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Potsdam „Wir hatten den Kampf geführt“
Lokales Potsdam „Wir hatten den Kampf geführt“
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08:13 13.09.2019
Ute Samtleben (r.) und Susanne Fienhold-Sheen unter dem Bild, das die Besetzung der Stasi-Zentrale in der Hegelallee dokumentiert. Quelle: Friedrich Bungert
Innenstadt

Ute Samtleben, Galeristin, Journalistin und Bürgerrechtlerin, war am Donnerstag Gast der Zeitzeugenreihe, die der Förderverein des Potsdam-Museums dem Wendeherbst 1989 gewidmet hat. „Am linken Rand auf dem Bild, das sind Sie bei der Besetzung der Stasi-Zentrale in der Hegelallee“, sagte Moderatorin Susanne Fienhold-Sheen zur Begrüßung.

Hinter sich an der Wand hatte sie eine Großprojektion der Fotografie von Frank Buschner, der die kleine Abordnung des Neuen Forums am 5. Dezember 1989 mit der Kamera begleitet hatte. Und zur Einordnung: „Da geht es heute zum Parkhaus auf dem Stadthaus-Gelände.“

Ute Samtleben. Quelle: Friedrich Bungert

Zehn Jahre lang war Ute Samtleben „hier am Haus Ausstellungsleiterin, heute würde man Kuratorin sagen“, wie sie selbst sagt. Das Alte Rathaus, heute Sitz des Potsdam-Museums, war vor dem Mauerfall das Kulturhaus „Hans Marchwitza“.

Samtleben schilderte ihre Zeit dort als „sehr arbeitsreich, sehr spannend“. Denn: „Es gab eigentlich nichts außer der Kunst; kein Glas, keine Hängesystem, keine Rahmen. Aber es gab ein Netzwerk, obwohl man das damals nicht so nannte. Wir konnten von allen möglichen Museen in der DDR dies und jenes ausleihen - und haben ebenso anderen geholfen.“

In diese Zeit fiel die Schenkung von 70 Werken des Künstlers Otto Niemeyer-Holstein an die Stadt Potsdam im Jahr 1982, die Ute Samtleben wohl gemeinsam mit Saskia Hüneke und Monika Schulz-Fieguth zu verdanken ist. Doch das war nicht das Thema des Abends.

Ute Samtleben als Galeristin in der Brandenburger Straße. Quelle: Christel Köster

Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitete Ute Samtleben als Journalistin für die „Märkische Union“, eine Tageszeitung der DDR-CDU. In den späten 1980er Jahren, das schildert sie auf Nachfrage der Moderatorin, „gab es ein ganz breites Gefühl der Depression: wer ist noch da, wer ist schon weg, wer wird das Licht ausmachen? Es gab die Ausreisewelle, Ausbürgerungen, viele Inhaftierungen. Man war in Sippenhaft, wenn einer aus der Familie abhaute.“

Den Spätsommer 1989 erlebte sie zunächst im Urlaub auf Hiddensee bei Cottbuser Butterkeks und Rondo-Kaffee über das Radio am Strand: „Botschaften überfüllt, Montagsdemos, Züge mit Füchtlingen aus Prag durch Leipzig in den Westen, da braute sich was zusammen. Es war eine hoch gespannte Atmosphäre. Wir hatten keine Ahnung, wir wussten nur, dass etwas passiert.“

Kurz darauf war sie selbst mittendrin. Rudolf Tschäpe und Reinhard Meinel vom Astrophysikalischen Institut in Potsdam („Wir kannten uns alle ein bisschen, aber nur im kulturellen Zusammenhang“) waren am 9. September unter den Erstunterzeichnern des Aufrufs „Die Zeit ist reif - Aufbruch 89“ zur Gründung eines Neuen Forums. Zur ersten Versammlung in der Wohnung von Meinel kurz danach in Potsdam ging sie zusammen mit Saskia Hüneke, die gleich nebenan wohnte: „Wir verabredeten uns und guckten: Die Bude war gerammelt voll.“

Ute Samtleben mit Ellen Chwolik-Lanfermann (r.) im Oktober 2007 als Sprecherin der Initative Freies Tor. Quelle: MAZ

Die Ereignisse überschlugen sich. „Man lernte tausende Leute kennen, man vertraute sich blindlings.“ Und sie hatten Angst: Wer vertritt uns, wenn etwas schiefgeht? Sie hätten Schlüssel getauscht, Telefonnummern, verabredet, wer wessen Kinder nimmt. „Wir sind alle über unseren Schatten gesprungen.“

Dann gab es „diese Wahnsinns-Versammlungen in den Kirchen, Deklarationen auf der Straße, die Demonstration vom 7. Oktober“, als erstmals fast 2000 Bürgerrechtler durch die heutige Brandenburger Straße zogen, bis die Kundgebung von der Polizei mit Gewalt aufgelöst wurde.

Ute Samtleben erzählt von der ersten Informationsveranstaltung des Neuen Forums in der Friedrichskirche am 4. Oktober, die noch zweimal wiederholt werden musste, weil auf dem dunklen Weberplatz noch tausende Potsdamer warteten. „Und die wenigsten wussten, dass im Karl-Liebknecht-Stadion die Truppen standen, die uns aufgemischt hätten, wenn der falsche Befehl gekommen wäre. Die Angst kam erst, als wir ein bisschen zur Besinnung kamen.“

Ute Samtleben war beim Potsdamer Neuen Forum als Journalistin die, „die Protokoll schreiben musste. Alle waren voll von Ideen und begeistert und wollten ihre Sachen bringen. Daraus einen Text mit einfach erweiterten und verständlichen Sätzen zu machen, das war ein Kunststück“.

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Die Abordnung des Neuen Forums am 5. Dezember 1989 auf dem Hof der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in der Hegelallee. Quelle: Frank Buschner

Sie erzählt wie es war, als das Leben spannender wurde als die Kunst. Als im Theater plötzlich jemand mit einem Plakat für das Neue Forum auf der Bühne stand und im Kabarett in einer fiebrigen Diskussion jemand im Publikum voller Ernst einen Text der Partei zitierte, den die anderen plötzlich zum Brüllen komisch fanden.

Ute Samtleben erinnerte an den Stopp des Flächenabrisses in der Zweiten Barocken Stadterweiterung, den die Aktivisten der Arbeitsgemeinschaft für Stadtgestaltung und Umweltschutz (Argus) noch vor dem Mauerfall erzwungen hatten, die meisten waren in Personalunion im Neuen Forum aktiv. Mitte Dezember sicherte Argus mit Hilfe aus West-Berlin die ersten Dächer einsturzgefährdeter Häuser.

Ute Samtleben 2004 in ihrer Galerie mit Fotografien von Joachim Liebe zur Wendezeit in Potsdam. Quelle: Christel Köster

Nach dem Mauerfall war „kein Halten mehr“, sagt Samtleben: „So weit haben wir nicht gedacht. Wir wollten die DDR reformieren. Und wir wollten reisen.“

Am 10. November, als die Glienicker Brücke geöffnet wurde, moderierte sie im Babelsberger Thalia-Kino die Premiere von „Coming out“, dem ersten DDR-Spielfilm über Homosexualität: „Der Film war wunderbar besucht, Regisseur Heiner Carow war auch da.“

Nach dem Film, vor dem Kino, in der Stadt „zog ein schwarzer Strom zur Glienicker Brücke. Alles rannte da hin“.

Nach der Wahlniederlage des Neuen Forums im März 1990 seien sie „furchtbar enttäuscht gewesen“, sagt Ute Samtleben: „Wir hatten den Kampf geführt, die Welt verändert, und dann sprangen alle auf die großen Parteien, denn die hatten das Geld.“

Sie ging zurück zur Kunst. Am 1. April 1990 eröffnete sie eine Galerie in der Brandenburger Straße. Das Gewerbeamt forderte für die Genehmigung ein polizeiliches Führungszeugnis, doch „da sagte ich: Nee. Eher könnte ich denen ein Zeugnis ausstellen“. Die Galerie Samtleben sollte sich mehr als 25 Jahre halten.

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