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Potsdam Streichelweicher Wahlkampf
Lokales Potsdam Streichelweicher Wahlkampf
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08:43 20.09.2018
Wahlplakate in der Friedrich Engels Str. in Potsdam. Foto: Friedrich Bungert
Wahlplakate in der Friedrich Engels Str. in Potsdam. Foto: Friedrich Bungert Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

Man muss sich das einmal vorstellen: Wenn am Sonntag in Potsdam gewählt wird, dann haben die 16-jährigen Erstwählerinnen und Erstwähler keinen anderen Oberbürgermeister gekannt als den Sozialdemokraten Jann Jakobs. 2002 wurde der gebürtige Ostfriese ins Amt gewählt, damals trug die Stadt noch den wenig schmeichelhaften Beinamen „Hauptstadt der Jammer-Ossis“. Was folgten, waren Jahre mit hitzigen Schlachten um die Gestaltung der Innenstadt, um den Bau des Landtags in Gestalt des ehemaligen Stadtschlosses, zudem gleich zwei Affären um die kommunalen Stadtwerke und natürlich Jakobs’ Dauerclinch mit dem „Silberrücken“ der Potsdamer Linken, dem Fraktionschef und Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Scharfenberg. Doch in diesen 16 Jahren hat sich das einstige Jammertal auch zum Mekka der Schönen und Reichen gemausert, zumindest im Norden, wo die eleganten Villen an den Ufern der Seen stehen. Die Landeshauptstadt wächst rasant, kratzt bald an der 200 000-Einwohner-Marke. Sie gilt als eine der Boom-Städte im Osten. Was damit einhergeht sind jedoch massive Wachstumsschmerzen – Verkehrsstaus, steigende Mieten. Am kommenden Wahlsonntag nun werden die Polit-Karten an der Spitze des Stadthauses neu gemischt. Sowohl Jakobs als auch sein Dauer-Duellant um den Rathauschefsessel, Scharfenberg, hatten erklärt, nicht erneut kandidieren zu wollen.

Potsdam ist der letzte SPD-Leuchtturm

Wobei viele in der SPD es gern gesehen hätten, wenn Jakobs zumindest vier weitere Jahre drangehängt hätte. Mit seinem Amtsinhaberbonus wäre er eine sichere Bank bei der Wahl gewesen. Für die umfragegebeutelte SPD eine nur allzu verlockende Vorstellung, immerhin wäre es eine extreme Blamage, wenn auch noch die Landeshauptstadt wählermäßig von der Fahne ginge. Potsdam ist der letzte SPD-Leuchtturm unter den größeren Städten, den es unbedingt zu halten gilt. Doch Jakobs zieht es mit seinen bald 65 Jahren ins Private, und auch die hochgehandelte Hoffnungsträgerin und Potsdamer Landtagsabgeordnete Klara Geywitz zeigte keine Neigung, das Büro im wilhelminischen Prachtbau am Nauener Tor zu beziehen.

Nun also: Freie Bahn für neue Gesichter. Von den sechs Bewerbern – zwei Frauen, vier Männer – gehen alle zum ersten Mal ins Rennen um das hohe Amt. Abgesehen vom SPD-Kandidaten Mike Schubert, der in seinem Amt als Sozialdezernent seit 2016 eifrig öffentlichkeitswirksame Termine absolviert, mussten sich die meisten der anderen Kandidaten erst einmal beim großen Kreis ihrer potenziellen Wählern bekannt machen. Die CDU geht mit dem stets verbindlich auftretenden Rechtsanwalt Götz Friederich – Spitzname: Häuptling Silberlocke – ins Rennen. Potsdam ist mittlerweile längst eine Metropole der Zuzügler, viele davon potenziell CDU-affin. Allerdings ist es den Christdemokraten bislang bei den Oberbürgermeisterwahlen noch nicht gelungen, diese Potenzial auch abzuschöpfen.

Die Linken haben sich für eine parteilose Frau entschieden: Die städtische Gleichstellungsbeauftragte Martina Trauth, die erkennbar im langen Schatten von Scharfenberg steht, aber gleichwohl auf die unverbrüchliche Loyalität der Genossen setzt. Grünen-Kandidatin Janny Armbruster ist an der Universität Potsdam tätig, vom politischen Auftreten her ist sie eher bodenständig-realo als eine grüne Strickliesel mit Batiktuch. Lutz Boede ist beruflich Geschäftsführer der Stadtverordneten-Fraktion Die Andere, einer nur in Potsdam vertretenen Wählergruppe. Boede gilt als Lokalmatador unter der linksalternativen Szene. Gymnasiallehrer Dennis Hohloch – als Endzwanziger der Junior in der Truppe – ist für die AfD dabei; Image: dynamische, wortgewandte Polit-Hoffnung.

Wie hoch wird die Wahlbeteiligung?

Bei einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag der Märkischen Allgemeinen sah die Hitparade der Kandidaten in der letzten Augustwoche folgendermaßen aus: Schubert ist mit 29 Prozent der Favorit, Trauth liegt bei 25 Prozent, Friederich bei 18. Boede und Hohloch jeweils zehn Prozent und Armbruster mit acht Prozent das Schlusslicht. Die Haupterkenntnis der Umfrage war jedoch: Mehr als 50 Prozent waren noch unentschlossen. Die Zahl mag inzwischen gesunken sein, doch die Furcht vor einer geringen Wahlbeteiligung ist hoch. Die Stadt ist zwar zum bunten Plakate-Wald mit den Konterfeis der Kandidaten mutiert, doch der Wahlkampf selbst ist eher schaumgebremst.

In Sachen Engagement sind die Konkurrenten zwar vorbildlich dabei. In den letzten Wochen vor der Wahl gab es fast jeden Abend eine Podiumsdiskussion. Nur: So richtig Stimmung will einfach nicht aufkommen. Das höchste der streitbaren Gefühle sind ein paar Seitenhiebe oder Spitzen. Meist geht es in der Debatte diszipliniert um die Lösung der riesigen Verkehrsprobleme auf der Insel Potsdam oder um die Frage, ob und wie man Wachstum steuern kann. „Luxusprobleme“, sagen dazu manche Politiker aus den Brandenburger Weiten, in denen man mit Abwanderung und dem Wegbrechen von Wirtschaftszweigen zu kämpfen hat. Inmitten dieses streichelweichen Wahlkampfes gibt sogar AfD-Kandidat Hohloch in den Debatten nach außen den Biedermann.

Dennoch: Das Abschneiden der AfD ist eine der großen Unbekannten bei dieser Wahl – obwohl Potsdam traditionell als Hochburg gegen Rechts gilt. Vor diesem Hintergrund blicken viele mit Sorge auf den Wahlsonntag. Nur ein Ergebnis erscheint derzeit als sicher prognostizierbar: Weil wohl keiner der Kandidaten über 50 Prozent kommt, wird es am 14. Oktober eine Stichwahl geben.

Von Ildiko Röd