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Potsdam Wie soll man DDR erinnern?
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09:48 05.01.2018
Thomas Wernicke. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Der Museologe und Historiker Thomas Wernicke zählt zu den exzellenten Kennern der Potsdamer Stadtgeschichte. In der Wendezeit wurde er selbst zum politischen Wegbereiter. Am Freitag feiert er seinen 60. Geburtstag.

Wie kamen Sie zum Museum?

Ich habe mich als 15-Jähriger beim Jugendclub des damaligen Bezirksmuseums beworben. Ich war so fasziniert von dieser Welt, dass ich auch später dort arbeiten wollte. Nach Uhrmacherlehre und Wehrdienst bin ich am 1. Mai 1979 angestellt worden als Arbeiter und im Winter als Heizer im Magazin in der Puschkinallee 7. Letztendlich habe ich 20 Jahre im Potsdam-Museum gearbeitet und 1999 die Nachfolge von Hartmut Knitter als Bereichsleiter Geschichte angetreten.

Und wie kamen Sie 1989 zur Bürgerbewegung?

In unserer Nachbarschaft in der Berliner Vorstadt besetzten Jugendliche ein Haus. Wir haben ihnen beim Einzug geholfen. Meine Frau hat ihnen Kuchen gebacken. So sind wir ins Gespräch gekommen. Einige von denen waren Mitorganisatoren der ersten Potsdamer Protestdemonstration vom 7. Oktober 1989. So kam ich auch zu dieser Demo. Und so entwickelte sich das: Wernickes besaßen ein Diensttelefon, weil meine Frau als OP-Schwester im Krankenhaus arbeitete. Und am Abend des 7. Oktober hatten wir alle erwartet, dass sie nun kommen und Verhaftungen vornehmen werden – Polizei, Staatssicherheit oder wer auch immer. Wir hatten vereinbart, dass über unser Telefon die Angehörigen benachrichtigt werden. Aber an diesem Abend kam keiner.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kontakt zum Neuen Forum?

Aus der Nachbarschaft heraus wurde ich angesprochen, ob ich beim Neuen Forum mitmachen möchte. In der zweiten Oktoberhälfte gründete man Arbeitsgruppen und wollte auch eine zur Geschichte haben, die sich im Grunde um die Lügen kümmern sollte und um das, was nicht gesagt wurde in der offiziellen SED-Geschichtsschreibung. Ende Oktober habe ich in einer Privatwohnung den Sprecherrat des damals noch verbotenen Neuen Forums kennen gelernt. Klar war man erst mal sehr reserviert mir gegenüber, wir kannten uns ja nicht. Später wussten wir: die Spitzel waren längst da. Eines der ersten Themen unserer Arbeitsgruppe waren die Umstände, die 1968 zur Sprengung der Garnisonkirche führten

Nach der ersten freien Kommunalwahl vom 6. Mai 1990 wurden Sie Stadtverordneter und Vorsitzender der Fraktion Neues Forum/Argus. Warum haben Sie das Mandat im Oktober 1991 niedergelegt?

Es war ein permanenter Ausnahmezustand. Ich habe noch den Kalender von 1990. Und wenn ich da hinein sehe – es war ja der Wahnsinn! Denn gearbeitet habe ich auch noch. Mein zweites Fernstudium lief weiter. Familie hatte ich mit zwei Kindern. Einmal blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Sohn zum Hauptausschuss mitzunehmen. Der spielte dann unterm Tisch mit seinen Autos. Ich war physisch total kaputt. Eigentlicher Anlass aber waren Differenzen in der Fraktion. In einer dieser endlosen Nachtsitzungen der Stadtverordneten ist aus meiner eigenen Fraktion der Antrag gestellt worden auf Abwahl von Ute Platzeck, die mit unserem Mandat 2. Bürgermeisterin war. Davon bin ich total überrascht worden. Damit war das Vertrauen weg.

Gemeinsam mit Reinhard Meinel haben Sie 1990 mit dem „Tschekistischen Gruß“ eine Potsdam-Chronik für das Wendejahr 1989 allein aus Akten der Staatssicherheit recherchiert und herausgegeben. Wie kam es zu diesem DDR-weit einmaligen Projekt?

Im Frühjahr 1990 erschien im Auftrag des Runden Tisches in Berlin das Buch „Ich liebe euch doch alle“ mit Berichten und Befehlen vom Chef der Staatssicherheit Erich Mielke vom Januar bis November 1989. Wenn ich mich richtig erinnere, waren es Rudolf Tschäpe und Reinhard Meinel, die sagten: Wir sollten so etwas für Potsdam auch machen. Rudolf saß am Runden Tisch des Bezirks, der das dann beschlossen hat. Es war sehr zähe und kompliziert, aber schließlich ist uns über mehrere Tage Akteneinsicht gewährt worden.

Die Dokumentation ist sehr klar strukturiert. Haben Sie gezielt angefragt?

Ja. Wir wollten das Jahr 1989, die Ereignisse und die Potsdamer Bürgerbewegung aus Sicht der Staatssicherheit widerspiegeln lassen. Man war ja damals auch davon überzeugt, dass die wichtigsten Informationen dort zu finden sein würden. Wenn einer was weiß, dann die doch, so glaubte man. Der Titel des Buches zitiert den SED-Bezirkschef Günther Jahn, der Briefe an den Bezirkschef der Staatssicherheit oft „mit tschekistischem Gruß“ beendete. In Anlehnung an den sowjetischen Geheimdienst Tscheka. Der Titel war längst nicht so ironisch gemeint, wie man das heute vielleicht denkt. Erschienen ist das Buch im Babelturm-Verlag von Gunnar Porikys. Wir haben es geschafft, es am letzten Tag der DDR, dem 2. Oktober 1990, vorzustellen.

Das Erzählmuster des Tschekistischen Grußes wird immer wieder von anderen Historikern aufgegriffen. Jüngste Beispiele sind die 2017 erschienenen Bücher
„Im Riss zweier Epochen“
und
„Revolution in Potsdam“.
Denken Sie, dass es auch andere Perspektiven für eine Annäherung an diesen Teil der Stadtgeschichte gibt?

Das ist eine gute Frage. Das Interessante ist tatsächlich, dass wir mit dem Buch einen Erzählkanon in die Welt gesetzt haben, über den die Ereignisse von 1989 in Potsdam und deren Vorgeschichte bis heute erzählt werden. Aber es treibt mich auch um: Wie könnte man noch einmal einen anderen Ansatz finden, der noch nicht so kanonisiert ist, um die letzten Jahre der DDR noch einmal anders zu lesen.

Immer wieder heißt es, Ostdeutsche fänden sich mit ihren Alltagserfahrungen in der offiziellen Erinnerungsgeschichte kaum wieder. Was ist da dran?

Sie finden sich nicht wieder. Entweder erzählt man die Schrullen, die man auch nicht mehr hören kann, Stichwort Ostalgie. Oder es gibt es die Muster Gut-Böse, Widerstand-Verfolgung, Opfer-Täter. Die Gesellschaft ist ja eigentlich grau. Das Leben ist grau mit seiner Fülle an Zwischentönen und eben nicht Schwarz-Weiß. Und jetzt kommt auch noch das Problem der Rückschau dazu. Neulich las ich wieder so einen typischen Satz: Noch 1987 wurde kurz vor dem Ende der DDR das und das gemacht. Das ist natürlich Blödsinn, weil derjenige, der das tat, 1987 nichts vom nahen Ende der DDR wissen konnte. Es wird alles aus dem Ende und aus dem Untergang heraus erzählt. Man versteht die Geschichte nicht, wenn man nicht versucht, sie aus der Zeit heraus zu erzählen: Wie haben die Menschen damals gedacht, warum haben sie so gehandelt? Ich wusste nicht, dass ich einfach nur bis zum 9. November 1989 warten muss.

Mit welcher Episode würden Sie einsteigen, wenn sie den DDR-Alltag erzählen wollten?

Ach du Heiliger! Vielleicht damit, dass es in der DDR innerhalb der Generationen kaum Unterschiede gab. Die, die die DDR als Kind, als Erwachsene erlebt haben, haben in der Mehrheit sehr ähnliche Erlebnisse. In diesem Land zwischen Kap Arkona und Fichtelberg war alles sehr gleich. Deswegen verstehen sich Ostdeutsche offenbar immer noch sehr schnell, weil sie so ähnliche Biografien haben. Meine Tochter hat nur Kindheitserinnerungen an die DDR. Da geht es dann nicht um Unterdrückung, sondern um das schöne Betriebsferienlager an der Ostsee.

Seit 2004 sind Sie Ausstellungsleiter im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, das in einer neuen Dauerausstellung auch die jüngste Geschichte des Landes erzählen will. Wie gehen sie das Thema an?

Wenn du im Museum arbeitest, überlegst du zunächst, was du ausstellen kannst: was habe ich in der Sammlung, was kann ich damit erzählen, was müsste ich mir ausleihen oder kaufen, weil ich das unbedingt erzählen möchte? Wir wollen das neue Land Brandenburg erzählen und sind dabei etwas freier, denn wir haben keine eigene Sammlung. Wir können deshalb entscheiden: Wollen wir eher Themen illustrieren oder uns an Gegenständen entlang hangeln? Aber auch da steht wieder, was mich umtreibt: Was erzählt man über die Zeit nach 1990, ohne in die Klischees zu verfallen? Es gibt ja eine Menge Fettnäpfe und kanonisierte Begriffe: die Treuhand, den Abzug der Russen, die Konversion. Wie viel politische Geschichte will ich erzählen, wie viel Alltagsgeschichte?

Der Blick auf die jüngste Alltagsgeschichte wird auf literarische Weise bereits von Autoren wie Juli Zeh mit ihrem Roman „Unterleuten“ geprägt. Ist das eine Anregung für Sie als Ausstellungsmacher?

Meine ganz persönliche Idee ist es, die Nachwendezeit genau über solche Alltagsgeschichten zu erzählen. Und wenn man dazu das passende Exponat hat – umso besser.

Vom Potsdam-Museum zum HBPG

Thomas Wernicke, aufgewachsen in Babelsberg, studierte Museologie und Europäische Ethnographie in Leipzig und Berlin. Von 1979 bis 1999 arbeitete er im Potsdam-Museum. 2000 wurde er als Sonderbeauftragter der Stadt für die Gründung des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte abgeordnet.

Gemeinsam mit Reinhard Meinel publizierte Wernicke 1990 das in der Edition Babelturm erschienene Buch „Mit Tschekistischem Gruß ... Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit/Potsdam 1989“. Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls erschien 1999 im BeBra-Verlag eine von Thomas Wernicke, Sigrid Grabner und Hendrik Röder herausgegebene Textsammlung „Widerstand in Potsdam 1945 bis 1989“.

Jüngste Historikerbeiträge zum Wendejahr 1989 in Potsdam erschienen 2017 mit den Bänden „Im Riss zweier Epochen“ von Peter Ulrich Weiß und Jutta Braun sowie „Revolution in Potsdam“ von Rainer Eckert.

Von Volker Oelschläger

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