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Gumtow Auf den Hanf gekommen: Ein Familienunternehmen der etwas anderen Art
Lokales Prignitz Gumtow

Diese Familie aus Barenthin baut ihren eigenen Hanf an

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18:54 06.07.2021
Cina Bousselmi und Florian Herm mit ihrer Tochter Mayla auf ihrem Hanffeld in dem Prignitzer Dörfchen Barenthin.
Cina Bousselmi und Florian Herm mit ihrer Tochter Mayla auf ihrem Hanffeld in dem Prignitzer Dörfchen Barenthin. Quelle: Sandra Bels
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Barenthin

Als sich Florian Herm und Cina Bousselmi kennenlernten, dachten beide nicht daran, dass sie einmal ein Unternehmen führen werden. Er studierte damals Informatik, sie Philosophie. Und beide waren in Sachen Nachhaltigkeit unterwegs. „Dabei sind wir auf den Hanf gekommen“, erzählt Cina Bousselmi. „Man kann damit minderwertige Böden aufwerten“, fügt sie an. So entstand die Idee, „Die Hanflinge“ zu gründen – ein Unternehmen, dass sich ausschließlich mit Hanf beschäftigt vom Anbau über die Ernte bis zum Verarbeiten und Vermarkten.

Start im Jahr 2015 im Prignitzer Dorf Barenthin

Der Anfang war schwer für die beiden, die 2015 nach Barenthin in die Prignitz zogen, wo Florian Herm aufgewachsen ist. „Wir hatten kein Startkapital“, erzählt Cina Bousselmi. Zuvor bauten sie Hanf auf einem Feld bei Tornow an. „Dort wächst jetzt Gerstengras – jahrelang war da nichts möglich“, so Cina Bousselmi. Die beiden verarbeiteten den Hanf schon damals selbst. Sie verkauften Tees, Brote und Samen auf Märkten. Jahr für Jahr kamen neue Produkte dazu. „Mittlerweile sind es 20“, sagt Cina Bousselmi.

„Die Hanflinge“ aus Barenthin verkaufen mittlerweile 20 eigene Produkte. Quelle: Sandra Bels

Familienbetrieb in Barenthin

Das Paar hat vier Jahre lang nur investiert und war auf die Familie angewiesen. Cinas Bruder pflegt die Internetseite mit dem Onlineshop. Mutter und Stiefvater von Florian kümmern sich in Wusterhausen um den Versand. Die Etiketten sind selbst entworfen wegen der Urheberrechte. Heute steht das Familienunternehmen auf sicheren Füßen. Das Paar lebt davon.

Hanf ist eine anspruchslose Pflanze. Er braucht kaum Pflege. Ein guter Nebeneffekt: Der Boden auf dem er wächst bekommt viel Stickstoff und verbessert sich damit. Aber Hanf kann man nicht mit Maschinen ernten. „Deshalb sehen die meisten Landwirte davon ab“, so Cina Bousselmi, denn Hanf zu ernten, das ist Handarbeit.

Die Erntezeit hat begonnen

Gerade hat die Erntezeit begonnen. Hanf wird im April gedrillt. Ab Juni werden die Blätter geerntet. Jedes einzelne wird gepflückt und kommt in einen Beutel, den der Pflücker am Körper trägt. „Das ist der Tee“, erzählt Florian Herm. Die Blätter trocknen auf dem heimischen Dachboden. Bei gutem Wetter dauert das etwa einen Tag. Dann müssen sie nur noch zerbröselt werden, und der Tee ist fertig.

Cina Bousselmi zeigt, wie die Hanfblätter geerntet werden. Quelle: Sandra Bels

Ende August beginnt die Ernte der Blüten. Sie werden mit der Schere abgeschnitten. Handarbeit ist auch die Samenernte, die im September anfängt. „Wir suchen immer Erntehelfer“, sagt Cina Bousselmi. Sie stehen drei bis vier Monate lang täglich auf dem Feld.

Der Tee ist besonders beliebt bei Menschen, die krank sind. „Auch Hospize bestellen ihn bei uns“,erzählt Cina Bousselmi. Er ist beliebt wegen seiner beruhigenden und entspannenden Wirkung.

Barenthiner Hanflinge stellen auch CBD-Öl her

Mittlerweile stellen „Die Hanflinge“ auch das immer beliebter werdende CBD-Öl her. Es wird aus den Hanfblüten gewonnen. Sie werden vom Stiel entfernt und decarboxyliert. Durch die Hitze dabei wird das CBD aktiv. 90 prozentiger Alkohol wird zugesetzt. Die Anlage steht deshalb auch im Freien. Ein Mundschutz ist unerlässlich wegen der Dämpfe, die während der chemischen Reaktion entstehen.

Die Hanfblüte hat einen CBD-Gehalt von 3,5 Prozent. Die Hanfpflanze selbst hat viele Cannabinoide. Ein Wert von unter 0,2 Prozent ist in der EU erlaubt. „Die Hanflinge“ werden regelmäßig kontrolliert. Das Saatgut dürfen sie nur von vorgegebenen Stellen beziehen.

Gut gefüllt: Das Lager der „Hanflinge“. Quelle: Sandra Bels

Hanffelder in Berlitt und Barenthin

Sie bauen sechs verschiedene Sorten Hanf auf sieben Hektar Land an. Sechs befinden sich in Berlitt, einer in Barenthin. „Der Anbau ist einfach, aber die Ernte ein Knochenjob“, sagt Cina Bousselmi. Sie kennt sich aus, arbeitet regelmäßig mit. Ab August wird sie sich zurückziehen und als Lehrerin für LER anfangen. Dann ist ihre Elternzeit vorbei und ihre Tochter Mayla geht in die Kita.

Produkte werden deutschlandweit verkauft

„Die Hanflinge“ verkaufen ihre Produkte deutschlandweit über ihren gleichnamigen Onlineshop. „Wir machen alles selbst und kaufen nichts dazu“, sagt Florian Herm. Es gibt die Erzeugnisse aber auch im Kyritzer Bioladen, auf dem Gut Tornow und bei Landgeschmack in Görike.

Der 31 Jahre alte Florian Herm studiert nebenbei Agrarwissenschaften und ist in der Cannabis-Research-Class an der Humboldt-Universität Berlin. Den Hanfanbau und die Verarbeitung haben er und seine Lebensgefährtin Cina Bousselmi sich selbst beigebracht.

Von Sandra Bels