulturzentrum Quelle: Bernd Gartenschläger

Der anschließende "tanzende Aufstand" der Spartacus-Jugendlichen gegen die Schließung mit eine Vielzahl von Partys und Demonstrationen wurde getragen von einer Vielzahl befreundeter Projekte und Vereine, die in einer allmählich durchsanierten Innenstadt ebenfalls mit Verdrängungsprozessen zu kämpfen haben. Und wieder kam eine Schlüsselfigur ins Spiel, die "nicht dem direkten Szenekreis zuzuordnen ist", so die Autoren der Masterarbeit, sondern "durch seine berufliche Eingebundenheit ... in die städtischen Prozesse wirkte". Dirk Harder, langjähriger Geschäftsführer des Stadtjugendrings, hatte größten Anteil daran, dass die Stadtwerke und die Stadtpolitik den Weg ebneten für ein neues Jugendkulturzentrum "Freiland" auf dem früheren Gelände des Wasserbetriebes an der Friedrich-Engels-Straße. Der Spartacus e.V. betreibt mit dem zentralen Saal auf dem 2011 eröffneten Gelände den nach eigener Darstellung "einzigen basisdemokratisch selbstverwalteten Tanzclub" der Stadt.

Die Autoren

Stephanie Pigorsch, Jahrgang 1981, lebt seit 1984 in Potsdam. Abitur am Humboldt-Gymnasium, danach Studium der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Potsdam. 2006 übernahm sie die Leitung des Kinder- und Jugendbüros, 2011 die Geschäftsführung des Stadtjugendrings. 2011 begann Stephanie Pigorsch ein berufsbegleitendes Masterstudium Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Sozialraumentwicklung und -organisation an der Hochschule in Fulda. Seit 2012 lehrt sie gemeinsam mit Matthias Lack an der Hochschule Fulda im Bereich Partizipation, Öffentlichkeit und Anwaltschaft.

Matthias Lack, 1975 in Potsdam geboren, eröffnete nach dem Abitur 1996 einen Spieleladen mit Kinderclub, den er bis 2002 führte. Dann Studium der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Potsdam mit Zusatzausbildung als Mediator und Lehrauftrag. Von 2005 bis 2011 Sozialarbeiter und Teamleiter der ambulanten Familienhilfe und Familienmediation, seit 2011 Projektkoordinator des Bezirksverbandes der Arbeiterwohlfahrt in Potsdam. Seit 2010 berufsbegleitendes Studium in Fulda.

Von Volker Oelschläger

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