Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Blutiger Bussard-Angriff im Nedlitzer Holz
Lokales Potsdam Blutiger Bussard-Angriff im Nedlitzer Holz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:30 24.06.2019
Bussard-Opfer Marcus Müller ist Ultra-Marathon-Läufer und trainierte in Potsdam. Quelle: privat
Bornstedter Feld

Erneut hat ein Bussard im Nedlitzer Holz angegriffen. Nachdem er am 7.Juni einen Potsdamer Jogger mehrfach von hinten angeflogen und ihm im dritten Sturzflug die Kopfhörer weggerissen hatte, nahm er sich nun einen Läufer aus Berlin vor und schlug ihm die scharfen Krallen in den Kopf: Der 46-jährige Marcus Müller aus Berlin-Wannsee war auf einem 30-Kilometer-Trainingslauf für einen Ultra-Marathon unterwegs auf dem selben Weg, auf dem zuvor der Bornstedter Philipp Kumerow (30) zum zweiten Male binnen zwei Wochen attackiert worden war, nur wusste Müller von dem Vorfall nichts.

Erst Flügelschlag, dann Krallenschlag

Er bemerkte zwar mehrfache Anflüge des Bussards, gab aber nichts darauf. Doch plötzlich spürte er erst den Flügelschlag und sofort danach die scharfen Krallen auf seinem unbedeckten Kopf: „Wegen der Hitze hatte ich auf eine Mütze verzichtet“, erzählte er der MAZ. In vollem Lauf stürzte er, konnte sich aber mit beiden Händen abfangen. Er wischte sich das Blut ab und hielt einen Autofahrer an, damit der sich die Wunde anschaut. Dann fuhr er ins Helios Klinikum „Emil von Behring“ in Zehlendorf, wo man die Verletzung desinfizierte. Jetzt macht er sich Sorgen, dass der Bussard infiziert gewesen sein könnte, weil er vielleicht zuvor ein krankes Tier erlegte, um seine Brut zu füttern, die er schützen will mit allen Mitteln. „Ich war völlig perplex, mit welcher Wucht der Vogel zugeschlagen hat“, berichtete Müller: „Mir tut immer noch die Stelle am Hinterkopf weh. Ich hab’ da ein Kopfdrücken“

Jogger Philipp Kumerow Anfang des Monats im Nedlitzer Holz: Auf demselben weg wurde nun der Berliner Marcus Müller von einem Bussard angegriffen. Quelle: Rainer Schüler

Müller googelte nach ähnlichen Vorfällen und stieß zu seiner Überraschung auf dem jüngsten MAZ-Artikel über das Opfer vor ihm. Er mailte die Naturschutzbehörde und das Presseamt der Stadt an und verlangte, die Behörden müssten ihrer Fürsorgepflicht den Bürgern gegenüber nachkommen, mit Warnschildern auf die Gefahr hinweisen oder sogar den Weg für Nutzer sperren.

Stadt sieht keinen Grund zum Handeln

Das tut die Stadt aber nicht. Die Naturschutzbehörde halte es für „schwierig und nicht sinnvoll, dort, wo der Mensch den Naturraum betritt und auf Gefahren durch darin lebende Pflanzen und Tiere trifft, Sperrungen zu errichten“, erklärte Stadtsprecherin Christine Homann auf MAZ-Anfrage. Man könne räumliche Gebiete und Gefahrenarten nur sehr schwer festlegen.

Irgendwo in diesen Bäumen des Nedlitzer Holzes hat der wütende Mäusebussard seinen Nachwuchs versteckt; er verteidigt ihn. Quelle: Rainer Schüler

Das Verhalten des Mäusebussards sei „höchst selten“. Es könne in der Natur vorkommen, insbesondere in der kurzen Zeit, in der der Vogel ältere Jungtiere versorgt, in Momenten, in denen er sich oder seine Jungen für bedroht hält. Bekannt sei das auch von Schwänen. Die wenigen aus Deutschland bekannten Fälle von Bussard-Angriffen hätten nicht zu schweren Verletzungen geführt - wie sie beispielsweise von Wildschweinen verursacht werden können.

Empfehlung der Behörde: Mütze auf, Schirm hoch!

Man kann dem Bussard, der sich insbesondere von Menschen im Laufschritt – nicht durch Spaziergänger – provoziert fühlt, durch das Tragen einer Mütze, eines Hutes, eines Regen- oder Sonnenschirms begegnen, da der Vogel die höchste Stelle des Menschen als Bedrohung wahrnimmt, riet Homann den Nutzern des Waldes: „Auch eine langsamere Fortbewegung ist eine einfache Vorbeugungsmaßnahme.“ Die Stadt werbe um Nachsicht für wild lebende Tiere.

Dass Bussarde auch Menschen angreifen, wird immer wieder mal berichtet, nicht aber, wie lebensgefährlich das werden kann. Der Veterinärpathologe Felix Ehrenspacher von der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich berichtete im Juli 2017 von einem Fall vom 7. März desselben Jahres, als eine 41 Jahre alte Joggerin in einem Wald des Kantons Aargau (Hasenbergwald, Mutschellen) am helllichten Tage durch einen Mäusebussard (Buteo buteo) von hinten angegriffen und am Kopf leicht verletzt wurde. Es entstand eine Beule am Hinterkopf, auf welcher sich einige Tage später eine Kruste bildete.

Aus Kratzer entstand gefährliche Infektion

Sechs Tage danach stellte sich plötzliches Unwohlsein mit hohem Fieber ein, mit starken Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Schmerz links am Hals, in der Gegend der Lymphknoten. Es folgten anhaltende starke Schmerzen beim Bewegen des Kopfes.

Der Hausarzt vermutete eine virale Meningitis (Hirnhautentzündung), verschrieb Schmerzmittel und fiebersenkende Mittel. Nach weiteren drei Tagen wurde die Patientin in ein Spital eingeliefert. Dort vermutete man eine Virusinfektion der oberen Atemwege und Lymphadenopathie, verordnete Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Nach fünf Tagen entließ man die Frau auf deren Wunsch, ohne dass sie geheilt war. Es folgten mehrere Nachkontrollen beim Hausarzt; die Patientin wurde weiter mit Schmerzmitteln und Entzündungshemmern behandelt.

Bussarde töten kranke Tiere und infizieren sich

Am 5. April, also mehr als vier Wochen nach dem Ereignis, musste sie jedoch in die Infektologie des Kantonsspital Baden gebracht werden. Sie hatte bis zu 40 Grad Fieber. Man vermutete eine Tularämie (Hasenpest) und setzte Antibiotika ein, die das Fieber senkten und den Zustand der Frau besserten.

Der Fall war nach Kenntnis des Pathologen-Teams von Felix Ehrensperger bis dato einmalig und war in der Literatur noch nie aufgetaucht. Dass der Hasenpest-Erreger im Blut nicht nachgewiesen werden konnte, liegt an seiner schweren Anzucht. Der Erreger ist sehr widerstandsfähig, vor allem gegen Kälte. Die Infektionsdosis ist sehr gering, das heißt, es braucht nur wenige Bakterien für eine Infektion. „F. tularensis“ wurde sehr wahrscheinlich im 2. Weltkrieg sogar als biologische Waffe eingesetzt.

Hasenpest kann übertragen werden

Die Tularämie (Hasenpest) ist eine meldepflichtige Zoonose und wird durch das Bakterium „F. tularensis“ verursacht. Es ist die Subspezies „holarctica“, die praktisch auf der ganzen nördlichen Hemisphäre vorkommt. Wie der Name „Hasenpest“ verrät, sind Feldhasen, aber auch Kaninchen und Nagetiere hochempfänglich und erkranken nach kurzer Inkubationszeit an Fieber und Apathie. Leber, Milz und Lymphknoten verändern sich.

Auch Katzen, Hunde, Schafe, Rinder, Pferde, Vögel sowie der Mensch können an Tularämie erkranken, sind aber weniger empfänglich als Nager und Hasenartige. Aus den USA wurde gehäuftes Auftreten von Tularämie bei Schafen, offenbar übertragen durch Zecken, berichtet.

Keine Ansteckung von Mensch zu Mensch

Die Übertragung der Tularämie auf den Menschen erfolgt oft durch Stich oder Biss von infizierter blutsaugender Arthropoden. Auch Bissverletzungen und direkter Kontakt mit lebenden oder toten infizierten Tieren, zum Beispiel Verletzungen beim Abhäuten durch Jäger oder Metzger, können zu Infektionen führen. Infektionen mit Folgen für die Atmung sind zum Beispiel bei Bauern nach Mäh- oder Erntearbeiten mit hoher Staubenwicklung beschrieben worden. Auch über kontaminierte Nahrungsmittel oder Wasser kann die Erkrankung übertragen werden. Eine Mensch-zu-Mensch Übertragung ist nicht bekannt.

Mäusebussard im Angriff Quelle: dpa

Ein Fallbericht aus dem Jahre 2005 beschreibt einen Mann, der auf einem Spaziergang einen Siebenschläfer von der Strasse wegtragen wollte und dabei von diesem in den Finger gebissen wurde. Nach zwei Tagen begann eine Grippe-ähnliche Erkrankung und eine schmerzhafte Infektion am Finger, Folgen einer Infektion mit F. tularensis).

Natürliche Abwehrreaktion der Eltern

Dass Mäusebussarde Joggerinnen und Jogger, aber auch Biker angreifen, ist nach Kenntnis des Schweizer Professors nicht neu. Es handelt sich offenbar um eine natürliche Abwehrreaktion der Elterntiere zum Schutze der Jungvögel während der Aestlingsphase, das heißt beim ersten Verlassen der Nester. Solche Zwischenfälle ereignen sich deshalb vor allem in den Monaten Mai und Juni. Die Frage, ob der Mäusebussard im vorliegenden Fall tatsächlich selber infiziert war lediglich Bakterien einer vorher geschlagenen Beute an den Krallen oder am Schnabel hatte, ist unbekannt, weil man den Bussard nicht fangen und untersuchen konnte. Offenbar sind nach dem hier beschriebenen Ereignis noch drei weitere Jogger an derselben Stelle von einem (möglicherweise vom selben) Mäusebussard angegriffen worden.

Von Rainer Schüler

Ohne offensichtlichen Grund haben zwei Männer einen dritten Mann in Potsdam angegriffen. Sie traten auf ihn ein und verletzten ihn. Die Polizei fahndet nach den Tätern.

21.06.2019

Ein Gastropaar, das viele Jahre auch in Spanien gekocht hat und in Groß Glienicke die persönlichen Heimatküchen auf den Teller bringt – zweifaches Küchenglück oder nicht? Die MAZ war doppelt gespannt.

24.06.2019

Die Friedrich-Engels-Straße in Postdam ist seit dem Baubeginn am Leipziger Dreieck noch staugeplagter als zuvor. Frust erzeugt die Ampel, denn genau zwölf Sekunden dauert die Grünphase, bevor der Verkehr wieder 74 Sekunden lang steht. Die Schaltung kann aber nicht verlängert werden.

24.06.2019