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Potsdam Aids-Hilfe Potsdam: Wie Betroffene unter Stigmatisierung leiden
Lokales Potsdam Aids-Hilfe Potsdam: Wie Betroffene unter Stigmatisierung leiden
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18:08 26.11.2019
Am Sonntag ist Welt-Aids-Tag. Quelle: Dedert/dpa
Potsdam

Die Rote Schleife ist das unverkennbare Symbol: Die HIV-Infizierten und Aids-Kranken sind nicht vergessen. Am kommenden Wochenende werden wieder Rote Schleifen in Potsdam verteilt. Denn am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag.

Hortense Lademann, Sabine Frank und Stefan Zschage von der Aids-Hilfe Potsdam haben sich entschlossen, nicht nur am Tag selbst – dieses Jahr ein Sonntag –, sondern auch an einem zweiten Tag ihren Infostand aufzubauen. Bereits am Freitag, dem 29. November, sind sie an ihrem bekannten Standort in den Bahnhofspassagen anzutreffen. Zusätzlich stehen sie am 1. Dezember in der Brandenburger Straße. Unterstützt werden sie von Landes- und Bundespolitikern sowie von Stadtverordneten und Vertretern der Stadtverwaltung.

Aids-Hilfe Potsdam, Team (v.l.) Hortense Lademan, Stefan Zschage, Sabine Frank Quelle: Elvira Minack

Der Alltag der drei Sozialarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren verändert. „Als ich 1995 angefangen habe, mussten wir noch Sterbebegleitung leisten, es gab Todesfälle“, erinnert sich Sabine Frank. Mit den neuen Therapiemöglichkeiten seit 1996 könnten HIV-Infizierte genauso alt werden wie andere Menschen. Starben vor 1996 im Jahr in Deutschland 2000 Menschen an Aids, waren es danach nur noch 500. Inzwischen sei auch das Nebenwirkungsmanagement verbessert. Einen weiteren erfreulichen Schritt gab es im Jahr 2013. In dem Jahr wurde in Deutschland veröffentlicht, dass Menschen unter HIV-Therapie nicht mehr infektiös sind und andere nicht anstecken können.

Der Bedarf an Informationen und Unterstützung ist trotzdem noch hoch. 130 Klienten zählt der Potsdamer Verein. 50 Prozent von ihnen haben einen großen Beratungsbedarf. Es sind meist Geflüchtete, die infiziert wurden – vergewaltigt auf der Flucht, oder gezwungen, mit Sexdiensten Fluchthelfer zu bezahlen.

Infostand in den Bahnhofspassagen. Quelle: privat

„Wir unterstützen sie nicht nur durch Aufklärung, sondern auch bei Fragen zum Aufenthaltsrecht und vermitteln Rechtsanwälte. Ein wichtiger Partner für uns ist hier auch die Diakonie“, berichtet Hortense Lademann. Jedes Jahr kommen etwa 13 neue Klienten hinzu.

Jede Woche Info-Veranstaltungen an Schulen

Nicht nachzulassen in ihrem Engagement, Wissen zu verbreiten, hat für Lademann, Frank und Zschage deshalb oberste Priorität. Woche für Woche sind sie zum Beispiel an Schulen und übernehmen die im Lehrplan vorgesehene sexuelle Beratung für Schüler ab dem 6. Schuljahr genauso wie für die jungen Leute, die Gesundheits- oder soziale Berufe ergreifen wollen.

Info- Box für Schüler: Kondom, Infobroschüre und Kontaktadressen von Beratungsstellen. Quelle: Elvira Minack

„Wir würden auch mehr Lehrer schulen“, ergänzt Lademann. Die sexuelle Gesundheitsförderung und die mit ihr einher gehende Aufklärung über Risiken und Schutzmöglichkeiten hilft Neuinfektionen mit HIV und Geschlechtskrankheiten zu verhindern, sind die Sozialarbeiter überzeugt.

Schulung für Kita-Erzieher mit infizierten Kindern

Zusätzlich übernehmen sie die Fortbildung der Mitarbeiter in Gesundheitsämtern und sozialpädagogischen Einrichtungen. Erst kürzlich wurden sie in eine Kita gerufen, weil dort ein infiziertes Kind aufgenommen wurde.

„Der Leiterin war wichtig, dass alle Mitarbeiter über das neueste Wissen zum Thema informiert sind“, erklärt Sabine Frank. Künftig, ergänzt Stefan Zschage, werde auch für Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen eine solche professionelle Weiterbildung zur Pflicht: „Darauf sind wir vorbereitet.“

Motto 2019 soll Vorurteile abbauen

Das Motto des diesjährigen Welt-Aids-Tages lautet „Du hast HIV? Damit komme ich (nicht) klar.“ Es geht also darum, Vorurteile abzubauen. Stefan Zschage weiß, dass trotz aller medizinischer Errungenschaften die Diskriminierung Betroffener nicht aufgehört hat. Vor allem im medizinischen Bereich sei dies der Fall.

Klienten erzählen, dass sie beim Zahnarzt als letzte in der Sprechstunde behandelt werden, mit der Begründung, danach müsste alles desinfiziert werden. Dabei seien die Infizierten gar nicht verpflichtet, ihre Krankheit anzugeben. Auch darüber möchten die Vereinsmitglieder mit Ärzten mehr ins Gespräch kommen. Leider stieß ein kürzlich offeriertes Veranstaltungsangebot auf zu wenig Interesse und musste abgesagt werden.

Angebote der Aids-Hilfe Potsdam

Der Verein Aids-Hilfe Potsdam besteht seit 1991. Er hat 29 Mitglieder und einen vierköpfigen ehrenamtlichen Vorstand.

Das Motto der Vereinsarbeit lautet: „Wir fördern Gesundheit“. Der Verein und seine drei festangestellten Mitarbeiter setzen dieses Motto durch Information, Beratung, Hilfe und Begleitung sowie das Angebot von Tests um.

Die Aids-Hilfe ist die Geschäftsstelle der Initiative „Brandenburg – gemeinsam gegen Aids“.

Die Beratung ist immer anonym und vertraulich und kann persönlich, telefonisch oder online in Anspruch genommen werden. Zu den regelmäßigen Angeboten gehören unter anderem das Rote-Schleifen-Frühstück und zwei Selbsthilfegruppen. Zweimal wöchentlich ist das Team außer Haus und informiert an Schulen oder bildet Mitarbeiter an Gesundheitsämtern fort.

Das Team berät auch zu PrEP, einer seit 1. September 2019 von den gesetzlichen Krankenkassen finanzierten Therapie zur Verhinderung einer HIV-Infektion.

Über seinen Nothilfefonds unterstützt der Verein Klienten in finanziellen Notlagen.

Kontakt: 0331/951 30 851 oder info@aidshilfe-potsdam.de

„Das Geheimnis für sich zu behalten, belastet unsere Klienten zusätzlich“, berichtet Stefan Zschage. Das Thema sei immer wieder das am meisten diskutierte in den Selbsthilfegruppen. Nur wenige der Klienten stellen sich der Öffentlichkeit und sammeln damit sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen. „Wir machen uns stark für unsere Klienten“, sagt der Sozialarbeiter. Gerade homosexuelle Männer hätten mehr und mehr mit Hasskriminalität zu kämpfen.

Langes Leben möglich dank Therapie

Und noch etwas ist Zschage sehr wichtig: „Wer heute rechtzeitig von seiner HIV-Infektion weiß, kann sich dank der Therapie ein langes Leben sichern.“ Es sei jedoch so, dass in Deutschland geschätzt 10.600 und in Brandenburg 290 Menschen nicht wüssten, dass sie infiziert sind. Er ruft deshalb dazu auf, sich testen zu lassen. Ein Test ist kostenlos und anonym.

Der Verein bereitet sich zurzeit auf eine weitere große Veranstaltung im Dezember vor. Es sind die Jugendfilmtage am 10. und 11. Dezember. Vier Filme zum Thema Liebe, Freundschaft, Sexualität und HIV für Kinder und Jugendliche von 8 bis 18 Jahren stehen im UCI in den Potsdamer Bahnhofspassagen auf dem Programm. Im Vorfeld bietet der Verein auch einen Workshop für Lehrer an. Die Filmtage wurden in Potsdam vor 15 Jahren aus der Taufe gehoben. 850 Anmeldungen gibt es bisher.

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Von Elvira Minack

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