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Potsdam Vom Weg ins böse Handeln
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19:27 01.02.2018
Die Adaption von „Verbrechen und Schuld“ feiert heute Abend um 19.30 Uhr seine Premiere am Hans Otto Theater. Quelle: Foto: Hans Otto Theater
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Potsdam

Es ist ein Jubiläum und ein Abschied zugleich. Mit der zehnten Inszenierung endet das Engagement des Regisseurs Alexander Nerlich am Hans Otto Theater (HOT). Er bringt Fjodor DostojewskisVerbrechen und Strafe“ auf die Bühne – besser bekannt als „Schuld und Sühne“.

Seit 2012 ist der 38-Jährige in Potsdam. Es ist seine bislang längste Verweildauer. Wie für einen Theaterregisseur üblich, inszenierte er an verschiedenen Häusern, hatte nie eine feste Anstellung. So arbeitete er unter anderem in München, Wien, Tübingen, Münster und St. Gallen. Mit acht Stücken kommt seine Wirkdauer am Theater Basel recht nah an Potsdam heran. Doch in der Stadt an der Havel scheint er sich schlicht wohl zu fühlen. Seit zwei Jahren lebt er auch in Potsdam. „Ich fühle mich hier nicht nur künstlerisch zu Hause“, sagt Nerlich. „Und ich habe einen sehr guten Kontakt zu Ensemblemitgliedern und vielen anderen Mitgliedern des Hauses.“ Dankbar ist er, dass die Menschen am HOT Lust darauf hatten, sich ihm anzupassen. „Das ehrt mich“, sagt Nerlich.

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Ein Wechsel kann gut sein.

In Potsdam hat auch seine Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Wolfgang Menardi begonnen. Unter Intendant Tobias Wellemeyer war es den beiden möglich, viele Dinge auszuprobieren. „Wir haben eine spezielle Arbeitsmethode entwickelt, die ich jetzt mit einem neuen Team versuche, zu erweitern. Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar“, sagt Nerlich. Diesen Stil, so schätzt er, können Theatergänger, die häufiger in ihren Aufführungen säßen, durchaus wiedererkennen. Beabsichtigt sei das aber nicht.

Und der Abschied? Fällt er ihm schwer nach sechs Jahren am Hans Otto Theater? „Ich bedauere es nicht, zu gehen, weil ein Wechsel auch gut sein kann“, sagt der Regisseur. „Aber ich bedaure, dass die Begegnungen mit dem Ensemble aufhören, weil ich es sehr schätze und viele Kollegen kennengelernt habe, mit denen ich einfach gerne Theater mache.“

Alexander Nerlich inszeniert "Verbrechen und Strafe" von Fjodor Dostojewski und verabschiedet sich damit vorerst aus Potsdam. Quelle: Hans Otto Theater

Welche seiner Inszenierungen die gelungenste war, vermag er nicht zu beurteilen, sagt Nerlich. „Ich würde es so sagen: Die Aufführungen, bei denen das Teamwork gut war, waren auch die besten.“ Und doch: Es habe viele Inszenierungen gegeben, bei denen Chaos herrschte. „Meine und die vielen Wünsche der verschiedenen Abteilungen haben bei meinen Arbeiten nicht immer gut zusammengepasst. Es herrschte oft ein produktives Chaos, in dem vermittelt werden muss. Und da bin ich vielleicht nicht der größte Meister.“ Und trotzdem hat die Zusammenarbeit zehn Ins­zenierungen lang geklappt. Nachtragend war also offenbar niemand. „Vielleicht ist es ganz gut, dass sie jetzt mal Pause von mir haben“, sagt er.

Der Titel des Stückes

Besser bekannt ist die Geschichte über den ehemaligen Jura-Studenten, der in das Böse abdriftet und zum Doppelmörder wird, unter dem Titel „Schuld und Sühne“. Der russische Originaltitel lautet „Prestuplenije i nakasanie“. Das lässt sich aber nicht exakt ins Deutsche übersetzen. Die lange Zeit übliche Übersetzung „Schuld und Sühne“ hat eine stark moralische Orientierung, die dem russischen Original allerdings fehlt. Jene Worte stammen eher aus der juristischen Fachsprache.

Verbrechen und Strafe“ ist genauer, trifft allerdings den ethischen Gehalt der russischen Begriffe nicht. Verwendet wurde der Titel unter anderem von der sowjetischen Literaturübersetzerin Swetlana Geier, die Dostojewskis Werk 1994 übersetzte. Davor tat dies der russische Literaturhistoriker Alexander Eliasberg, im Jahr 1921. Auch er betitelte das Werk mit „Verbrechen und Strafe“.

Geiers Übersetzung bekam viel Aufmerksamkeit und ist die aktuellste. Sie ist auch die Grundlage für Alexander Nerlichs Adaption am HOT. Geier hat weitere Werke Dostojewskis übersetzt und arbeitet insgesamt 20 Jahre daran. Ungewöhnlich war, dass sie sie stets diktierte.

Figuren Dostojewskis sind im besten Sinne verrückt

Sein vorerst letztes Projekt, die Dostojewski-Adaption, wurde ihm von Intendant Tobias Wellemeyer angeboten. „Ich habe mich gefreut, dass er nach Tschechow wieder einen russischen Stoff wählte.“ Im ersten Moment habe er sich trotzdem erschrocken. „Ich dachte: Puh, das ist zu groß für mich. Aber ich finde, dass die dostojewskischen Figuren sehr interessant sind für das Theater, weil sie so ambivalent und im besten Sinne verrückt sind. Er schafft es, die Figuren dem Zuschauer sehr nahe zu bringen und trotzdem bleibt ihr Handeln unvorhersehbar. Und das finde ich toll.“ Deswegen glaubt er, dass Theater sich gut mit Dostojewski beschäftigen können. Es gebe viele Dialoge und Beschreibungen des Wie.

„Ich empfinde die Täterpersönlichkeiten in seinen Werken als ein sehr aktuelles Themenfeld. Wie sie aus Lebenskrisen sich zu befreien versuchen und dabei an den Rand des Wahnsinns geraten und sich der Gewalt nähern. Diese Prozesse begleitet Dostojewski sehr ausführlich.“ Raskolnikow, die Hauptfigur in „Verbrechen und Strafe“, sei dafür ein ziemlich erbärmliches Beispiel.

„’Wie werden wir böse?’, das interessiert mich sehr.“

Und worin liegt für Nerlich nun die Aktualität des Stoffes? „Böse zu handeln im Namen einer Idee, sich über sich selbst erheben, sich berufen und auserwählt fühlen, die Regeln der Gesellschaft für sich nicht mehr zu akzeptieren, amoralisch zu handeln, um einen Beweis zu erbringen, für irgendetwas, das ich mir ausgedacht habe, sei es Religion oder was auch immer: Diese Denkfiguren und Phänomene rieche ich gerade und merke, dass das öfter passiert.“

Dabei denke er nicht primär an Islamismus oder Rechtsextremismus. Er sei schlicht brennend an dem dostojewskischen Thema interessiert „Wie werden wir böse? Wie steigern wir uns in böse Ideen und wie schaffen wir es, sie vor uns zu rechtfertigen?“. Genau so interessant sei aber auch Dostojewskis liebender Blick auf die Verbrecher, die er als heilbar und würdevoll erkenne. „Der differenzierte und auch ästhetisch großgedachte Blick auf das Schreckliche: Das ist ein Grundding bei diesem Autor und das nimmt mich sehr ein.“

Die Premiere von „Verbrechen und Strafe“ beginnt am Freitag, 2. Februar, um 19.30 Uhr. Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Von Annika Jensen

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