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Potsdam Dirk Kummer: „Die Wahlplakate regen mich unglaublich auf!“
Lokales Potsdam

Vor der Bundestagswahl 2021: Was bewegt Sie, Dirk Kummer aus Potsdam?

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11:52 12.09.2021
Dirk Kummer, Filmregisseur und Autor aus Potsdam.
Dirk Kummer, Filmregisseur und Autor aus Potsdam. Quelle: MAZ/Sven Serkis
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Potsdam

Am 26. September ist Bundestagswahl. Die MAZ fragt Brandenburgerinnen und Brandenburger, was sie umtreibt. Heute: Dirk Kummer (54) aus Potsdam.

Wo sind Sie gerade – und was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster gucken?

Ich sehe nichts, weil ich derzeit im Schneideraum meinen neuen Film endfertige und die Fenster verdunkelt sind.

Beschreiben Sie uns doch mal einen typischen Tag aus Ihrem Leben.

Nach dem Aufstehen drehe ich eine Runde mit dem Hund, in einer meist fremden Stadt wie Hamburg oder München. Gegen 7 zum Drehort fahren, Covid-Test und dann Dreharbeiten bis ungefähr 19 Uhr. Danach gibt es Besprechungen der folgenden Drehtage und Sichtung des Materials vom Vortag. Dann kommt der Hund wieder zu mir, wir machen eine Abendpause mit Telefonat nach Hause. Meist geht es dann nach 21 Uhr noch mal an den Schreibtisch und ich lese oder schreibe an Drehbüchern, die für die Zukunft relevant sind. Während der Corona-Zeiten ist es üblich, dass ich zwei Monate nicht zu Hause in Potsdam bin. Die Familie muss dann am Wochenende ab und zu dorthin kommen, wo ich grade arbeite.

Immer mehr Flächen werden versiegelt

Sie wohnen in Potsdam– was gefällt Ihnen dort, was nicht?

Ich wohne am Stadtrand von Potsdam im Grünen. Dort war bis vor ein paar Jahren naturnahe Erholung und das Genießen der fehlenden Menschenmassen möglich. Der nicht zu bändigende Ehrgeiz, jede nur mögliche Fläche zuzubauen, hat bereits jetzt spürbare Konsequenzen für Landschaft und Natur. Für Radschnellwege werden Bäume abgeholzt, es wird immer mehr Fläche versiegelt und Lebensraum für Tiere und Pflanzen zerstört. Und das unter dem Vorwand, den Potsdamern Naherholung zu ermöglichen und Klimaziele zu erreichen. Wenn wir 70 Jahre alt sind, werden wir wohl kilometerweit mit dem Fahrrad zu einem Arzt radeln müssen, bei dem wir dann nach mehreren Stunden Wartezeit rankommen.

Was regt Sie zurzeit am meisten auf und warum?

Die Wahlplakate regen mich unglaublich auf! All die auf originell gemachten Sprüche und gestellten Fotos - das ist unerträglich. In meinem Wahlkreis hängt seit 11 Jahren immer dieselbe Kandidatin für den Bundestag, jeweils mit einer neuen Frisur. In meinem Potsdamer Alltag hat sie spürbar jedoch überhaupt keinen Einfluss. Man fährt 15 Minuten mit dem Auto in die Innenstadt und muss sich zwangsläufig diese ganzen Worthülsen der Partei-Werbeagenturen reinziehen.

Was müsste passieren, damit es besser wird?

Wir alle müssten viel mehr Mut haben, die Leistungen der Politikerinnen und Politiker abzufragen und zu hinterfragen. Die Gleichgültigkeit und das Zurückziehen ins Private enden in einem kompletten Zerfall der Demokratie. Etwa für eine Demo gegen das Wassersportverbot auf dem Fahrlander See lassen sich im Handumdrehen Hunderte Familien mobilisieren - was meinen Sie, wie viele von denen für das Ausfliegen der afghanischen Ortskräfte auf die Straße gehen würden.

Homophobie hat in den letzten 30 Jahren zugenommen

Was hat Ihnen zuletzt Freude bereitet?

Als sich bei der Olympiade Tamberi und Barshim die Goldmedaille im Hochsprung geteilt haben. Bei so einer zweifelhaften Veranstaltung wie den Olympischen Spielen fand ich das eine großartige Geste des Respekts. Ohne all die Rankings, Bestsellerlisten, Gewinner-Fokussierung könnte man viel Ausgrenzung vermeiden. Es geht doch inzwischen nur noch darum, ganz oben zu stehen, selbst bei Bewertungsportalen für Handwerker. Das kann nicht gesund sein und fördert viel Betrug.

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Wären Sie bereit, sich politisch zu engagieren und wofür?

Ich engagiere mich mit den Geschichten in meinen Filmen, vielleicht nicht politisch, sondern eher moralisch. Grade in die derzeitige Diversitätsdiskussion habe ich mich schon vor Jahren eingebracht. „Coming out“ von 1989 ging ja schon in diese Richtung. Über 30 Jahre später muss man feststellen, dass Homophobie eher zu als abgenommen hat.

Wenn Sie Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin wären – was wäre Ihre erste Amtshandlung

Ich würde Politikerinnen und Politikern Sendezeit nur noch in Nachrichten und politischen Sendungen sowie Wahlwerbung erlauben. Diese endlosen Talkshows mit Politiker-Sendezeit machen mich wütend. Man würde denen ja sehr gern zuhören, wenn man ihre Visionen und Versprechen auch im Alltag wiederfinden könnte.

Und was bewegt Sie, liebe Leserinnen und Leser? Wenn Sie mitmachen wollen, schicken Sie uns eine Mail an wasbewegtsie@maz-online.de

Von MAZonline