Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Prignitz Ein Friedhof, der im Schussfeld der DDR-Grenztruppen lag
Lokales Prignitz Ein Friedhof, der im Schussfeld der DDR-Grenztruppen lag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:57 08.10.2019
1967 wurde Elisabeth Ebel aus Lütkenwisch beerdigt. Ihre zwei Söhne „aus dem Westen“ durften jedoch nicht dabei sein. Quelle: Repro Kerstin Beck
Jagel

„Hier liegen sie alle dicht beieinander, die alten Kampfhähne, und jetzt sind sie ganz friedlich!“

Mit diesem Satz charakterisierte einmal eine Lütkenwischerin, die längst ebenfalls dort ihre letzte Ruhe gefunden hat, den Jageler Friedhof. Zu finden ist dieser Ort an einer ungewöhnlichen Stelle, und zwar direkt am Deich am Elbkilometer 471 und dabei kilometerweit von den nächsten Ortschaften entfernt.

Der Friedhof Jagel heute vom Elbdeich aus gesehen. Quelle: Kerstin Beck

Der Grund: Im Jahr 1870 wurde der Cumlosener Friedhof, auf dem bis dahin die Lütkenwischer und Jageler beerdigt worden waren, wegen Überfüllung geschlossen. Daraufhin entschieden die Ortsvorsteher beider Dörfer, den neuen Bestattungsplatz dort anzulegen, wo man zugleich Deichschutz betreiben konnte: genau in der Mitte zwischen den beiden Deichbruch-Stellen von 1780 und 1845. Im Bereich Jagel-Lütkenwisch liegen sie an keiner Stelle so eng nebeneinander wie hier. Dazu wurde das Gelände mit Elbsand mehr als einen Meter erhöht.

Ein Teil für Jagel und einer für Lütkenwisch

Doch wie sollte der Friedhof aussehen? „Ick will ober nich, wenn dat so wiet is, näben mien Moagd lingen!“, erklärte damals der Lütkenwischer Jacob Christian Hann. Und des alteingesessenen Vollbauers Wort hatte Gewicht: Der Platz wurde in einen Jageler Teil, in dem bestattet wurde, wie es so kam, und in einen Lütkenwischer Teil, in dem große Familiengräber eingerichtet wurden, geteilt. Letztere Seite enthält zusätzlich einen Bereich für die Einwohner des Ortsteiles Mittelhorst sowie für Knechte und Mägde – und hier ging es natürlich nur „in Reihe“.

Die Lütkenwischer Bauerngräber waren luxuriös angelegt und mit einem schmiedeeisernen Zaun umgeben; schließlich gab es im Ort den Schmied Körnich, der diese Umrandungen herstellte.

Erstes denkmalgeschütztes Bauerngrab der Prignitz

Zu sehen ist in diesem Zustand noch heute eine komplett erhaltene historische Grabstelle: die des Vollbauern und Dorfschulzen Friedrich Jaap, die zudem sogar noch die einstige Bepflanzung zeigt. Sie gilt als das erste Bauerngrab im Landkreis Prignitz, das unter Denkmalschutz gestellt worden ist.

Die Grabstätte der Familie Jaap auf dem Friedhof Jagel. Quelle: Kerstin Beck

Als Jaaps Tochter, Elisabeth Ebel, hochbetagt 1967 starb, durften ihre beiden aus dem „Westen“ angereisten Söhne an der Beerdigung nicht teilnehmen – lag der Friedhof auf einmal doch inmitten des Grenzgebietes des inzwischen geteilten Deutschlands. Beide Söhne begleiteten den Sarg nur bis zum Beginn der „Sperrzone“.

„Sie können gewiss sein, dass ich die Trauerfeier so gestalten werde, als wären Sie mit dabei gewesen. Gott sei mit Ihnen!“, versprach der damalige Lanzer Pfarrer Kurt Mertins den beiden Trauernden.

Übrigens ist es allen drei vergönnt gewesen, den Mauerfall samt Wiedervereinigung noch mitzuerleben.

Friedhof für ein freies Schussfeld teilweise zurückgebaut

Für grabpflegende Angehörige war es unmöglich, über den Deich zum Jageler Friedhof zu kommen. Dieser war mit einem Zaun, an den sich der Minengürtel anschloss, abgesperrt. Und aus einem Grenzwachtturm heraus wurden alle Tätigkeiten der auf dem Friedhof sich aufhaltenden Bürger genauestens beobachtet.

Eine Jagelerin zeichnete vor zehn Jahren aus ihrem Gedächtnis heraus die Lage des Friedhofes (vorn links) am früheren Grenzzaun.

Der Plan, freies Sicht- und Schussfeld für die „Grenzorgane“ zu schaffen, betraf auch den Friedhof: Wenige Jahre vor der Wende sind ohne Wissen der betreffenden Verwandten Grabstellen beräumt und wertvolle Baumbestände abgeholzt worden.

Auch Kriegstote wurden in Jagel verscharrt

Aber es gibt auch Gräber, die niemals einen Gedenkstein besessen haben. Das des seinerzeit oft in Lütkenwisch weilenden Berliner Zahnarztes Willy Hermann etwa, der – so ist es überliefert – am 1. Mai 1945 leblos an einem Lütkenwischer Angelgewässer aufgefunden wurde, und der bis heute noch nicht „gestorben“ ist. Jedenfalls findet sich in keinem amtlichen Register sein Sterbeeintrag.

Ebenso verscharrt worden sind in diesen Tagen mindestens acht weitere Kriegstote an zwei weiteren Stellen – kein Grabstein erinnert an sie.

„Deswegen, aber auch deshalb, weil der Jageler Friedhof seit seiner Gründung ein einmaliges historisches Zeitdokument ist, muss er als Ensemble unbedingt unter Denkmalschutz gestellt werden“, ist die Meinung Kai Richters von der Unteren Denkmalbehörde des Landkreises Prignitz in Perleberg.

Noch ist es nicht soweit.

Von Kerstin Beck

In Wustrow gab es jetzt einen Gedenkgottesdienst für den vor 100 Jahren gestorbenen Pfarrer Friedrich Rudolf Heinrich. Die Gäste reisten dafür aus ganz Deutschland und selbst aus den Niederlanden an.

07.10.2019

Die Kirche in Kietz galt noch vor zwei Jahrzehnten als kaum zu retten und war beinahe dem Verfall preisgegeben. Inzwischen ist sie ein Schmuckstück.

06.10.2019

Großeinsatz für die Feuerwehren am Dorfrand von Breese: Am Sonntag brannten eine Ferienwohnung und Garage. Neben diversem Werkzeug und elektrischen Geräten standen mehr als 300 Spraydosen in Brand.

06.10.2019