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Potsdam Warum diese Familie die Schulpflicht verweigert
Lokales Potsdam Warum diese Familie die Schulpflicht verweigert
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09:33 10.04.2018
Sie sind so frei: Angela Schickhoff will ihre Kinder nicht zwingen, in die Schule zu gehen. Cajetan, Annemarie Dorothea und Bettina (v.l.) bestimmen selbst, was sie wann, wo, wie und von wem lernen. . Quelle: Jacqueline Schulz
Potsdam

 Neulich hat sie überlegt, ob sie die Ranzen der zwei Jüngsten nicht doch verkaufen sollte. Caje ist jetzt elf, Dori neun. Zur Schule gehen die beiden seit beinahe zwei Jahren nicht mehr. Ihre Mappen stehen im Wohnzimmer. „Griffbereit, falls es sich die Kinder anders überlegen und doch wieder in die Schule möchten“, sagt Angela Schickhoff. Caje starrt auf den leeren Teller vor sich. Das Kinn hat er wie einer der großen Denker in die Faust gestützt. Er schüttelt schweigend den Kopf. Dori verzieht das Gesicht, als hätte sie auf etwas sehr, sehr Bitteres gebissen: „Schule? Bäh! Ich will nicht!“ Sie stobt davon.

Angela Schickhoff (47) und ihr Mann Kristian (50) haben vier Kinder, die sie innig lieben und für die sie nur das Beste wollen. In ihrem Fall bedeutet das, dass sich Annemarie (19), Bettina (17), Cajetan (11) und Dorothea (9) frei und selbstbestimmt bilden dürfen, dass sie selbst entscheiden können, was sie wann, wo, wie und von wem lernen. Das Gesetz hingegen verpflichtet Kinder und Jugendliche, eine Schule zu besuchen – und Erziehungsberechtigte, das zu überwachen und durchzusetzen, auch gegen den Willen der Kinder. Seit 300 Jahren ist das so.

Sie haben vieles, das so selbstverständlich schien, auf den Kopf gestellt

Die Schulpflicht gleicht in Deutschland einem Naturgesetz und dem sind Angela und Kristian Schickhoff selbst lange gefolgt. Sie sind zur Schule gegangen: „Weil man das eben so macht“. Sie haben gelernt, was Rahmenplan und Lehrer verlangt haben. Sie haben gute Noten geschrieben und das Abitur abgelegt. Sie haben an der Universität studiert. Später haben sie ihre Kinder eingeschult: „Weil man eben auch das so macht“. Sie haben sie Morgen für Morgen geweckt und in den Unterricht geschickt, um dort zu lernen, was sie oft nicht interessiert hat und was sie schnell wieder vergessen haben, erzählt Angela Schickhoff. Dass sie und ihr Mann eines Tages innegehalten und vieles, das so selbstverständlich schien, hinterfragt, ja auf den Kopf gestellt haben, dafür gab es viele Gründe. Der für die Eltern schwerwiegendste: „Wir möchten keines unserer Kinder zu etwas zwingen – auch nicht dazu, in die Schule zu gehen. Lernen ist ein Recht. Es darf aber keine Pflicht sein.“

Schulfrei für immer – davon träumen sicher einige Kinder. Für Anni, Betty, Caje und Dori aus Potsdam ist es Realität, nicht in den Unterricht zu müssen. „Wir möchten keines unserer Kinder zu etwas zwingen – auch nicht dazu, in die Schule zu gehen“, sagen die Eltern.

So wie die Schickhoffs suchen immer mehr Eltern in Deutschland, in Europa, in der Welt nach einem anderen Bildungsweg. Weil sich viele der Familien aber an der Grenze zur Legalität bewegen und aus Angst davor, das Sorgerecht zu verlieren, schlichtweg untertauchen, gibt es keine offizielle Zahl der Kinder, die nicht der klassischen Schullaufbahn folgen. In Deutschland kursieren verschiedene Angaben. Mal ist von einigen hundert die Rede, mal von 1000, mal von 3000. Wie auch immer: Die Szene, die vor allem übers Internet verbunden ist, an Stammtischen oder auf Festivals zusammenkommt, ist eingeschworen. Einig ist man sich deshalb noch lange nicht. Denn wie schulfreie Bildung aussehen kann, darüber gibt es diverse Ansichten. Beim Homeschooling zum Beispiel unterrichten die Eltern selbst zu Hause. Unschooler und Freilerner hingegen lehnen selbst das ab, weil sie darauf vertrauen, dass Kinder von allein ihren Interessen und Begabungen folgen und so lernen, was sie fürs Leben brauchen. Am Ende aber bleibt die eine Idee: dass Lernen nur ohne Zwang, ohne Druck erfolgreich und nachhaltig sein kann.

Ihr Ideal: Lernen ohne Lernziele, ohne Bewertung oder Zertifikate

Ihre Meinung hat sich Angela Schickhoff ans Revers geheftet. „Schulpflicht“ steht auf dem Button. Das Wort ist durchgestrichen. Eine Provokation, sicher. Vielmehr aber ein Denkanstoß, meint Angela Schickhoff. Das Bildungssystem, von dem es oft heißt, dass es in der Krise steckt, dass Lehrer, Eltern und Schüler gleichermaßen unzufrieden sind, hält sie für untauglich. „Wir haben es auch mit freien Schulen wie Waldorf probiert“, sagt Angela Schickhoff. Der Unterschied zu staatlichen Schulen sei nicht groß. Viel freier, meint sie, wären ihre Kinder jedenfalls nicht gewesen. Ihr Ideal: Lernen ohne Lernziele, ohne Bewertung oder Zertifikate – Lernen zur eigenen Zufriedenheit. Die Kinder sollen ihren Neigungen nachgehen, sie sollen sich ausprobieren. Caje beispielsweise interessiert sich für Star Wars, Raumschiffe und Co. – da stecken eine Menge Physik und Mathe drin. „Da kann man dann tiefer einsteigen“, sagt Angela Schickhoff. „Jeder Mensch will lernen – aber nicht alle wollen das gleiche. Man sollte nur das lernen, was für einen von Belang ist. Was genau das ist, kann nur jeder selbst entscheiden.“

Dori hat sich gerade fürs Lesen und Schreiben entschieden. Das Mädchen, dem die Schule einst bescheinigte, dass ihm grundlegende Fähigkeiten zum Schulbesuch der 2. Klasse fehlten und es keine Buchstaben kenne, langt neuerdings bei „Stadt, Land, Fluss“ so richtig zu. In störrischen Versalien zwar und meist nach Gehör. „Es wird aber immer besser“, sagt Betty. Sie ist noch zur Schule gegangen, als ihre Geschwister schon längst die Mappen in die Ecke gestellt hatten. „Es ist mir ewig nicht in den Kopf gekommen, das zu hinterfragen, was ich da mache.“

Bulimie-Lernen nennt Betty ihre Schulzeit

Die 9. Klasse hat sie abgeschlossen, die 10. Klasse nur noch bis zu den Herbstferien besucht. Sicher, dass die anderen sich in aller Ruhe in ihren Betten umdrehten, als sie ganz allein aufstand, um sich für den Unterricht fertig zu machen, habe sie irgendwann gewurmt. „Den Ausschlag hat es aber nicht gegeben“, sagt Betty. „Mir ist damals einfach klar geworden, dass ich in der Schule nicht das lernen kann, was ich wirklich möchte. Dass ich mich stattdessen mit Dingen beschäftigen muss, die mich weder interessieren noch weiterbringen.“ Bulimie-Lernen nennt Betty diese Zeit: „Wissen reinprügeln, beim Test auskotzen und danach vergessen.“ Jetzt überlegt sie, den Staat auf neun Jahre Freiheitsberaubung zu verklagen. Betty weiß, dass sie damit nicht durchkommen wird. Es gehe eher um den Effekt: „Wir müssen über Bildung reden und darüber, wie frustrierend Schule ist!“

Auch für das Land Brandenburg und die Landeshauptstadt Potsdam liegen keine Zahlen vor. Aus dem Bildungsministerium heißt es lediglich, dass es in Potsdam ein anhängiges Verfahren am Verwaltungsgericht gibt und zwei Kinder, deren Eltern im Schulamt die Befreiung von der Schulpflicht beantragt haben, weil sich die Kinder frei bilden sollen. Der Antrag der Schickhoffs wurde abgelehnt. Das besagte Verfahren macht der Familie seit Monaten zu schaffen. Die Angst, dass man Dori und Caje aus der Familie nehmen könnte, hat sie noch stärker zusammengeschweißt.

„Einer von uns beiden ist immer zu Hause bei den Kindern“

Mehrmals hat das Schulamt inzwischen ein Zwangsgeld angeordnet, damit die Eltern „für den ordnungsgemäßen Schulbesuch ihrer Kinder (...) sorgen“. Aktuell stehen 4500 Euro aus. „Geld, das wir nicht zahlen wollen und nicht zahlen können“, sagt Angela Schickhoff. „Wir haben gerade so viel wie wir zum Leben brauchen.“ Beide Eltern arbeiten. „Einer von uns beiden ist aber immer zu Hause bei den Kindern“, sagt Angela Schickhoff. Seit die Kinder zu Hause lernen, sei das Zusammenleben viel schöner.

„Wir sind nicht gegen Schule“, sagt Angela Schickhoff. „Aber wir sind gegen den Zwang, der hier in Deutschland mit dem Lernen verbunden ist. Wir sind für viele offene Bildungsangebote, die Kinder besuchen können, wenn sie Lust dazu haben.“ Von solchen Orten gebe es in Potsdam einige wenige: die Bibliothek etwa, in der die Familie viele Nachmittage verbringt, das Extavium, der Treffpunkt Freizeit. Angela Schickhoff möchte gern selbst so einen Ort etablieren – einen Freiraum für selbstbestimmte Bildung. Dafür hat sie eine Spendenaktion gestartet.

Anni bereitet sich auf eigene Faust aufs Abitur vor

In ein paar Tagen brechen Angela Schickhoff, Betty und Dori aber erst einmal nach Italien auf. Venedig, Rom, Pompeji, ein Schlenker nach San Marino: Drei Wochen lang wollen sie herumreisen. „Alles mit öffentlichen Verkehrmitteln“, sagt Betty. „Das ist umweltfreundlicher und klappt gut. So haben wir’s vergangenes Jahr in England auch gemacht.“ Schon seit Monaten lernen Angela, Betty und Dori nun Italienisch. Wenn sie am Abendbrottisch ihren Wortschatz ausloten, gibt’s manchmal Ärger. Caje, der nicht so gerne verreist und mit Papa Kristian daheim bleibt, findet die fremde Sprache doof und wird schon mal bockig. Anni hingegen würde am liebsten mitfahren – wären da nicht die Abiturprüfungen, auf die sie sich auf eigene Faust vorbereitet. Auch Betty schließt das Abi nicht aus. „Vielleicht in zwei Jahren“, sagt sie. „Ich bin mir einfach noch nicht sicher. Ich müsste bald mal anfangen – wenn mir nichts dazwischen kommt, das mir besser gefällt.“

Sollte die Schulpflicht gelockert werden?

Die Familie Schickhoff ist überzeugt, dass das freie Lernen ohne Schule und Lehrplan ihren vier Kindern besser hilft als ein Schulbesuch mit vorgegebenen Inhalten und einem gewissen Lerndruck.

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Von Nadine Fabian

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