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Prignitz Keglerjubiläum: Ein Jahrhundert-Ereignis für Seedorf
Lokales Prignitz Keglerjubiläum: Ein Jahrhundert-Ereignis für Seedorf
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00:27 04.07.2019
Hunderte von Gästen verfolgten am Sonntagnachmittag in Seedorf den großen Festumzug auf der Löcknitz anlässlich des 100. Bestehens des dortigen Kegelvereines.
Hunderte von Gästen verfolgten am Sonntagnachmittag in Seedorf den großen Festumzug auf der Löcknitz anlässlich des 100. Bestehens des dortigen Kegelvereines. Quelle: Kerstin Beck
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Seedorf

Wir schreiben das Jahr 1919, und es ist Juni. Der Erste Weltkrieg ist nun wirklich Geschichte, aber seine verheerenden Auswirkungen sind noch lange nicht vorbei. Auch in der Region Lenzen gibt es Not und Elend, Hunger und Armut und vor allem viele fehlende junge Männer. Aber diejenigen, die es geschafft haben, am Leben und überhaupt da zu sein, lassen den Kopf nicht hängen. Neben der schweren Arbeit in der Landwirtschaft muss es ja noch mehr geben im Leben.

Über 30 fantasievolle bunt geschmückte Boote schipperten als "Gratulanten" am Publikum vorbei, um alles Gute und immer "alle Neune" für den Jubelverein zu wünschen. Quelle: Kerstin Beck

Da spazieren dann eines Sonntags der Lenzener Milchmesser Otto Schulz und die beiden Seedorfer Landwirte Hugo Schulze und Richard Wilke von Eldenburg nach Seedorf und fassen dabei einen folgenschweren Beschluss: „Wir wollen einen Kegelverein gründen!“ obwohl es im Dorf gar keine Kegelbahn gibt. Als es über die Brücke geht, kommt den Burschen der Name in den Sinn: „Löcknitzstrand“.

Festumzug übers Wasser

Ersteres holen die Seedorfer 1923 nach, und längst gibt es mit Bundeskegelbahn, internationalen Turnieren und einem Platz der 1. Herrenmannschaft im Mittelfeld der Bundesliga 2012 eine weitreichende Erfolgsgeschichte.

Auf der "MS Ferdi" des Stockcar-Teams aus der Lenzer Wische zog es so manches Besatzungsmitglied ins Wasser. Quelle: Kerstin Beck

Hundert Jahre später, am vergangenen Sonntag, ist besagter Löcknitzstrand besetzt mit Hunderten von Gästen, die gekommen sind, um dem Höhepunkt der Feierlichkeiten, die nun schon die vergangenen Tage hindurch stattfinden, beizuwohnen: dem Festumzug. Und der passiert nicht, wie auch schon vor zehn Jahren, einfach so das Dorf, sondern zieht sich über das Wasser hin – vom westlichen bis zum östlichen Dorfende, wo es später im Festzelt zünftige Blasmusik Kaffee und Gebäck gibt. Wie viele Torten und Kuchen gebacken wurden, hat wohl niemand zählen können.

„Gut Holz“ für die nächsten 100 Jahre

Wohl dem, der dazu ein schattiges Plätzchen am Wasser, worin man die Füße halten kann, gefunden hat. Denn es sind über 30 fantasievoll und bunt ausgestattete Boote, die jetzt an den Wartenden vorbeischippern.

Auf dem Wasser schipperten über 30 Gratulanten - wie hier der Lenzener Kanuverein. Quelle: Kerstin Beck

Und bis auf eines sind es „Gratulanten“, die dem 100-jährigen SV Löcknitzstrand alles Gute für die nächsten 100 Jahre und vor allem immer „gut Holz“ sowie „alle Neune“ wünschen: die Gadower Jagdhornbläser etwa, der Eldenburger Angelverein und die dortigen Blauröcke sowie die Squaredancer, die eine riesige Torte aus Stroh am Bug haben; mit dabei auch die Lenzener Fußballer, Kanuten und Karnevalisten und überhaupt viele befreundete Familien.

Vom Boot über die Rutsche direkt ins Wasser

Und manches Floß schleppt noch etwas hinter sich her: ein kleines Extra-Boot mit einer Kegelbahn darauf, der erste „Elektro-Trabi“ wird natürlich auch über das Wasser gezogen. Etwas Besonderes hat sich die Besatzung des „Stockcar-Teams“ aus der Lenzer Wische ausgedacht: Mittels einer Rutsche geht es für die Badelustigen auf dem Boot stets ins Wasser. „Schmeißt ab, was ihr nicht braucht!“, merkt dazu Moderator und Kegelbruder Ingo Jochens an, der von der Brücke aus das Geschehen launig kommentiert.

Mit guter Laune, Charme und Melone wurde zuerst die Vereinsfahne durch den Ort getragen. Quelle: Kerstin Beck

Die „Ausnahme“ ist natürlich vorweg des Zuges zu sehen: Auf einem großen Floß präsentieren sich die Herren des Jubel-Vereines inmitten überdimensionaler Kegel. Der Vereinsvorsitzende Kurt Wilke - und Nachkomme aus der Familie des Vereinsgründers – steht am Bug und ist vollends begeistert. „Ich bin mehr als zufrieden – wer weiß, ob es so etwas hier jemals wieder geben wird!“ sagt der Kegelchef später voller Rührung.

Von Kerstin Beck