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Potsdam Polizei stürmt das Café Heider
Lokales Potsdam Polizei stürmt das Café Heider
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07:22 15.10.2019
Bereitschaftspolizisten mit Schildern und Schlagstöcken am 7. Oktober 1989 in der Friedrich-Ebert-Straße. Quelle: Frank Gaudlitz/Potsdam-Museum
Innenstadt

Jörg Hafemeister (58) arbeitete 1989 als Grafiker im Lindenpark. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, war er unter den fast 2000 Potsdamern, die sich in der Bezirksstadt einer kleinen Gruppe von Bürgerrechtlern zur ersten Demonstration für politische Veränderungen in der DDR angeschlossen hatten.

„Ich bin am 7. Oktober überhaupt nicht mutig gewesen“, bekannte er zum Zeitzeugen-Abend am Donnerstag im Potsdam-Museum freimütig. „Ich hatte Angst.“ Von der geplanten Demonstration habe er gerüchteweise gehört.

Hafemeister verabredete sich mit einem Freund im Café Babette am Brandenburger Tor, von dort hatte man einen „wunderbaren Blick“ auf die Spieluhr von Gottfried Höfer, den vereinbarten Treffpunkt. „Wir haben uns Zigeunersteak bestellt mit Pommes und Ketchup, dazu gehörte nicht viel Mut.“

Die Spieluhr am Brandenburger Tor. Quelle: Christel Köster

Draußen auf dem Platz sammelten sich „immer mehr Leute“, berichtet der Grafiker, „die Sache setzte sich langsam in Gang“. Schließlich hätten sie die Kellnerin gerufen, gezahlt und seien hinaus gegangen.

Der Weg die heutige Brandenburger Straße hinunter sei ein gemeinsames Vorantasten gewesen. Es gab keine Transparente. „Niemand hat gedrängelt oder geschoben.“

In den Seitenstraßen „sah man andere Leute, die auch Angst hatten, mit Gelenktäschchen und Dienstwagen“; Staatssicherheit.

Das habe allerdings „nichts Beruhigendes“ gehabt, sagt Hafemeister. „Wenn gefährliche Leute Angst haben, macht das die Sache nicht einfacher.“ Dann auf Höhe des Konsument.-Warenhauses eine erste Polizeikette quer über die Straße. Dahinter Lkws mit Schiebegittern.

Und die Aufforderung aus dem Megafon, die Kundgebung aufzulösen. Ganz vorn liefen jetzt Punks, „das waren die mutigsten, einige kannte ich aus dem Lindenpark, die haben sich einfach hingesetzt“.

Demonstranten und Polizei am 7. Oktober 1989 auf der heutigen Brandenburger Straße. Quelle: Frank Gaudlitz/Potsdam-Museum

Er selbst habe sich schließlich „seitlich wegbewegt“, sagt Hafemeister: „Ich bin nach Hause gegangen.“ Später an diesem Tag im Café Heider habe eine „aufgeregte Stimmung“ geherrscht. „Ich kriegte mit: Viele, die bei der Demo waren, sind später vom Café-Tisch weg verhaftet worden.“

Christoph Zielke (56) war zu der Zeit Bausoldat, eine DDR-Variante für junge Männer, die den Militärdienst mit der Waffe verweigerten. Am 7. Oktober war er auf Kurzurlaub in Potsdam.

Zielke saß im Heider, das immer leerer wurde. „Doch irgendwann füllte es sich wieder, plötzlich war es knackenvoll.“ Dann Uniformen, Lkws am Nauener Tor. „Das ganze Heider wurde geräumt – mitgefangen, mitgehangen.“

Auf dem Hof des Polizeipräsidiums in der Bauhof-, heute Henning-von-Tresckow-Straße wurden sie vom Lkw geholt. „Wir mussten uns in versetzter Doppelreihe vor die Mauer stellen. Ich habe gedacht, das war’s jetzt. Hinten sagte einer: Feuer und Ende.“

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Gardinenwechsel im Café Heider. Quelle: Roger Drescher

Susanne Fienhold Sheen, die das Gespräch am Donnerstag für den Förderverein des Potsdam-Museums moderierte, erinnerte auch an die Konflikte unter den Bürgerrechtlern.

Das Neue Forum, das sich mit seiner Gründung am 10. September als Sammelbewegung der DDR-Opposition verstand, war gegen die Demonstration, weil es, so der Historiker Rainer Eckert in dem Buch „Revolution in Potsdam“, „seine erhoffte Legalisierung nicht gefährden wollte“.

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Fünf Potsdamer in dem mit mehr als 100 Menschen gefüllten Saal des Potsdam-Museums meldeten sich, als Fienhold Sheen nach weiteren Teilnehmern dieser Demonstration fragte.

Evelin Spielhagen, damals Leiterin des Restaurants „Am Stadttor“, berichtete von in den Häusern platzierten Scharfschützen. Sie war dabei, als sie die „Internationale“ und die DDR-Nationalhymne singend durch die heutige Brandenburger Straße zogen. Auch sie sah die Leute mit den Handgelenktaschen in den Nebenstraßen.

7. Oktober 1989 an der Gutenberg-/Ecke Friedrich-Ebert-Straße. Im Hintergrund Polizei und Räumfahrzeug. Quelle: Frank Gaudlitz/Potsdam-Museum

Als Bereitschaftspolizei dicht an dicht untergehakt die Jägerstraße versperrte, sei sie in den Hausflur ihrer Mutter geflüchtet. Ihre Tochter, die kurz darauf folgte, „hatte gesehen, wie sie Leute auf Lkws geworfen haben“.

Ein Mann berichtete im Museum, einer hochschwangeren Frau sei mit dem Gummiknüppel auf den Bauch geschlagen worden. Auch andere hatten das gesehen.

Eine Frau erzählte, dass ihre neunjährige Tochter unbedingt dabei sein wollte. Doch dann hatte sie „sehr viel Angst“ um das Kind. „Als wir die Polizeifahrzeuge gesehen hatten, war es genug.“ Zu Hause jedoch habe die Tochter zum älteren Bruder gesagt: „Ey Ralf, das war arschgeil.“

Eine andere Frau erzählte, wie sie gemeinsam mit ihren Kindern am Treffpunkt gesungen hatte und später die Straße hinunterging. An der Sperre vor dem Kaufhaus aber „hatte ich eine wahnsinnige Angst mit meinen Kindern an der Hand“. Die sechsjährige Tochter habe entsetzt gesagt: „Die Polizei ist doch lieb.“

Jörg Hafemeister, Susanne Fienhold Sheen und Christoph Zielke (v.l.). Quelle: Volker Oelschläger

Wieland Eschenburg sah die Polizeikette aus der Ferne, er hatte Frau und Kinder abgeholt. Nachts sei die fünfjährige Tochter schweißgebadet erwacht: Sie hatte geträumt, die Polizei habe die Mutti geholt.

Sebastian Frenkel, damals 17, berichtete von W50-Lkws mit acht Käfigen auf der Ladefläche: „Wir haben einzeln in diesen Käfigen gesessen.“

Unter den Leuten, die sich vor der Polizei ins Heider flüchteten, waren Freunde von ihm, sagt Christoph Zielke: „Einer rief: Die Bullen haben gesagt, wir sollen gehen. Die Bürger sind gegangen, wir sind geblieben.“

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109 Menschen wurden am Ende dieser Demonstration verhaftet. Die Potsdamer Zeitungen schrieben am nächsten Tag, „etwa 200 Personen“ hätten sich „zusammengerottet, um die Volksfeste zu stören, Bürger zu verunsichern und Familien zu verängstigen“.

„Es ist überhaupt nicht raus gewesen, dass es letztendlich gut ausgeht“, sagt Jörg Hafemeister: „Mut ist auch ein Mangel an Phantasie.“

Info Nächste Veranstaltungen in der Zeitzeugenreihe des Potsdam-Museums am 14. November zur Demonstration vom 4. November und zur Öffnung der Glienicker Brücke am 10. November 1989, sowie am 5. Dezember zur Besetzung der Stasi-Zentrale in der Hegelallee.

Von Volker Oelschläger

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