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Potsdam Wohnungskonzern in der Kritik
Lokales Potsdam Wohnungskonzern in der Kritik
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01:17 23.11.2018
Wenn der Vermieter wechselt, ist der neue auch für die Betriebskostenabrechnung zuständig. Das führte im Kirchsteigfeld zu großen Kostensteigerungen.
Wenn der Vermieter wechselt, ist der neue auch für die Betriebskostenabrechnung zuständig. Das führte im Kirchsteigfeld zu großen Kostensteigerungen. Quelle: Andrea Warnecke/dpa-tmn
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Kirchsteigfeld

Die Geschäftspraxis des Wohnungskonzerns Vonovia, der im Potsdamer Kirchsteigfeld 1600 Wohnungen besitzt, schlägt erneut Wellen. Das Magazin „Der Spiegel“ berichtete gerade über die Praktiken der „Miet-Gewinnmaschine“ – so lautet der Titel des Artikels, der darlegt, wie der größte deutsche Wohnungskonzern Profite erwirtschaften soll, indem er Aufträge an Tochterfirmen vergibt und deren Gewinne einstreicht.

Die Tochterfirmen kümmerten sich um Handwerkerleistungen, Hausmeisterdienste, Grünanlagen, Winterdienst – alles, womit üblicherweise externe Firmen beauftragt werden.

Auch in Potsdam stiegen die Nebenkosten nach Übernahme von Vonovia

Das passiert auch in Potsdam, wo beispielsweise die Hausmeisterkosten sich nach der Übernahme der Wohnungen im Kirchsteigfeld durch den Bochumer Dax-Konzern in einer Wohnanlage von 14.000 Euro auf 35.000 Euro plötzlich mehr als verdoppelt hatten. Die MAZ berichtete schon vor einem Jahr erstmals über den Ärger zahlreicher Mieter mit den Betriebskostenabrechnungen.

Statt 800 Euro Nachzahlung gab es nach Widerspruch 400 Euro zurück

Peter Unkelbach (Name geändert, d. Red.) wandte sich im Dezember 2017 an die Zeitung. Er sollte damals 800 Euro nachzahlen. Das ließ er sich nicht gefallen: „Ich hatte Widerspruch eingelegt und letztlich ewig auf eine korrigierte Abrechnung gewartet“, sagte er am Dienstag der MAZ. Als nach fast einem halben Jahr die neue Abrechnung im Briefkasten lag, war Unkelbach zufrieden. „Sie war erheblich überarbeitet worden, aber in Teilen noch immer nicht nachvollziehbar. Statt der 800 Euro, die ich zahlen sollte, bekam ich nun aber fast 400 Euro zurück“, sagt Mieter Unkelbach. Auf einen Rechtsstreit verzichtete er deshalb.

1600 Wohnungen gehören Vonovia im Kirchsteigfeld

Knapp 2500 Wohnungen gibt es laut Potsdamer Statistikbericht im Stadtteil, mehr als die Hälfte gehören seit Mitte 2017 dem Vonovia-Konzern. Das Unternehmen ist deshalb ein Thema im Kirchsteigfeld. „Ich hab Gespräche an der Supermarktkasse über die merkwürdigen gestalterischen Möglichkeiten dieses Vermieters gehört und geführt“, sagt Unkelbach, „es gibt hier etliche Betroffene.“

Wochenlanges Warten auf den Handwerker

In seinem Haus sei kürzlich ein Pärchen von einer Wohnung in eine andere umgezogen. „Im Vergleich zu der Dame, die dort vorher wohnte, zahlte das Pärchen 200 Euro mehr Miete ohne das irgendetwas nennenswert verbessert worden wäre“, sagt Unkelbach. Die teuren Hausmeisterdienste seien wiederum nicht nur ein finanzieller Ärger. „Seit sechs Wochen warte ich auf die Reparatur meines Gäste-WCs“, sagt er. Der Kontakt zum Unternehmen sei schwierig.

Europaweiter Wohnungsbestand

Die Firma Vonovia besitzt 404 000 Wohnungen – 90 Prozent davon in Deutschland, den Rest in Schweden und Österreich. Im Raum Berlin-Brandenburg gibt es 44 000 Wohnungen im Eigentum des Unternehmens.

Mit dem Bestand, den Vonovia für andere verwaltet, steigt die Gesamtzahl auf 486 000 Wohnungen.

Mehr als 60 000Wohnungen kaufte das Unternehmen laut des Halbjahresberichts in den ersten sechs Monaten 2018. Die Durchschnittsmiete stieg in diesem Zeitraum um 4,1 Prozent.

Mieterverein spricht von flächendeckendem Problem

Zahlreiche Mieter wandten sich mittlerweile an den Mieterverein Babelsberg, nachdem die Vonovia ihre ersten Betriebskostenabrechnungen seit dem Kauf der Wohnungen im Kirchsteigfeld verschickte. Die Mieter waren erstaunt, dass sie nach Jahren von Rückzahlungen plötzlich mehrere hundert Euro nachzahlen sollten.

Das lag nicht nur an gestiegenen Nebenkosten, sondern auch an der Berechnungsmethode für den Wasserverbrauch und die Heizkosten. Vonovia stellte nicht den tatsächlichen Verbrauch in Rechnung, sondern nach Qua­dratmeter-Fläche der Wohnung – laut Mieterverein ein Verstoß gegen die Heizkostenverordnung. Der Mieterverein erkannte fehlerhafte Abrechnungen als „flächendeckendes Problem“ und formulierte zahlreiche Widersprüche.

Von Peter Degener

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