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Potsdam Von der Filmuni auf die Festivalbühne
Lokales Potsdam Von der Filmuni auf die Festivalbühne
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07:59 24.04.2018
Vier Länder, vier Kinder: Lilian Nix ist für ihren Dokumentarfilm rund um die Welt gereist und hat in Havanna, Tokio, Mumbai und Berlin Halt gemacht. Quelle: Lilian Nix
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Potsdam/Saarbrücken

Jorgito ist acht und bietet seiner Heimatstadt Havanna die Stirn wie ein Großer – doch bei einem Mädchen bekommt er weiche Knie. Rekha ist sechs. Sie lebt in den Slums von Mumbai und ist dennoch voller Lebensfreude. Ihr Traum ist es, Lehrerin zu werden – doch sie selbst darf nicht in die Schule gehen... Jorgito und Rekha, Kurumi aus Tokio und Sean aus Berlin haben trotz aller Unterschiede vieles gemeinsam – unter anderem Lilian Nix, die sie mit der Kamera begleitet hat. Lilian Nix – 32 Jahre alt, Berlinerin und Kamerastudentin an der Filmuniversität BabelsbergKonrad Wolf“ – ist mit „Kindsein – ich sehe was, was du nicht siehst!“ im Rennen um den Max-Ophüls-Preis (MOP) in der Kategorie Dokumentarfilm. Die 39. Auflage des bedeutenden Filmfestivals findet seit Montag in Saarbrücken statt. Am Samstag werden die Preise verliehen. Die MAZ hat Lilian Nix in Saarbrücken erreicht.

Wie ist es, den eigenen Film auf der großen Leinwand zu sehen?

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Es ist immer wieder beeindruckend – was mich aber jedes Mal sehr berührt, ist, dass es so möglich wird, die Bilder auf eine einzigartige Weise mit anderen Menschen zu teilen. Ich schaffe es quasi, meine Gedanken, meine Ansichten und Gefühle fast magisch an völlig Fremde zu übertragen und sie idealerweise durch die Bilder zu berühren.

Lilian Nix studiert an der Filmuniversität Babelsberg und ist beim Max-Ophüls-Festival 2018 im Doku-Wettbewerb mit "Kindsein - Ich sehe was, was du nicht siehst" dabei. Quelle: Lilian Nix

Sitzen Sie immer im Publikum? Was wird da so getuschelt?

Ja, auf jeden Fall. Am liebsten sitze ich dann ganz vorne und gucke anstatt zur Leinwand zum Publikum, um die Reaktionen zu beobachten. Das Berührt-Werden durch den Film, auf welche Weise auch immer, spiegelt sich in den Gesichtern wider und ist für mich die schönste Bezahlung für die viele Arbeit.

Egal, ob als Zuschauerin oder Teilnehmerin: Sind Sie zum ersten Mal beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken?

Ja, ich bin dieses Jahr das erste Mal hier.

Haben Sie Ihre Kamera dabei?

Ich habe tatsächlich überlegt, aber sie dann Zuhause gelassen. Wenn ich die Kamera dabei habe, dann ist es kaum möglich, mit mir normal durch die Straßen zu laufen, weil überall spannende Gesichter, aufregende Motive und Geschichten lauern.

Derzeit läuft das 39. Filmfestival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Quelle: Sebastian Woithe

Seit wann ist für Sie klar, dass Sie zum Film wollen?

Es war schon immer ein Traum von mir, auch wenn das abgedroschen klingt. Schon als kleines Kind wollte ich die Menschen über die Sprache Film erreichen. Ich habe oft gesagt, dass ich es irgendwann einmal schaffen möchte, dass mein Name in einem Abspann steht.

War Ihr Platz schon immer der hinter der Kamera – wie kam es dazu?

Mit sechs Jahren habe ich meine erste Kamera bekommen und mit meinem Papa Fotos und deren Wirkung analysiert. Ich wollte schon immer die Menschen über Bilder erreichen. Da war der Weg zum Film beziehungsweise hinter die Kamera sehr naheliegend und lange klar.

Sind in Ihrer Familie Filmschaffende zu finden?

Mein Papa ist Kameramann beim Fernsehen, aber so wirklich Filmschaffende habe ich nicht in der Familie. Was aber nicht heißt, dass sie weniger stolz sind oder mich minder unterstützen könnten. Meine Eltern kommen auch beide zum Festival.

Wie geht’s mit Ihrem Studium an der Filmuni weiter?

Ich hoffe, dass ich noch ein paar Festivals mit dem Film besuchen darf. Dann hoffe ich, einen schönen Abschlussfilm zu finden und meinen Master erfolgreich zu beenden.

Was haben Sie gerade in der Mache?

Ich habe drei konkrete Ideen für Folgeprojekte, denen ich mich jetzt anfangen werde intensiver zu widmen – in der Hoffnung, dass dann eins wirklich entstehen kann. Ich freue mich schon wieder wahnsinnig auf den nächsten Film.

Wann und wo haben Potsdamer die Chance, Ihre Doku zu sehen?

Wir sind noch auf der Suche nach einem Verleiher und hoffen, dass der Film dieses Jahr noch im Kino zu sehen sein wird. Außerdem hoffen wir gerade, dass wir auf dem Sehsüchte-Festival laufen werden.

Rekha ist sechs. Sie lebt in den Slums von Mumbai und ist dennoch voller Lebensfreude. Ihr Traum ist es, Lehrerin zu werden – doch sie selbst darf nicht in die Schule gehen... Quelle: Lilian Nix

Und was machen Sie mit 7500 Euro Preisgeld?

Das ist eine witzige Frage, weil sie nicht im Konjunktiv ist. Vielen Dank für den Optimismus! Also mal angenommen, wir würden tatsächlich gewinnen, dann wäre das eine Basis für das nächste Projekt und für jedes Kind ein Paket mit einer kleiner Überraschung.

Wir drücken hier zwar alle die Daumen – aber was ist, wenn Sie nicht gewinnen? Wären Sie enttäuscht? Was bringt so ein Festival, wenn der große Preis ausbleibt?

Natürlich wäre es wunderschön zu gewinnen, vor allem weil ich das Gefühl hätte, auch dem Team eine Art Dankeschön zurückgeben zu können. Doris Dörrie (Filmemacherin und MOP-Ehrenpreisträgerin 2018, Anm. d. Red.) hat bei der Eröffnungsveranstaltung immer wieder das Wort „Ermunterung“ benutzt. Häufig fällt es den Leuten leicht, Kritik zu üben, aber sehr schwer, Positives zu sagen, zumindest in unseren Gefilden. Da ist eine kleine Bestätigung genau das, was einem dann Kraft und Energie zum Weitermachen gibt. Genau diese „Ermunterung“ wäre solch ein Preis. Aber auch wenn der Preis ausbleibt, ist es eine riesige „Ermunterung“ bei solch einem renommierten Festival gelaufen und am ersten Festivaltag für alle Vorstellungen ausverkauft gewesen zu sein. Ich kann es immer noch nicht fassen.

Filme von kurz über mittel bis lang

Das Filmfestival Max-Ophüls-Preis (MOP) in Saarbrücken gilt als wichtigste Plattform für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm. Es wurde 1980 gegründet. Zur Premiere fanden rund 700 Zuschauer – inzwischen kommen bis zu 43 000 Filmfans.

Namensgeber ist der in Saarbrücken geborene Max Ophüls („Lola Montez“, 1902–1957). Er war einer der bedeutendsten europäischen Film-, Theater- und Hörspielregisseure des 20. Jahrhunderts.

Vergeben werden 15 Preise, die insgesamt mit 103 500 Euro dotiert sind, darunter bester Spielfilm, beste Regie, bestes Drehbuch, bester Schauspielnachwuchs, bester Dokumentarfilm, beste Filmmusik, bester mittellanger und bester Kurzfilm.

Die Filmuniversität BabelsbergKonrad Wolf“ stellt sich mit mehreren Beiträgen der Konkurrenz. In der Kategorie „Bester Kurzfilm“ sind das der märchenhafte 7-Minüter „Kugelmenschen“ (R: Sophie Linnenbaum) über die Flucht aus einer Wahrsagerkugel und das Kammerspiel „Ptok“ (R: Ali Tamim) über menschliche Isolation. Der verhängnisvolle Ausgang einer Schulabschlussfeier ist Thema von „Siebenpunkt“ (R: Jonas Ludwig Walter) – die Koproduktion mit dem MDR läuft im Wettbewerb um den „Besten Mittellangen Film“. In der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ ist Lilian Nix mit „Kindsein – Ich sehe was, was du nicht siehst “ im Rennen. Filmuni-Student Jannis Greff hat „Es ist egal, aber“ von der HFF München (R: Christoph Ischinger) geschnitten – Premier wurde im mittellangen Wettbewerb Premiere gefeiert. Außerhalb der Wettbewerbe sind vier weitere Filmuni-Produktionen zu sehen.

Das Medienboard Berlin Brandenburg ist mit acht geförderten Filmen im Programme vertreten, darunter die Doku „Swimming Pool am Golan“ von der Potsdamer Schauspielerin Esther Zimmering, die hier Regie führte. nf

Von Nadine Fabian