Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Wie ein Syrer es durch die Lehre schafft
Lokales Potsdam Wie ein Syrer es durch die Lehre schafft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:16 22.02.2019
Seit vier Jahren begleitet Ernst Cantner den Syrer George Mansour beim Neuanfang.
Seit vier Jahren begleitet Ernst Cantner den Syrer George Mansour beim Neuanfang. Quelle: Varvara smirnova
Anzeige
Innenstadt

Es ist Frühjahr 2015, als sich in der Flüchtlingsunterkunft im Potsdamer Staudenhof zwei Männer zum ersten Mal die Hand reichen. George Mansour ist Ende 20 und Asylbewerber, Ernst Cantner, Anfang 70 und pensionierter Agraringenieur. Der Syrer und der Deutsche haben sich nie zuvor gesehen, wissen nichts voneinander, doch sie teilen einen Traum. Beide glauben fest daran, dass ein Neuanfang nach der Flucht gelingen kann.

Potsdam, vier Jahre später, George Mansour steht am Ende eines langen Tisches im Gastsaal der Theaterklause. Fast 20 Leute sitzen um ihn herum, alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Er lächelt, streift sich nervös durchs Haar, bevor er sagt: „Mit der Hilfe von Dr. Ernest habe ich es fast geschafft!“ Viereinhalb Jahre nach der Flucht hat er die praktische Prüfung zum Kfz-Mechaniker im ersten Anlauf bestanden. Für seinen Mentor Ernst Cantner Anlass genug, ein kleines Fest zu veranstalten.

Gemeinsames Frühstück für die Motivation

Eingeladen hat der 74 Jahre alte Potsdamer zu dem gemeinsamen Frühstück Freunde und Bekannte, die wie er seit Jahren Geflüchteten beim Neuanfang helfen. Einige von ihnen sind an diesem Morgen als Team gekommen und berichten, wie es ihnen in den letzten Jahren zusammen ergangen ist. Erfolgsgeschichten, wie sie George Mansour erzählen kann, sind in dieser Runde nur wenige darunter. Viele suchen noch nach Arbeit, kämpfen sich durch Sprachkurse, Bürokratie und Einsamkeit. „Der Weg ist steinig“, sagt Cantner. Und auch deshalb hat er an diesem Tag alle eingeladen. „Wir müssen uns auch als Betreuer gegenseitig Mut machen.“

Ehrenamtlich kümmern sich eine Gruppe Potsdamer um Flüchtlinge. Bei einem gemeinsamen Frühstück haben sie Erfahrungen ausgetauscht und sich gegenseitig Mut gemacht. Quelle: smirnova_v

Cantner selbst hat in den letzten vier Jahren nicht nur George Mansour auf seinem Weg nach der Flucht begleitet, doch der Syrer war der erste – und bisher der erfolgreichste. Seine Geschichte, so die Hoffnung des Potsdamers, soll an diesem Morgen allen Mut machen, Motivation sein, nicht aufzugeben.

George Mansour, der in der syrischen Stadt Tartus als Motorrad-Mechaniker gearbeitet hat, kam am 27. Dezember 2014 nach Potsdam. „Ich wollte sofort wieder in meinem Beruf arbeiten“, sagt er, „doch in Deutschland musst du Zeugnisse und Papiere haben. Und die hatte ich nicht.“ Also brauchte er einen Plan B – oder einen Helfer wie Cantner. Der stellte ihn dem Chef einer Potsdamer Auto-Werkstatt vor, Mansour machte zwei Wochen Praktikum und hatte danach einen Ausbildungsplatz. „Da war ich gerade ein halbes Jahr lang in Deutschland und konnte nur Englisch sprechen“, sagt er. „Doch mein Chef meinte, du schaffst das.“

Deutsch lernen nach Feierabend

Mansour ließ sich darauf ein, besuchte neben der Arbeit einen Sprachkurs und lernte zu Hause auf dem Handy weiter. „Irgendwann habe ich dann zu meinem Kollegen gesagt, ab heute reden wir kein Englisch mehr, sondern nur noch Deutsch.“ Mansour grinst. „Das war echt hart, aber nur so habe ich es gelernt.“ Als er dann die Zwischenprüfung geschafft hatte, da habe er gewusst: „Ich schaff das!“

Heute hat er es tatsächlich fast geschafft, muss als letzte Hürde die theoretische Prüfung bestehen. Finanziell steht er längst auf eigenen Beinen, arbeitet am Wochenende zusätzlich als Wachmann, „weil ich kein Geld vom Amt haben will“. Auch den Führerschein hat er gemacht und selbst bezahlt. George Mansour, ein Musterknabe, könnte man meinen. Dabei wollte auch er schon alles hinschmeißen, die Ausbildung abbrechen und sich irgendwo einen Hilfsjob suchen. „Es gab diese Momente, da wollte ich einfach nicht mehr“, sagt er, „da war mir das alles einfach zu viel.“

Ausgeredet habe ihm das Cantner, „Dr. Ernest“, wie er den 74-Jährigen nennt. Ihm habe er es außerdem zu verdanken, dass er nicht an der Bürokratie gescheitert ist, dass er Fristen eingehalten und alle Schreiben verstanden hat. Der Neuanfang nach der Flucht, er kann gelingen. „Doch dafür braucht man auch Glück“, sagt George Mansour, „und Leute wie Dr. Ernest.“

Von Anna Sprockhoff

Potsdam Ortsteile in Potsdam - Golm scheitert an Potsdam
25.02.2019
25.02.2019