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Potsdam Kritiker schreiben an Steinmeier und fordern Abriss des Glockenspiels
Lokales Potsdam Kritiker schreiben an Steinmeier und fordern Abriss des Glockenspiels
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20:11 12.09.2019
Glockenspiel der Garnisonkirche. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

In einem offenen Brief – unter anderem an die Adresse von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier – fordern namhafte Wissenschaftler und Architekten aus ganz Deutschland eine Kehrtwende in Sachen Garnisonkirche. Zu den Forderungen zählen der Abriss des 1991 in Potsdam errichteten Glockenspiels, eine Änderung der Trägerschaft des Wiederaufbauprojekts, das von der Garnisonkirchenstiftung getragen wird, und einen Verzicht auf die Nachbildung von Waffen als Schmuckelemente am Bauwerk.

Zu den Unterzeichnern zählen Patricia Alberth, Leiterin des Zentrums Welterbe in Bamberg, Ulf Aminde von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, sowie Gerd Bauz, Vorstand der Martin-Niemöller-Stiftung in Frankfurt/Main. Weitere Unterstützer sind Micha Brumlik, Goethe-Universität Frankfurt/Main/ Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Hauke Brunkhorst, Seniorprofessor für Soziologie an der Europa Universität Flensburg, der Architekturhistoriker Dirk Bühler, ehemals Kurator des Deutschen Museums in München und Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz – nur ein Auszug aus den zahlreichen Unterschriften.

Zu den Adressaten gehören wiederum neben Steinmeier, der auch Schirmherr des Wiederaufbauprojekts ist, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU, Ministerpräsident Dietmar Woidke und Oberbürgermeister Mike Schubert (beide SPD).

Die Unterzeichner stellen den Wiederaufbau der Garnisonkirche in ihrer historischen Gestalt infrage. „Warum kann man sich dann nicht ergebnisoffen auf die Suche machen, was heute eine angemessene bauliche Form für diesen Zweck an diesem Ort sei?“, fragen sie.

Für die Verfechter des Projektes sei offenbar die Wiedergewinnung der historischen baulichen Form das Primäre – das Nutzungskonzept diene dazu, „diesen Wunsch angesichts der Problematik des Ortes gesellschaftlich erträglich werden zu lassen. Die Idee von Frieden und Versöhnung wird so konterkariert, da man mit dem Vorhaben bewusst in Kauf nimmt, in Stadt und Kirche Unfrieden zu stiften“, heißt es in dem Schreiben.

Glockenspiel von unten. Quelle: MVD

Die Unterzeichner gehen mit der Geschichte des Ortes ins Gericht: „Diese Kirche war nicht nur ein zentraler Identitätsort in der Zeit des Nationalsozialismus, sondern hier wurden bereits während der Ära des Wilhelminismus die deutschen Kolonialkriege einschließlich des Völkermordes an den Herero und Nama gesegnet.

In der Weimarer Republik diente sie als Treffpunkt und Symbolort antidemokratischer, antisemitischer, nationalistischer und rechtsradikaler Kräfte. Bis heute hat das Wiederaufbauprojekt keinen überzeugenden Trennstrich zu diesen problematischen Traditionen des Ortes gezogen. „Doch gerade jetzt, wo das Projekt bereits erbaut wird, ist ein solcher unabdingbar.“

Klarer Trennungsstrich gefordert

Auch der Abriss des 1991 errichteten Glockenspiels wird gefordert – ein Geschenk der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel rund um den „rechtsradikalen Oberstleutnant der Bundeswehr Max Klaar“, heißt es in dem Schreiben. Die Forderung: „Mit dem nun stattfindenden Wiederaufbau der Garnisonkirche ist es unabdingbar, einen klaren Trennungsstrich zu jeglichen militaristischen und rechtslastigen Traditionen an diesem Ort und zu den rechtsradikalen Ursprüngen des Wiederaufbauprojektes zu ziehen. Dies erfordert den Abriss des Potsdamer Glockenspiels.“

Baustelle der Garnisonkirche. Quelle: Bernd Gartenschläger

Weiterer Kritikpunkt: „Im Widerspruch zu dem formulierten Ziel, den Neubau einem Friedenszentrum zu widmen, ist in Kuratorium und Beirat der Stiftung kein einziger Vertreter einer Friedensorganisation vertreten.“ Statt Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Politik und Militär müssten zivilgesellschaftliche Initiativen einbezogen werden, die sich für Menschenrechte einsetzen und gegen Militarismus und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wie etwa Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen, Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste, Ohne Rüstung Leben oder die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner.

„Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz kann erst Träger eines Lernortes Garnisonkirche werden, wenn sie ihre eigene Geschichte an diesem Ort kritisch analysiert und aufarbeitet, statt in Verdrehung der historischen Tatsachen sich selbst als Opfer von Nationalsozialismus, Bombenkrieg und DDR-Diktatur darzustellen.“

 

 

Von Ildiko Röd

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