Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Von der Schwierigkeit, in Potsdam ein Haus zu finden
Lokales Potsdam Von der Schwierigkeit, in Potsdam ein Haus zu finden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:30 19.05.2018
Familie Nill hatte Glück: Sie ergatterte im September 2017 ein Einfamilienhaus im Bornstedter Feld. Quelle: Bernd Gartenschläger
Anzeige
Potsdam

Das gelbgestrichene zweistöckige Einfamilienhaus der Familie Nill sieht aus wie aus dem Bilderbuch. Es steht in einer ruhigen Seitenstraße im Bornstedter Feld, einer der Eingänge zum Volkspark ist nur einen Steinwurf weit entfernt. Im Garten gibt es für Leopold (3) und Benedikt (fast 2) ein Klettergerüst in Form eines Blockhauses – Idylle pur. „Wir waren vom Schicksal geküsst“, sagen Jana und Oliver Nill und lachen dabei so strahlend, als hätten sie gerade einen Jackpot geknackt. Die Geschichte ihrer Haussuche ist eine mit Happy End.

Immobilienportale zeigten nur Unerschwingliches

Dabei hatte das Mittdreißiger-Paar, das zuletzt in Hamburg wohnte, die Hoffnung aufs Eigenheim fast aufgegeben. Die Abfrage bei den Immobilienportalen zeigte nur Unerschwingliches: „Von 650 000 Euro aufwärts – und vieles war renovierungsbedürftig.“ Am Schluss wären der Bundeswehr-Offizier und seine Frau fast in Falkensee (Havelland) gelandet, dort standen sie schon kurz vor dem Kaufabschluss.

Anzeige

Aber dann ließ es ihnen doch keine Ruhe – nur noch einmal bei den Portalen das Suchwort „Potsdam“ eingeben. Dass plötzlich das Traumobjekt in der 500.000-Euro-Kategorie aufploppte, erschien wie ein Wunder. Bei der Besichtigung gaben sie sofort die Tiptop-Bewerbungsunterlagen ab, die sie für Falkensee fertig gemacht hatten. Und die Vorbesitzer hatten es aus privaten Gründen eilig, sich von ihrem Heim zu trennen. Seit September sind die Nills nun Neu-Potsdamer. Dass es auch mit Krippen- und Kitaplatz in unmittelbarer Nähe geklappt hat, war das Sahnehäubchen auf ihrer Glücksgeschichte.

Ein Prozent Leerstand

Doch das Beispiel der jungen Familie aus dem Bornstedter Feld ist eher die Ausnahme in einer Stadt mit einem Wohnungsleerstand von unter einem Prozent, wo verzweifelte Menschen mit Belohnungen für gute Tipps winken. So gesehen beim Kleinanzeigen-Portal Ebay. „Wir sind bereit für die Unterstützung unseres Wohnglücks bei erfolgreichem Mietvertragsabschluss 1000 Euro ,Vermittlungspauschale’ zu zahlen“, schreibt da ein Paar Anfang 30. Mittlerweile sind sogar Autoparkplätze ein so rares Gut, dass sie gewinnbringend untervermietet werden. 200 Euro pro Monat in Potsdam-West für einen Stellplatz ohne Überdachung – auch das gibt es bereits.

„Auch Nicht-Studenten ziehen zunehmend in WGs.“

Wie groß der Hype ums märkische Mekka ist, kann man nirgends besser als auf der Immobilienmesse Expo Real in München erleben. Im vergangenen Jahr, so erzählt Pro-Potsdam-Chef Bert Nicke, waren die mitgebrachten Exposés bereits am ersten Abend vergriffen – dabei hätten sie für drei Tage reichen müssen. Immobilien-Verwalter Manfred Dengel hat beobachtet, dass sich angesichts des knappen Angebots der Trend zur längeren Sesshaftigkeit verstärkt. Das, was man glücklich ergattert hat, hält man fest. „Es gibt wenig Fluktuation.“ Was sich auch noch verändert hat: Wohngemeinschaften sind nicht mehr nur die Sache klammer Jung-Mieter, berichtet Dengel: „Auch Nicht-Studenten ziehen zunehmend in WGs.“

Ein neues Phänomen: die Auswanderer

Der Druck im Wohnungsmarkt-Kessel ist enorm. Rasant steigende Mieten sorgen dafür, dass es in Potsdam ein neues Phänomen gibt: die Auswanderer. So wie Familie Grosch, die seit 2017 glückliche Neu-Brandenburger sind. Im alten Kern der Havelstadt konnten sie sich ihren Traum vom Haus verwirklichen. In Potsdam wäre finanziell nicht einmal eine sanierte Wohnung drin gewesen für den Musiker und Klavierlehrer Christian Grosch (37) und seine Frau Leonore (36), eine Textilkünstlerin.

Vor dem Umzug hatte die Familie mit den drei Kindern zwischen sechs und elf Jahren in der Ossietzky-Straße in Potsdam-West gelebt – angeblich die kinderreichste Straße Deutschlands. Aber ausgerechnet in Deutschlands familienfreundlichster Kommune tun sich Familien wie die Groschs zusehends schwer. „In Potsdam-West muss man mindestens 1500 Euro für eine sanierte Wohnung zahlen – und wir als Freischaffende hätten wahrscheinlich ohnehin wenig Chancen bei den Vermietern gehabt“, erzählt der studierte Jazz- und Kirchenmusiker.

Gebaut wird fleißig

Ihre teilsanierte Wohnung in der Ossietzky-Straße hatten sie 2011 ohne Besichtigung gemietet, nur aufgrund einer Beschreibung einer Bekannten. 1050 Euro warm für 108 Quadratmeter. Die Räume wurden wegen der alten DDR-Heizung kaum warm. Noch schlimmer war aber, dass der Mietvertrag auf vier Jahre befristet war. Der Familie wurde gekündigt – angeblich wegen Sanierungsbedarfs. „Unser Vermieter hat nur ein paar Farbstellen ausgebessert und 150 Euro mehr verlangt.“ In Brandenburg/Havel lebt die Familie jetzt im sanierten Haus mit Barock-Fassade. Heimweh nach Potsdam? Kein Gedanke.

Die Familie Grosch gehört zu den „Auswanderern“. Quelle: privat

Plattenbauten genauso begehrt wie schicke Vorstädte

Doch die Zahl der Potsdam-Flüchtlinge wird durch die der Zuzügler mehr als wettgemacht. Bis 2035 gibt es vermutlich 220.000 Einwohner. Es kommen etwa so viele Einwohner hinzu, wie bereits heute am Schlaatz, in der Waldstadt, am Stern und in Drewitz zusammengenommen leben – fast 50.000 Menschen. Diese Plattenbausiedlungen aus der DDR sind mittlerweile ebenso begehrt wie die schicken Vorstädte und die neuen Siedlungen im Norden – nicht zuletzt, weil die Mieten dort noch erschwinglicher sind.

Flächen sind Mangelware, auch für Gewerbe

Unermüdlich drehen sich die Kräne – bald auch im neuen Großquartier Krampnitz oder am Ex-Tram-Depot in der Teltower Vorstadt. Die Landeshauptstadt ist Spitze im Wohnungsbau: Pro 1000 Einwohner werden jährlich 9,4 Wohnungen errichtet – mehr als doppelt so viele wie in Berlin oder Hamburg. Aber Flächen sind Mangelware, auch für Gewerbe, obwohl mit dem Wachstum die Zahl der Arbeitsplätze steigt. Nur: Welterbe und Landschaftsschutzgebiete stehen ungebremster Bau-Expansion entgegen.

Mittlerweile ist ein regelrechter Kampf um Grünflächen entbrannt. Aktuelles Beispiel: der Volkspark. Dort gibt es Areale, die seit jeher im Bebauungsplan für Wohnungsbau eingeplant waren. Konkret sind es Sozialwohnungen. Dass der Plan nun umgesetzt werden soll, hat für einen Aufschrei gesorgt. Auch Anwohner wie die Nills sind nicht angetan von den Entwicklungen in ihrem Naherholungsparadies.

So wird die Preisfrage der nächsten Jahre sein, wie die Boomstadt ihr Wachstum stemmt und gleichzeitig jene Lebensqualität bewahrt, um derentwillen sie bei Alteingesessenen und Zuzüglern so begehrt ist.

Von Ildiko Röd

Potsdam MAZ-Kommentar - Wachsen mit Verstand
16.05.2018
22.05.2018
Potsdam MAZ-Serie „Potsdam wächst“ - Zahlen und Fakten zum Potsdamer Wohnungsmarkt
15.05.2018