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Prignitz Die Stadt damals und heute
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15:41 22.01.2017
Schuhmacher Paul Donat fertigte gerade ein Paar Holzpantinen an.
Schuhmacher Paul Donat fertigte gerade ein Paar Holzpantinen an. Quelle: Jens Wegner
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Wittenberge

Eine Erlebnisführung der besonderen Art gab es am Sonnabend in Wittenberge. Väterchen Frost aus Russland kam nach Wittenberge, um 21 begeisterte Teilnehmer durch die Altstadt zu führen. Die 21 hatten einen weit kürzeren Anreiseweg. Sie kamen etwa aus der Elbestadt selbst, Perleberg und Grabow. Eigentlich wollte die Wittenbergerin Reinhild Bläsing die szenische Winterwanderung mit ihrem Mann besuchen. Doch er bekam gesundheitliche Probleme mit seinem Fuß, so dass er nicht gehen kann. „Als mir das meine Mutter am Telefon erzählte, beschlossen wir kurzentschlossen nach Wittenberge zu fahren und anstelle meines Vaters mitzukommen”, sagte ihre Tochter Sandra Albs aus Hamburg, die mit ihrem sechsjährigen Sohn Hannes dabei war.

Immer entlang der Elbe

Im blauen Mantel des Väterchen Frost steckte der Stadtführer Jürgen Schmidt. Ihm zur Seite standen das Schneeflöckchen Paula Buchholz und der treue Ivan. „Das zweite Schneeflöckchen hat Schnupfen bekommen. Deshalb begleitet mich heute der treue Ivan”, berichtete das Väterchen den Gästen. Zur Begrüßung gab es Schwarzbrot mit Speck und Wodka. „Bei uns ist es Brauch, dass man nimmt Vodki am Anfang”, sagte er mit starkem russischen Akzent. „Aber erst Brot mit Speck essen, sonst nicht gut für Magen”, gab er zu beachten. „Bei uns Flüsse sind viel größer”, bemerkt das Väterchen mit Blick auf die Elbe und berichtete von der Schifffahrt früher und vom Wittenberger Hafen. Damals sei die Elbe alle fünf bis sechs Jahre vollständig zugefroren, so dass die Schifffahrt zum Erliegen kam. Die Leute legten Stroh auf das Eis und hatten so eine natürliche Brücke über den Fluss. Durch das milder gewordene Klima friere das Wasser heute seltener zu, das letzte Mal im Jahr 1996. Zugenommen haben Hochwasser und Stürme.

Nächster Halt auf dem Rundgang durch die Altstadt war die Skulpturengruppe „Die Zeitreise”, die von den Wittenbergern liebevoll Schaukelschiff genannt wird. Das Schiff zeige mit seinen Figuren und Symbolen die Entwicklung der Stadt. „Hinten sieht man beispielsweise einen Kuharsch im Stadttor verschwinden und vorne kommt ein Auto raus”, erklärte Väterchen Frost. Ein paar Meter weiter trafen sie auf eine historische Figur, den Schuhmacher Paul Donat, in dessen Rolle der Stadtführer Burkhard Genth geschlüpft war. Er fertigte gerade ein Paar Holzpantinen an. Die zogen früher die einfachen Leute an, berichtete er. Kinder gingen in Holzpantinen zur Schule. Gute Schuhe hatten sie nur zur Kirche an.

Die Stadt vor 200 Jahren

Dann erzählte der Schuhmacher etwas über die Schauerleute und Seiler, die es damals in Wittenberge gab. Als Schauerleute wurden Hafenarbeiter bezeichnet. Auch eine Reeperbahn gab es in Wittenberge. Die hatte allerdings nichts mit der sündigen Meile in Hamburg zu tun, sondern diente zum Anfertigen von Schiffstauen. Im Jahr 1819 wurde die Zollstation von Lenzen nach Wittenberge verlegt, wodurch auch der Handel in Wittenberge zunahm. So gab es 1823 in Wittenberge allein 48 Schuster und Pantinenmacher.

In der Stadtkirche, dem Mittelpunkt der Altstadt, trafen die Reisenden den Nikolaus und lauschten einem Orgelkonzert. Später kamen sie bei Frau Holle vorbei, die ihre Betten aus einem Fenster der ehemaligen Warmbadeanstalt ausschüttelte. „Ach, ich habe es schwer”, klagte sie. „Es ist zu warm und der Schnee schmilzt zu schnell wieder.” Auch helfe ihr niemand mehr. Nach der fleißigen Goldmarie seien nur noch faule Mädchen zu ihr gekommen. Am Ende der Tour wartete ein Rätsel darauf, von den Gästen gelöst zu werden. Im Torwächterhaus am Steintor gab es dann Getränken und ein herzhaftes Essen.

Von Jens Wegner