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Prignitz Minnegesang für den Judenhof
Lokales Prignitz Minnegesang für den Judenhof
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19:20 22.10.2017
Traten in Perleberg auf (v. l.): Jalda Rebling, Susanne Ansorge (Fidel), Stefan Maas (Laute), Hans-Werner Apel (Chitarrone, Trommel) und Elisabeth Seitz (Salterio)
Traten in Perleberg auf (v. l.): Jalda Rebling, Susanne Ansorge (Fidel), Stefan Maas (Laute), Hans-Werner Apel (Chitarrone, Trommel) und Elisabeth Seitz (Salterio) Quelle: Wolfram Hennies
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Perleberg

In Vorbereitung der Mittelalter-Ausstellung im Judenhof trug am Sonnabend im Perleberger Arnold-Gymnasium Jalda Rebling die Lieder des jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg (zirka 1200-1250) vor. Die Veranstaltung des Perleberger Kulturvereins stand unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD).

Seit mehr als 35 Jahren ist Jalda Rebling eine international renommierte Spezialistin für jüdische Musik. Rainer Meißle, der sich für das Kulturzentrum im Judenhof engagiert, hatte sie für einen Auftritt in Perleberg gewonnen.

In der Manessischen Liederhandschrift, dem wichtigsten Dokument des mittelhochdeutschen Minne- und Spruchgesangs, sind die Werke des einzigen jüdischen Autor deutscher Zunge „Süezkint, jude von trimberg“ überliefert. Jalda Rebling brachte mit ihren Liedern dessen zwölf Texte wieder zum Klingen, indem sie diese mit Geschichten aus der Blütezeit des jüdisch-deutschen Mittelalters in ihren kulturhistorischen Kontext stellte.

Dazu wurden zeitgenössische Melodien aus anderen Sammlungen den Texten von Süßkind angepasst, womit für die Zuhörer ein sinnliches Bild früher jüdisch-deutscher Kultur entstand.

Der Historiker Frank Stern schätzt ein: „Nicht mit Moses Mendelssohn, sondern mit Süßkind von Trimberg betreten wir den widerspruchsvoll-schmerzhaften, aber auch farbenprächtigen jüdisch-deutschen Weg.“ Er steht am Anfang der deutsch-jüdischen Literatur. „Er ist ein Repräsentant deutsch-jüdischer Erfahrung zu einer Zeit, in der sich die literarische deutsche Kultur herauszubilden beginnt.“

Dichtung mit Motiven der jüdischen Tradition

In Süßkinds Werk, das lange Zeit in Vergessenheit geraten war, verbindet sich die Tradition der moralischen und gesellschaftspolitischen Dichtung, wie sie Walther von der Vogelweide zur vollen Blüte gebracht hat, auf einzigartige Weise mit Motiven aus der jüdischen Tradition. Bei aller Meisterschaft der Dichtkunst und dem spürbaren Selbstbewusstsein, in die Fußstapfen Walthers zu treten, ist aber bei Süßkind eine Bitterkeit immer wieder spürbar. Neben Verweisen auf alttestamentliche Motive finden sich Schilderungen einer kargen Existenz am Rande der Gesellschaft. Sie kulminieren im Eingeständnis des eigenen Scheiterns beim Versuch, als Jude bei Hofe Fuß zu fassen, was sich in einem Lied in der Nachdichtung so anhört: „Ach, wie ein Narr war ich auf Fahrt, mit meiner Kunst für Jahre. Auf sie will keiner mehr was geben, ich werd dem Hof entfliehen.“ Mit Beifall dankte das zahlreich erschienene Publikum für den hochkarätigen Minnesang.

Von Wolfram Hennies