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Potsdam Vor Gericht: Messerstecherei im Asylheim
Lokales Potsdam Vor Gericht: Messerstecherei im Asylheim
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00:55 18.10.2014
Quelle: Julian Stähle
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Potsdam

Im Prozess, der seit Mittwoch im Potsdamer Amtsgericht verhandelt wird, geht es um Männer, die aus ihrer Heimat geflohen sind, um eine Schicksalsgemeinschaft im Asylbewerberheim Beelitz (Potsdam-Mittelmark) und um ein Messer.

Mit dem soll der aus dem Tschad stammende Shukri M. (23) seinen Landsmann Bashir N. (33) in der Flüchtlingsunterkunft in Beelitz-Heilstätten im April dieses Jahres niedergestochen und lebensbedrohlich verletzt haben. Laut Anklage waren die beiden an einem Samstagabend im Waschraum des Heims aneinander geraten. Man stritt und beschimpfte sich, dann soll Shukri M. ein Messer hervorgeholt und mehrmals auf den Mitbewohner eingestochen haben. Er verletzte Bashir N. nicht nur an der Brust, er zielte auch auf seinen Genitalbereich. Der Getroffene erlitt so schwere Verletzungen, dass er mit dem Rettungshubschrauber zur Notoperation ins Krankenhaus geflogen und für mehrere Tage ins künstliche Koma versetzt werden musste. Noch heute, ein halbes Jahr später, hat er Schmerzen und nimmt Medikamente.

Zu den Vorwürfen schweigt Shukri M. Er lässt seinen Verteidiger lediglich erklären, dass sich die Sache nicht wie dargestellt ereignet hat. Er habe sich nur verteidigt und in Notwehr gehandelt. Über sein Leben berichtet er dann allerdings selbst. Die Stimme ist leise, der Blick gesenkt. Seit Februar 2013 ist er in Deutschland. Eine Schule hat er nie besucht, kann nicht lesen und schreiben. Erst in Beelitz hat er das Alphabet gelernt, sagt Shukri M. Wie in der Familie seit Generationen üblich, habe er Vieh gehütet. Mit 18 ging er zum Militär - nicht zu den Regierungstruppen, sondern zu den Rebellen im Nachbarland Sudan.

Seit dem 20. April 2014 sitzt Shukri M. in Untersuchungshaft. Im Gefängnis verständigt er sich mit ein paar Brocken Englisch und Deutsch, mit Händen und Füßen. Im Gerichtssaal, hört er seit Langem wieder Gorane, seine Muttersprache, denn Bashir N. erzählt reichlich, auch wenn sich der Eindruck aufdrängt, dass auf dem Wege der doppelten Übersetzung (von Gorane ins Französische und dann ins Deutsche - und umgekehrt) vieles verloren geht. Kulturelle und religiöse Gepflogenheiten erschweren den Dialog zusätzlich. Jede Frage wird daher doppelt und dreifach gestellt - eine Geduldsprobe für alle Beteiligten.

 

Der Prozess wird am Dienstag, 22. Oktober, fortgesetzt. Dann sagen die Mitarbeiter des Asyls aus.

"Das ist - vor allem in der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt - einer der härtesten Jobs, die das Land Brandenburg zu vergeben hat", sagt Ingo Decker vom Innenministerium. "Je drangvoller die Enge, desto größer das Potenzial für Konflikte jeglicher Art." Zwar werden Vorfälle in Asylbewerberheimen in der Polizeistatistik nicht gesondert erfasst, so Decker. Herausragende Ereignisse würden dem Ministerium aber gemeldet. "Wir haben einen sehr genauen Überblick, was passiert", sagt Decker. "Und es passiert immer mehr. Das ist ein begründeter Eindruck, den derzeit aber empirisch nicht belegen kann."

Von Nadine Fabian

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