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Potsdam Zirkus bangt nach Raub um Existenz
Lokales Potsdam Zirkus bangt nach Raub um Existenz
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09:44 06.01.2017
Die Artistinnen Janine Sperlich (mit Sohn Carlito) und Vivian Freiwald sowie Direktor und Dompteur Gino Lauenburger am Wagen, den der Räuber durchsuchte. Quelle: Gartenschläger
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Drewitz

Am Donnerstag um 16 Uhr musste Vivian Freiwald in der Manege wieder atemberaubende Kunststücke am Trapez vorführen, Kinder und Eltern unter der Zirkuskuppel verzaubern. Die Show muss weitergehen. Gegen Mittag sitzt die 20-Jährige Artistin noch in ihrem Wohnwagen, der über Nacht ein Tatort geworden ist, und weiß nicht, wie sie sich für die Vorstellung motivieren soll. „Wir sind alle niedergeschlagen“, sagt die Frau des Zirkusdirektors. Doch damit der Circus Alexander nicht bald wirklich seine allerletzte Vorstellung geben muss, müssen die Ereignisse des Vorabends kurzzeitig vergessen und das Programm neben dem Potsdamer Stern-Center fortgesetzt werden. Der Zirkus aus Sachsen braucht die Einnahmen dringender denn je. Denn alles, was die Truppe an Erspartem hatte, ist weg. Geraubt von unbekannten Dieben.

Der Dieb durchwühlte den Wohnwagen. Quelle: Marion Kaufmann

Es ist Mittwochabend gegen 19 Uhr, nach Ende der Vorstellung, als Zirkusdirektor Gino Lauenburger auf dem Stern-Center-Parkplatz gegenüber von Porta, wo die Truppe ihr Zelt aufgeschlagen hat, ein Mann auffällt, der um die Wohnwagen schleicht. „Er tat, als würde er austreten wollen. Ich scheuchte ihn vom Gelände“, schildert Gino Lauenburger den Abend. Wenig später hört er seinen Bruder Carlos schreien. Dann seine Schwägerin: „Der Carlos, der Carlos!“. Gino Lauenburger rennt in Richtung der Rufe, sieht einen weiteren Mann vom Gelände Richtung Gerlachstraße flüchten. Er sprintet hinterher, sieht, wie der mutmaßliche Räuber in einen silbergrauen Audi steigt, in dem nach seiner Beobachtung schon zwei Männer sitzen, und in Richtung Kirchsteigfeld davonfährt.

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Zirkus in der siebten Generation

Sein Bruder Carlos (24) hatte den Dieb zuvor in dem Wohnwagen überrascht, in dem Gino und seine Frau Vivian übernachten. Als der Clown und Feuerspucker den Täter festhalten will, schlägt dieser ihm mit der Faust ins Gesicht. Der Zirkus-Mitarbeiter ruft laut, taumelt, fällt vor dem Wohnwagen nach hinten. Bis auf Rötungen im Gesicht bleibt er unverletzt. Schmerzlicher ist der Verlust. Eine höhere Summe Bargeld, Schmuck, ein Handy, wichtige Unterlagen, Papiere für die 20 Tiere, etwa acht Kostüme – alles weg. Der Gesamtschaden bewegt sich im fünfstelligen Bereich. „Ich weiß nicht, wie wir und die Tiere jetzt über den Winter kommen sollen“, sagt Zirkusdirektor Gino Lauenburger, der den Circus Alexander seit drei Jahren führt – in siebter Zirkusgeneration. Bis Sonntag sind noch täglich Vorstellungen neben dem Stern-Center geplant. Am Dienstag wollte die Truppe abreisen, ihr Winterlager im rund 150 Kilometer entfernten Delitzsch beziehen. „Doch wir kommen hier nicht weg“, sagt Vivian Freiwald, „wir haben keinen Sprit für die 15 Transporter.“ Das Futter für Pferde, Esel und Lamas gehe auch aus. Eigentlich wollte die Truppe – neben sechs Erwachsenen gehört noch Carlos’ kleiner Sohn Carlito dazu – von den Potsdamer Einnahmen während der Winterpause bis Ende Februar leben. „Wir haben nichts mehr. Unser ganzes Geld ist weg“, sagt die junge Direktorengattin. Dass die Einnahmen nicht zwischendurch zur Bank gebracht werden, sei normal. Ein Zirkus lebe quasi immer von der Hand in den Mund. Dass der Dieb den richtigen, nämlich den Direktorenwohnwagen, durchwühlte, könne Zufall sein. Vivian Freiwald glaubt nicht daran. „Wir wurden beobachtet“, ist sie überzeugt und hofft, dass einige Potsdamer mit Spenden helfen – egal ob Futter, Diesel oder ein paar Euro.

Zum Verlust kommt die Angst. „Ich traue mich nicht mehr, allein im Wohnwagen zu sein. Und Carlito lassen wir auch nicht aus den Augen“, sagt Artistin Vivian. Die Brüder Gino und Carlos wollen nachts abwechselnd Wache auf dem ungesicherten Gelände schieben. Die Ermittlungen der Polizei, die Spuren am Tatort sicherte, dauern an, sagt Polizeisprecherin Daiana Sawatzki-Koppe. Bislang gebe es keine heiße Spur zu den Zirkusräubern.

Vorstellungen am Freitag und Samstag um 15 und 18.30 Uhr sowie am Sonntag um 14 und 17.30 Uhr. Spenden können an der Zirkuskasse abgegeben werden. Kontakt unter 0163/3000848.

Von Marion Kaufmann