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Prignitz Konstruktiver Störenfried: Rainer Schneewolf
Lokales Prignitz Konstruktiver Störenfried: Rainer Schneewolf
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11:54 08.06.2018
Rainer Schneewolf in seinem Garten.
Rainer Schneewolf in seinem Garten. Quelle: Fariba Nilchian
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Plattenburg

„Ich bin kein Revoluzzer“ sagt der quirlige Mann, dessen grauer Haarschopf sich allerdings zur Revolution entschieden hat. „Ich habe nie einen Stein in die Hand genommen“, fügt er hinzu, damit man das Gesagte besser versteht – denn wer Rainer Schneewolf auch nur ein wenig kennt, der weiß, dass sein Leben eine Geschichte von zivilem Ungehorsam, Protest und Widerstand ist.

Die Themen des unermüdlichen Aktivisten spiegeln den gesellschaftlichen und politischen Diskurs der letzten Jahrzehnte. Geprägt wurde er als junger Mann durch die Studentenbewegung der 60er Jahre. „Wir haben gelernt, dass man die Dinge infrage stellen und dass man etwas bewegen kann“, sagt der 75-Jährige heute, „das ist ein Privileg meiner Generation und hat unheimlich viel Energie freigesetzt.“ Eine Energie, die sein Leben bestimmt hat und bis heute vorhält.

Er hat sich gegen Atomkraft engagiert und gegen Aufrüstung, war lange Zeit in Berliner Verkehrsbürgerinitiativen aktiv. Er hinterfragt selbst große Infrastrukturmaßnahmen wie die A 14 und kämpft gegen Stromtrassen genauso beharrlich wie gegen Massentierhaltung. Er nimmt scheinbar Unvermeidliches nicht als gegeben hin. Er liest sich schlau und macht sich oft über Jahre hinweg zum Fachmann und zum kompetenten Gesprächspartner.

Selbstgefertigtes Poststück von Rainer Schneewolf: „Es gibt eine Reihe von Dingen, die mache nur ich so“, sagt er über sich. Quelle: Privat

Über zwanzig Jahre hat Schneewolf seinen Lebensunterhalt mit Verkehrsplanungs- und Forschungsaufträgen verdient. Ein Berufszweig, in den er Anfang der 80er Jahre über sein Engagement in Bürgerinitiativen gerutscht ist. Die Stadtplanung des Berliner Senats hatte Ende der 70er Jahre zu massivem Widerstand in der Bevölkerung geführt.

Rainer Schneewolf hat nicht nur fantasievolle Protestaktionen initiiert, er hat sich gründlich in die Materie der Verkehrsplanung eingearbeitet und innovative Konzepte entworfen, die den Widersinn der städtischen Planungen offenbarten. Noch während er seine 600 Seiten starke Dissertation „Laut und Leute“ über das Klangbild von Gedichten schrieb, stellte ihn ein privates Forschungsinstitut fest an.

„Zum Glück hat mich in meiner Berufslaufbahn nie jemand gefragt, was für einen Doktortitel ich eigentlich habe“, sagt Schneewolf verschmitzt, der als Literaturwissenschaftler in einem klassischen Ingenieurberuf gearbeitet hat. Im Jahr 1985 veröffentlichte das Bundesumweltamt einen umfangreichen Winterdienstbericht aus der Feder des Autodidakten. In den Jahren darauf folgten unzählige Planungs- und Forschungsprojekte seines eigenen Büros im öffentlichem Auftrag.

Im Jahr 2008 beschloss Rainer Schneewolf, sein Planungsbüro in Berlin aufzugeben, um zu seiner Frau in ein kleines Prignitzdorf zu ziehen. Zu seinem eigenen Erstaunen eröffnete sich hier ein neues Leben voller, wie er es ausdrückt, „sinnvoller Betätigungen“ und die Umstellung auf die vermeintlich ländliche Ruhe blieb für den bisherigen Großstädter aus. „Ich war verwundert, dass ich hier leben konnte.

Rainer Schneewolf ist seit 1980 bei der Grünen-Partei

In Berlin hab ich allerdings so viel gearbeitet, dass ich am kulturellen Leben gar nicht teilgenommen habe.“ Doch auch in der Prignitz stehen die Zeichen im Hause Schneewolf nicht auf Müßiggang. Noch im Jahr seines Umzuges kandidiert Schneewolf erfolgreich für die Gemeindevertretung Plattenburgs auf einer offenen Liste der Grünen. Mitglied der Partei ist er schon seit 1980, aber „in der Prignitz gibt es nur zwanzig Grüne, da konnte ich nicht als Karteileiche weitermachen“, erinnert er sich an die Anfänge des Landlebens.

Ein weiteres Großprojekt liegt bei seiner Ankunft in der Prignitz schon in der Warteschleife für den erfahrenen Bürgerinitiativler. Eine 60 Kilometer lange 110-Kilovolt-Stromtrasse soll sich nach dem Willen von Politik und Energieversorgern auf hohen Masten durch die Prignitz ziehen. Ein Vorhaben im Rahmen der Energiewende, denn die großen Mengen an Strom, die hier aus erneuerbaren Energien erzeugt werden, sollen so in den Rest der Republik gelangen.

Rainer Schneewolf gründet die Bürgerinitiative „Hochspannung tief legen“ und kämpft mit einigen Mitstreitern vehement für eine unterirdische Verlegung der Kabel – zu Gunsten von Landschaft und Anwohnern, zu Lasten der Energiewende, wie Kritiker glauben. Eine unterirdische Leitungsführung sei ungleich teurer und zeitaufwendiger.

Er engagiert sich für viele Belange der Prignitzer

Der Kampf dauert fünf Jahre. Schneewolf organisiert, informiert und agitiert. Seine Initiativen reichen bis in den Bundestag und finden Gehör. Als Vertreter der Bürgerinitiativen wirkt er an der Novellierung eines Gesetzes mit, das unterirdischen Stromtrassen künftig Priorität einräumt.

In 2013 wird beschlossen, die neue Stromtrasse durch die Prignitz unterirdisch zu verlegen. Eine kaum denkbare Entwicklung ohne Rainer Schneewolfs beharrliches Engagement. Der Bau der Stromtrasse hat bis heute nicht begonnen, zu viele Anwohner wehren sich gegen die Tiefbauarbeiten auf ihren Grundstücken.

Seine Lebensleistung in Bürgerinitiativen sieht er als vollbracht an. „Es gibt eine Menge Aktivitäten, zu denen ich gar nicht komme und jetzt bin ich in einem Alter, wo ich an das denke, was ich noch machen will.“ Wie im politischen, so hat er auch im privaten und künstlerischen Bereich viele Interessen. Er spielt in einer irischen Band verschiedene Instrumente und schreibt Musikstücke.

Er fotografiert leidenschaftlich gerne und hat Ambitionen, wieder an Wettbewerben teilzunehmen. Er sägt Motive in postkartengroße Sperrholzplatten, um die kunstfertigen Objekte dann mit einer Briefmarke versehen an seine Liebsten zu versenden. Gedichte schreibt der Doktor der Philosophie nur noch für den Hausgebrauch. „Es gibt eine Reihe von Dingen, die mache nur ich so. Einen Windplan, den kann jeder machen“, sagt ein Mann, dem es an Alleinstellungsmerkmalen nicht mangelt.

Schneewolf ist noch ein Jahr Gemeindevertreter von Plattenburg

Als Gemeindevertreter von Plattenburg sind es zur Zeit hauptsächlich Windkraftvorhaben, die ihn beschäftigen. In seiner Gemeinde gibt es bereits mehrere Windparks, die der Grüne Schneewolf trotz grundsätzlicher Zustimmung für die Windkraft in menschenverträgliche Bahnen lenken will. Er möchte die sechsfache Höhe der Windräder als Mindestabstand zu Wohnbebauungen durchsetzen.

Eine Forderung, mit der er in seiner Partei außerhalb der Prignitz auf wenig Gegenliebe trifft, weil sie den Ausbau der Erneuerbaren ausbremsen könnte. Doch Rainer Schneewolf will sich nicht mit parteipolitischen Grundsatzproblemen beschäftigen. In dem verbleibenden Jahr als Gemeindevertreter möchte er konstruktiv arbeiten, denn noch einmal in der Politik antreten will er nicht. „Das habe ich meiner Frau versprochen.“

Von Fariba Nilchian

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