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Potsdam Zu Hause in der „Platte“ auf Sansibar
Lokales Potsdam Zu Hause in der „Platte“ auf Sansibar
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14:01 08.07.2017
Ingrid Püschel dokumentierte ihren Aufenthalt auf Sansibar mit vielen Fotos – hier eine Aufnahme des Neubauviertels Kikwajuni aus den 1960er Jahren.  Quelle: Ingrid Püschel
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Babelsberg/Sansibar-Stadt

 Die beschwerliche Reise hatte am 13. Oktober 1966 in Berlin-Schönefeld begonnen. Zehn Stunden musste die kleine Reisegruppe wegen des dichten Nebels ausharren, ehe die Maschine nach Kairo startete. Nach einer Nacht im Hotel und einem Abstecher zu den Pyramiden ging es weiter Richtung Nairobi und von dort weiter nach Dar es Salaam. Und dann saßen sie endlich in einer winzigen Maschine nach Sansibar-Stadt. Von ihrem Platz aus konnte Ingrid Püschel, damals gerade mal 22 Jahre alt und voller Vorfreude auf das fremde Land, alles ganz genau erkennen: Die Wellen, die sich beim Landeanflug im geradezu bizarr glitzernden Meer kräuselten.

Die Wellblechsiedlung mit den Rohbauten von Kikwajuni im Hintergrund. Quelle: Privat

Dann die Wellblechdächer der Hütten unter ihnen und vor allem das viele Grün auf der Insel. Sansibar sah aus wie eine Postkarte, war wunderschön – und auf dem „nicht-kapitalistischen Entwicklungsweg“, wie es so schön hieß. Das war auch der Grund, weshalb die junge Babelsberger Lehrerin Ingrid Püschel und ihr späterer Mann rund um die halbe Welt gereist waren. Die Revolution, die den Revolutionsrat an die Macht gebracht hatte, war noch ganz frisch. Und die DDR hatte als erster Staat die neue Regierung anerkannt – Aufbauhilfe inklusive. Auch der spätere Geheimdienst-Chef Markus „Mischa“ Wolf verdiente sich dort als Berater seine ersten Sporen, wie er später in seiner Biografie enthüllte.

Seit dem Frühjahr ist Sansibar die Partnerstadt von Potsdam.. Quelle: Detlev Scheerbarth

Stadtplaner, Architekten und andere Experten wurden von der DDR entsandt. Ingrid Püschel sollte an der deutschen Kita den Nachwuchs der DDR-Bürger betreuen. Ihr Partner – ein Diplom-Afrikanist – dolmetschte für einen der Polit-Berater. Das Paar kam in ein Land, in dem der Tourismus in den Kinderschuhen steckte. Das Africa House, in dem sie anfangs wohnten, war das einzige Hotel von Sansibar-Stadt. Auch bei Restaurantbesuchen hatte man nicht die Qual der Wahl. Es gab nur eines: das „Dolphin“.

Der Strand in den 1960er Jahren.

Das Leben im Hotel dauerte etwa zwei Monate: „Am 24. Dezember konnten wir unsere neue Wohnung beziehen“, erinnert sich die Babelsbergerin. Weihnachten bei mehr als 30 Grad im Schatten wird ihr wohl ewig in Erinnerung bleiben. So exotisch das Fest ausfiel, so vertraut war den DDR-Bürgern das Aussehen der neuen Wohnung. Das Haus hätte fast genauso in Erfurt, Potsdam, Rostock oder einem anderen Neubaugebiet stehen können.

 Aber es gab auch Unterschiede: Ganz oben befand sich ein Dachgarten. Außerdem war es nur äußerlich eine „Platte“, denn die Mauern bestanden aus massivem Stein. Sonst sah es teilweise eins zu eins wie in der Heimat aus. Ingrid Püschel muss schmunzeln: „Sogar die Mülltonnen kamen aus der DDR.“

Sogar die Mülltonnen kamen aus der DDR Quelle: Privat

Ihre neuen Nachbarn hatten vorher in den Wellblechsiedlungen gewohnt. Nun gab es ein eigenes Klo und einen Elektrokocher in der Küche. Doch der Kocher blieb meist kalt. Stattdessen entfachten viele Bewohner auf ihren Balkonen ein Feuerchen und bereiteten dort ihre Mahlzeiten zu. Das lag nicht an der Liebe zur Freiluft, sondern schlicht am Geld: „Viele konnten sich den Strom nicht leisten“, erklärt Ingrid Püschel. Sie selbst hatte von außen betrachtet ein erholsames Dasein. Ein Koch kümmerte sich um ihr leibliches Wohl. Der Helfer, der sogar die Wäsche auf der Dachterrasse aufhängte, hatte aber nicht auf dem Wunschzettel gestanden. Er war Püschels quasi „verordnet“ worden, damit sie ihren Beitrag zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit unter den Einheimischen leisteten.

So sehen die Plattenbauten heute aus. Quelle: Privat

In den nächsten Monaten lernten die DDR-Bürger viel über ihre neue Heimat im Neubauviertel Kikwajuni („Kleiner Tamarindenbaum“). Die FDJ hatte Ausbilder geschickt, um die Jugendlichen in den Handwerksberufen auf der Baustelle auszubilden.

Die Bausubstanz rottet vor sich hin. Quelle: Privat

Ingrid Püschel lernte die Multikulti-Kultur mit indischen und arabischen Einflüssen kennen und lieben. Sie bekam einen riesigen Respekt vor den Menschen, die sich oft nur mit den Nötigsten durchschlagen mussten. Aber es gab auch Dinge, die sie störten beziehungsweise verwirrten. Wenn sie einen Laden betrat, wurde sie von den Einheimischen sofort respektvoll vorgelassen. Genau dasselbe passierte auch im Straßenverkehr, wo Autofahrer an den Straßenrand fuhren, damit die Weiße schneller vorankam. Mit dieser Bevorzugung kam die junge Frau nicht klar.

Ingrid Püschel als junge Frau in Kikwajuni. Quelle: Privat

Nach einem Jahr war das Abenteuer Sansibar für sie vorläufig zu Ende. Als ihre Mutter erkrankte, kehrte Ingrid Püschel heim. Sie bekam eine Stelle an einer Schule an der Waldstadt. Später arbeitete sie in der Akademie für Staat und Recht und nach der Wende viele Jahre lang im Sozialamt der Stadt. Seit 1994 engagiert sie sich ehrenamtlich als Vorsitzende der „Alfred und Toni Dahlweid“-Stiftung für die Belange von Senioren.

Balkone in Kikwajuni.

Die Erinnerungen an die exotische Insel haben sie aber all die Jahre begleitet. Teilweise sind die Orte und Menschen auf alte Fotos gebannt. Für die Entwicklung reiste der Film fast um die halbe Welt. „Wir kauften im kleinen Laden einen Diafilm“, schildert sie den komplizierten Vorgang. „Im Preis war die Entwicklung des Films und die Erstellung der Dias in London inbegriffen.“ Beigefügt war eine Tüte, die mit dem geknipsten Film in den Briefkasten kam. „Eine Woche später hatten wir ein Plastekästchen mit den gerahmten und beschrifteten Dias in der Hand – einfach klasse!“

Die Erinnerungen sind aber nicht nur auf dem Fotopapier, sondern vor allem in Ingrid Püschels Herz. Sansibar hat sie nie mehr losgelassen. Unzählige Male ist sie später wieder dorthin gereist. Drei Patenschaften hat sie übernommen, um Kindern aus schwierigen Verhältnissen den Schulbesuch zu ermöglichen.

Aus Ingrid Püschels Fotoalbum. Quelle: Privat

Natürlich ist sie auch wieder in ihr altes Viertel Kikwajuni zurückgekehrt. Was sie dort sah, machte sie traurig. Die Bausubstanz rottete vor sich hin. Für Sanierungen fehlt das Geld. Niemand würde mehr ahnen, dass die schwarzen Fassaden einst strahlend hell waren. Sansibar ist arm. Aber Ingrid Püschel ist von diesem Land reich beschenkt worden. Vor allem mit der Erkenntnis, dass es nicht nur eine einzige „richtige“ Art des Lebens gibt, sondern wie schön und vielfältig fremde Kulturen sind.

Von Ildiko Röd

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