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Potsdam MAZ-Sterntaler sammelt für Horst Brabant: einsames Leben mit kleinen Wünschen in Potsdam
Lokales Potsdam

Weihnachten MAZ-Aktion: Altersarmut in Potsdam, Wünsche von Bedürftigen, Rentner aus Drewitz

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15:29 27.11.2021
Horst Brabant (69) aus Drewitz.
Horst Brabant (69) aus Drewitz. Quelle: Julius Frick
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Potsdam

Weihnachten ist das Fest für gute Taten – in diesem Sinne organisiert die MAZ jedes Jahr die Spendenaktion „Sterntaler“. Wir möchten bedürftigen Potsdamerinnen und Potsdamern ein schöneres Weihnachtsfest bescheren – und stellen sie mit ihren Lebensgeschichten vor. Den Auftakt macht Horst Brabant aus Drewitz.

Nein, Horst Brabant stellt sich keinen Weihnachtsbaum ins Zimmer. Wohin auch? Der größte Raum in seiner 35-Quadratmeter-Wohnung an der Asta-Nielsen-Straße in Drewitz ist sein Wohn-, Schlaf- und Esszimmer. Mit einer Couch, einem Kleiderschrank und einer Kommode ist es schon voll. Unter dem gardinenlosen, staubigen Fenster zur Straße hin, da, wo mancher in solchen Plattenbauten zum Fest noch einen kleinen Baum aufstellt, steht sein kleiner Fernseher – ein bisschen größer als die 33-Zentimeter-TV-Zwerge der frühen Nachwendezeit. „Meine Weihnachtsdeko liegt hier schon griffbereit im Schrank“, sagt er: Ein grüner Kunststofftannenzweig mit einer Kerze dran. Festlicher macht er es sich niemals, für sich allein lohnt sich das nicht.

Weihnachten ist für den Potsdamer kein Grund zum Feiern

Horst Brabant ist erst 69, aber krank und einsam. Er hat keinen Grund zum Feiern. Er hat einfach niemanden, mit dem er feiern könnte. Er war nie verheiratet, hat keine Kinder. Die Neffen mit ihren Familien leben im Raum Leipzig – da kommt er her. Kontakt hält er per Post zu ihnen, den ältesten Neffen hat er vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen. Ein Stapel Weihnachtskarten „an die Sippe“ liegt auf dem Tisch im dunkel gewordenen Wohnzimmer.

MAZ-Aktion „Sterntaler“: So können Sie helfen

Mit der „Sterntaler“-Weihnachtsaktionsammelt die MAZ in diesem Jahr Spenden für Familien und Alleinerziehende, für ältere und kranke Menschen, für Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind – kurzum für Menschen aus Potsdam und Umland, die es schwer haben und denen wir eine Freude zu Weihnachten machen wollen.

Das Spendenkonto wird von der Hoffbauer-Stiftung treuhänderisch verwaltet, eine Spendenbescheinigung wird ausgestellt (mehr als 300 Euro). Bitte geben Sie als Verwendungszweck an: MAZ-Sterntaler-Aktion.

Die Bankverbindung:

Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank

IBAN: DE53 3506 0190 1567 6140 14

BIC: GENODED1DKD

Die Spendernamen werden veröffentlicht. Wer dies nicht möchte, weist bitte im Verwendungszweck darauf hin.

Sieben Weihnachtspäckchen hat er bereits verschickt an die Verwandten, die er nie sieht. „Ich plane alles lange vorher“, sagt er, aber eigentlich kann er gar nichts planen, weil er sich kaum was leisten kann. Mit seiner Rente kommt er knapp hin, etwas zurücklegen kann er davon nicht.

Was er sich gönnt, sind seine Zigaretten. Er rauche viel, sagt er: „Dieses Laster lasse ich mir nicht mehr nehmen.“ Klar, würde er gern mal verreisen, gibt er zu. Urlaub ist ein Fremdwort aus längst vergangenen Zeiten. Vor zwei Jahren hat er mal eine Kaffeefahrt gemacht zum Adventsmarkt nach Leipzig, das war es schon. Seither beherrscht Corona auch sein Leben; er fühlt sich eingesperrt in der Seniorenwohnanlage, in der es den Clubraum zum Schwatzen, Spielen und Kaffeetrinken schon viele Jahre nicht mehr gibt. Wenigstens eine „Hausfreundin“ hat er im selben Haus. Die stammt aus Kasachstan, ist 73 Jahre alt; er bringt ihr Süßigkeiten.

Weihnachtswünsche? Staubsauger und eine Gardine

Und hat er nicht auch Wünsche? Horst Brabant lebt bescheiden und kommt zurecht. Eigentlich habe er alles, was er braucht, sagt er – aber da wäre doch noch etwas: Einen Staubsauger hätte er gern, um nicht nur mit Besen und Schrubber sauberzumachen. Und eine neue Gardine in der Küche würde ihm Freude machen. Die Leiter am Küchenfenster reicht nicht, um an die Klipse der Gardinenstange zu kommen und das vergilbte Stück Stoff abzunehmen. „Wenn ich eine neue Gardine bekomme“, seufzt er, „brauche ich jemanden, der sie anbringt für mich. Ich bin allein. Ich schaff’ das nicht.“

Horst Brabant (69) bewohnt in Drewitz eine Ein-Raum-Wohnung: Er wünscht sich zu Weihnachten einen Staubsauger und eine neue Küchengardine. Quelle: Julius Frick

„Nächsten Sommer, wenn ich im Juni 70 werde, fahre ich noch mal nach Leipzig zu einem Neffen“, sagt er, „vielleicht ein letztes Mal.“ Theoretisch könnte er mit dem Auto fahren; er hat noch den alten Führerschein der DDR, aber schon lange kein Auto mehr. Das Gehen fällt ihm schwer; ein Fuß macht nicht mehr richtig mit. Ein Rollator steht im Zimmer. Im Bauch schmerzt etwas – was, will er nicht sagen, aber fünf verschiedene Pillen muss er schlucken.

Auf die Frage nach seinem Lebensweg holt er einen vergilbten Kunststoff-Umschlag aus der Kommode: Sein Gesundheitsbuch aus DDR-Zeiten und den grauen WDA, den Wehrdienstausweis. Die Alu-Marke mit der eingestanzten Nummer zur Identifikation hat er noch– er war Berufssoldat der Nationalen Volksarmee (NVA). Das hat sein Leben vorherbestimmt und einen Weg gezeichnet, der ihn letztlich einsam machte.

Nie verheiratet, keine Kinder

„Ich war verlobt“, erzählt er gequält, „doch die Frau wollte nicht von Dienststelle zu Dienststelle ziehen.“ Also verließ sie ihn, ehe sie Kinder kriegen konnten. Dabei hätte er die Armeelaufbahn schon nach 18 Monaten beenden können. Er war „Sandlatscher“ oder „Mukker“, wie man die Soldaten der „motorisierten Schützen“ nannte. Erst freute er sich auch auf das Ende des Grundwehrdienstes und schnitt das 100-Zentimeter-Maßband ab jeden Tag, bis ihm klar wurde, dass er sich wohl und sicher fühlte in der Truppe. Man bot ihm an, länger zu dienen in einem Nachrichtenzug, und er blieb.

Sterntaler: Horst Brabant war mal Berufssoldat und dann Personalchef einer großen Konsum-Genossenschaft in Leipzig. Quelle: Julius Frick

Als jüngstes Kind einer früh verstorbenen Mutter und eines unbekannten Vaters hatte er einen Halbbruder und eine Halbschwester, die deutlich älter waren und inzwischen verstorben sind. Nach dem Tod der Mutter sollte er ins Heim, doch ein Onkel nahm ihn auf und zog ihn groß. Weil dessen Kinder selbst Familien gründeten, er aber nicht, war die Armee ihm wie Familie. Mitte der 1980er Jahre, als in der DDR der Unmut brodelte in der Bevölkerung, krochen die Zweifel auch in ihn, ob dieser Weg wohl richtig sei. Er wollte die NVA verlassen, die ihm das nachträgliche Abitur und ein Agrarstudium ermöglicht hatte. Doch so einfach ließ man ihn nicht gehen. „Das war ein harter Kampf“, sagt er, „vor allem mit dem V-Nuller“ – dem Offizier von der Staatssicherheit.

Von sich aus die Armee verlassen

Er konnte sich befreien und die Uniform ausziehen 1987. Bei der Konsum-Genossenschaft im Landkreis Leipzig wurde er „Kaderleiter“ – Personalchef, sagt man heute. Er beschaffte Personal, besetzte Posten, zeichnete die Urlaubsscheine ab. „Konsum gibt es in Leipzig immer noch“, freut er sich: „Die haben große Kaufhallen und etwa die Preise von Rewe oder Edeka.“ Er war zuletzt für die Gaststättensparte von „Konsum“ zuständig, doch die wurde an neue Betreiber abgestoßen – das beendete sein geregeltes Berufsleben.

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Ungeregelt schlug er sich drei Jahre als Versicherungsvertreter in Sachsen und in Sachsen-Anhalt durch und gab das wieder auf; er fasste niemals Fuß in dieser Branche. Es folgten zwei Jahre in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, in der er Grünflächen pflegte und in Grimma die „Russenkasernen“ abriss. Ende 2016 kam die Rente und mit ihr die Einsamkeit.

Horst Brabant überstand eine Krebserkrankung und folgte einem Freund nach Potsdam, wieder ein Familienersatz. Doch auch dieser Freund bekam Krebs und starb daran.

Brabant hat sich abgefunden mit der Winzigkeit in Drewitz und in seiner Ein-Raum-Wohnung mit dem Monatsvorrat an Konserven das Allernötigste. Und auch wieder nicht. Seine bescheidenen Wünsche stehen nun auf dem Plan für MAZ-Sterntaler.

Von Rainer Schüler