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Potsdam Wie ein Film und die Wende das Leben von Regisseur Rainer Simon verändert haben
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10:59 08.11.2019
Rainer Simon in seiner Wohnung in Potsdam. An der Tür zu seinem Arbeitszimmer prangt ein Humboldt-Plakat. Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

„Die Besteigung des Chimborazo“ kam im Oktober 1989 in die DDR-Kinos, er ist einer der letzten Defa-Filme. Für Jan Josef Liefers, in der Hauptrolle als Alexander von Humboldt und 24 Jahre jung, war es das Kinodebüt. Für Rainer Simon – den einzigen DDR-Regisseur, der mit dem Film „Die Frau und der Fremde“ jemals auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann – war der Dreh an Originalschauplätzen in Ecuador „eine unglaubliche Erfahrung“, auf die er gerne zurückblickt.

„Die Besteigung des Chimborazo“ war die erste offizielle deutsch-deutsche Koproduktion und hatte am 7. September 1989 im Ost-Berliner Kino „International“ Premiere. Wie wurde der Film von Kritikern und Publikum in Ost und West aufgenommen?

Rainer Simon: Dass es nicht schon vorher Koproduktionen gab, lag am Westen. Die BRD wollte ihren Alleinvertretungsanspruch eben auch auf kulturellem Gebiet zeigen. Zusammenarbeit hat es aber inoffiziell schon vorher gegeben. Als das ZDF dann endlich zur ersten offiziellen Koproduktion bereit war, hat die Defa das Humboldt-Projekt vorgeschlagen – vielleicht weil Humboldt für beide Seiten politisch unverdächtig schien. Zur Premiere kamen dann die Botschafter vieler lateinamerikanischer Länder, die Nachfahren Wilhelm von Humboldts waren da… Aber ansonsten hat sich kaum jemand für den Film interessiert. Alle waren zu sehr mit der aktuellen politischen Situation beschäftigt. Im September 1989 gab es ja schon die großen Demos in der DDR. So ist der „Chimborazo“ in den Kinos völlig untergegangen.

Hat Sie das sehr enttäuscht?

Naja, so war es eben. Der Film war eine große Bereicherung für mich. Für die Erfahrungen und dafür, dass ich ihn überhaupt auf diese Weise machen konnte, war ich sehr dankbar. Mich hat die Zeit ja selbst sehr aufgewühlt. Außerdem war ich 1990 ja schon mit dem nächsten Projekt beschäftigt – „Der Fall Ö.“, den wir in Griechenland gedreht haben.

Sie galten in der DDR als Kritiker, Ihre Stasi-Akte umfasst mehr als 1000 Seiten. Dennoch durften Sie ab 1987 für den Film „Die Besteigung des Chimborazo“ ins „kapitalistische Ausland“ nach Ecuador reisen. Wie erklären Sie sich das?

Dass ich den Humboldt-Film überhaupt drehen konnte, hängt mit dem Verbot meines Films „Jadup und Boel“ 1981 zusammen, den wir 1980 gedreht hatten. Nach dem Verbot war mir klar, dass es keinen Sinn mehr für mich ergeben hätte, Filme über die DDR zu drehen. Das sagte ich der Defa auch, dass ich mich nur noch historischen Stoffen widmen wolle. Was viele Westdeutsche nicht verstehen: Die DDR-Kulturpolitik war längst nicht so einheitlich, wie man heute glaubt. Mit einer konsequenten Haltung und Filmen, die nicht ganz schlecht waren, konnte man sich eine gewisse Achtung erwerben. Dass ich nicht rausgeschmissen und mit Berufsverbot belegt wurde, habe ich den vernünftigen Kräften in der Defa zu verdanken, die gesehen haben, dass es so nicht weitergehen konnte. Viele Künstler, auch Filmschaffende, sind ja zu der Zeit in den Westen gegangen. Dass ich einen Humboldt-Film entwickeln konnte, sah ich auch als Versuch, mich zu halten. Schon vorher, 1982, durfte ich in Spanien Szenen für „Das Luftschiff“ nach dem Roman von Fritz Rudolf Fries drehen. Ein experimenteller Film, ungewöhnlich für die Defa.

Sie sind während der Dreharbeiten in Ecuador mit einem völlig anderen Kulturkreis, mit indigener Bevölkerung und deren Lebens- und Glaubensweise in Kontakt gekommen. Wie haben Sie das aufgenommen?

Zum ersten Mal sind Paul Kanut Schäfer, der das Drehbuch für den Humboldt-Film schrieb, und ich im Jahr 1987 nach Ecuador gereist. Es war eine unglaubliche Erfahrung für uns. Ich habe noch nie zuvor so eine Armut gesehen, aber auch nie zuvor solch eine Herzlichkeit erlebt. Und wir haben verstanden, dass wir bis dahin von der indianischen Welt nicht viel wussten. Die Kollegen aus Ecuador halfen uns sehr, haben uns viele Filme gezeigt. Diese Welt hat uns so fasziniert, dass wir beschlossen, das Drehbuch umzuschreiben. Ursprünglich sollte es nur um den jungen Humboldt gehen, Amerika und der Chimborazo erst am Schluss auftauchen. Jetzt stehen die beiden Orte und Zeiten gleichberechtigt nebeneinander.

Zwischen den auf dem Wohnzimmerboden ausgebreiteten Artefakten, die Rainer Simon von seinen vielen Reisen mitbrachte, steht auch der Goldene Bär, den er 1985 für „Die Frau und der Fremde“ auf der Berlinale gewann. Quelle: Friedrich Bungert

„Die Besteigung des Chimborazo“ beschreibt das Leben von Alexander von Humboldt, dem wahren, weil wissenschaftlichen Entdecker Amerikas. Warum Humboldt?

Die Idee kam von Paul Kanut Schäfer, mit dem ich seit unserer Zusammenarbeit für „Jadup und Boel“ befreundet war. „Wollen wir uns mal den Humboldt vornehmen?“, fragte er mich. Er kannte schon einiges von ihm, für mich war alles neu. Mich hat sofort begeistert, wie der junge Alexander mit allen Mitteln seine Träume zu verwirklichen suchte und mit welcher Offenheit er in die Welt geblickt hat.

Zu Beginn der Dreharbeiten schien die DDR-Welt noch unverrückbar zu sein. Als Sie im August 1988 zurückkehrten, haben Sie da bereits Veränderungen im Gefüge, eine andere Stimmung im Land wahrgenommen?

Nein. An so einen gravierenden Wandel, wie er sich ein Jahr später vollzog, hat damals niemand gedacht und geglaubt. Auffällig war aber die absolute „Leck mich am A…“-Stimmung der Leute, die DDR-Bürger hatten einfach die Nase voll.

Und was war mit Ihnen, hatten Sie jemals daran gedacht, der DDR den Rücken zu kehren?

Solche Überlegungen gab es nach dem Verbot von „Jadup und Boel“, als nicht klar war, ob ich weiterarbeiten darf. Aber aus privaten, familiären Gründen – ich hatte ja meine Tochter hier, und auch meine Mutter lebte damals noch – habe ich das nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

Nur wenige Wochen nach der Premiere Ihres Humboldt-Films fiel die Mauer. Wie haben Sie die Grenzöffnung erlebt?

Am 9. November 1989 hatte ich einen befreundeten Astrophysiker zu Gast. Von der Öffnung der Mauer haben wir zusammen aus dem Fernsehen erfahren. Uns war schon damals völlig klar, dass die DDR nicht weiter bestehen wird und es auf eine Wiedervereinigung hinausläuft. Darum habe ich auch den unter anderem von Christa Wolf initiierten Appell „Für unser Land“, der sich gegen eine Wiedervereinigung aussprach, nicht unterzeichnet.

Wie ging es für Sie beruflich im wiedervereinigten Deutschland weiter?

Das war schwierig. Ich hätte gerne weitere Filme gemacht. Doch Stoffe, die mich interessierten, hatten noch weniger Chancen als früher. Und wir Ost-Filmemacher waren ja nicht im System drin. Alles drehte sich um Geld und blieb letztlich an der Hürde Fernsehen hängen. Ich habe mich nicht auf das Fernsehgeschäft eingelassen und einlassen müssen, sondern jenseits des Mainstreams meinen eigenen Weg verfolgt. Zusammen mit dem Kameramann Frank Sputh entstanden weitere Filme im indigenen Umfeld in Ecuador, ich habe Bücher geschrieben, fotografiert, Ausstellungen mit indigener Malerei organisiert.

Als „durch und durch ungläubiger Mensch“ (aus „Die Besteigung des Chimborazo“) sind Sie 1987 nach Ecuador gereist. Welch ein Mensch sind Sie heute?

Ich bin nach wie vor ein durch und durch unreligiöser Mensch. Besonders mit den herrschenden Religionen habe ich nichts im Sinn. Gleichwohl haben die Amerika-Erfahrungen mein Leben verändert. Bei Abschluss der Dreharbeiten 1988 versprach ich: ‚Ich komme wieder, wenn ich Rentner bin‘. Es ging dann viel schneller, als ich zu träumen wagte. Bei meinen späteren Reisen habe ich enge Kontakte zu Indigenas geknüpft, habe mehrere Patenkinder, war im Dschungel und befreundete mich mit Schamanen, habe selbst schamanische Reisen unternommen. All das hat mich darin bestärkt, dass ein System, in dem es nur um Geld geht, nicht gut sein kann, und dass es etwas gibt, das viel wichtiger ist: nämlich der innere Reichtum. Der Schamanismus hilft, diesen Reichtum zu entdecken. Er hilft zu erkennen, dass wir Menschen Teil eines großen Gewebes, Wesen unter vielen anderen Wesen sind und uns entsprechend verhalten sollten.

Ihr Selbstverständnis als Regisseur war es immer, menschliche Konflikte, die Sie beunruhigen und für die es scheinbar keine Lösung gibt, zu zeigen. Was brennt Ihnen heute besonders auf den Nägeln, worüber würden Sie einen Film drehen?

Heute müsste man all das, was mit der Flüchtlingskrise zusammenhängt, thematisieren. Es ist ja unvorstellbar, was diese Menschen hinter sich haben, bevor sie hier ankommen. Das ist nicht mehr begreifbar. Auch müsste man sich endlich mit der christlichen Religion auseinandersetzen. Denn vieles, womit wir heute zu kämpfen haben, haben wir dem Christentum zu verdanken. Allein die fatale Ansicht, der Mensch sei die Krone der Schöpfung… Evangelisten, die vor allem aus den USA kommen, versuchen bis heute, die schamanische Kultur zu zerstören. Sie agieren mit Belohnung, Bestechung und Strafe und bereiten den Weg vor für Erdölkompanien, Holzfäller, Biopiraten und Siedler.

Herr Simon, Sie sind jetzt 78 Jahre alt. Sind Sie ein zufriedener Mensch?

Wenn einer sagt, er sei mit der Welt zufrieden, ist er entweder ein Ignorant oder ein Idiot. Eine Welt, in der ein Donald Trump möglich ist und eine Flüchtlingskrise in einem solchen Ausmaß, ist einfach nur absurd. Froh bin ich, dass ich so viel Neues kennenlernen konnte – die völlig andere Welt, die sich mir mit dem Humboldt-Film eröffnet hat und die ich mir durch viele weitere Reisen nach Amerika und in andere Teile der Welt erschlossen habe. Das Fremde habe ich immer als Bereicherung empfunden.

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Rainer Simon

Rainer Simon ist einer der bekanntesten Defa-Regisseure. 1941 in Hainichen (Sachsen) geboren, hat er 1961 bis 1965 an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg Regie studiert und wurde anschließend von der Defa übernommen.

Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Till Eulenspiegel“ (1975) nach einer Filmerzählung von Christa und Gerhard Wolf und der zunächst verbotene Film „Jadup und Boel“ (1980). Für „Die Frau und der Fremde“ (1985) wurde Simon 1986 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Nach der Wende drehte ernoch zwei Spielfilme: „Der Fall Ö.“ (1990) und „Fernes Land Pa-isch“ (1993). Es folgten Dokumentarfilme mit und über Indigenas. In dem Roman „Regenbogenboa“ (2005) verarbeitet Simon seine schamanischen Erfahrungen.

In seiner Autobiografie „Fernes Land – die DDR, die Defa und der Ruf des Chimborazo“ (2005) geht er ausführlich auf die Entstehungsgeschichte des Humboldt-Films ein und auf alles, was sich daraus in seinem Leben entwickelt hat. Die Begegnung mit der indianischen Kultur lehrte ihn unter anderem dies: „Vor allem galt es, die Natur zu respektieren: Pachamama – die Mutter Erde. Ohne sie ist der Mensch nichts. Wer inmitten solcher Berge oder im Urwald lebt, weiß dies. Nur der Mensch der Städte kann sich mit Allmachtsphantasien betrügen.“

Rainer Simon hat zwei erwachsene Töchter, zwei Enkeltöchter, einen Urenkel und lebt in Potsdam.

Von Maria Kröhnke

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