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Perleberg Harald Martenstein las aus seinen Kolumnen
Lokales Prignitz Perleberg Harald Martenstein las aus seinen Kolumnen
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13:17 31.10.2019
Bot beste Unterhaltung: Harald Martenstein, Kolumnist beim Tagesspiegel und bei der Zeit, las in Perleberg Quelle: Bernd Atzenroth
Perleberg

Für seine zahlreiche Zuhörerschaft war die Lesung am Mittwochabend eine auf sehr angenehme Weise vergnügliche Angelegenheit. Harald Martenstein, der durch seine Kolumnen für die „Zeit“ und den „Tagesspiegel“ bekannt ist, hatte aber ihnen allen in der Aula des Perleberger Gymnasiums eins voraus. Noch bevor er ein Wort gelesen hatte, schenkte er sich ein Glas Wein ein und verschaffte sich auf der Bühne sowas wie Wohnzimmeratmosphäre.

Auf Einladung des Bürgervereins Perleberg war Martenstein in die Prignitz gekommen, um aus seinen Büchern und oft selbstironischen Kolumnen zu lesen. Es ist so ziemlich der erste Prignitz-Aufenthalt des Autors, der in Berlin und der Uckermark lebt. Lediglich ein ungewollter Zughalt in Wittenberge nach einem Stromausfall hatte ihn bislang vor einem Jahr in der Region einmal stoppen lassen. Auch diesmal reiste er per Zug über Wittenberge an und war dann sehr überrascht von der Schönheit der Perleberger Altstadt. „Das ist ein zauberhaftes Städtchen“, findet er, und ergänzt, als er hört, dass Perleberg 12 000 Einwohner hat: „Es wirkt größer, als es ist.“

„Ich sehe mich eher als Geradeausdenker“

Angela Beeskow vom Bürgerverein Perleberg stellte ihn zu Beginn als „Querdenker“ vor, was er nicht so ganz stehen lassen wollte: „Ich sehe mich eher als Geradeausdenker“, sagte er. Einmal in der Woche solle er Texte abliefern, die unterhaltsam seien. Schnell habe er bemerkt, dass der größte Fehler sei, einmal gar nichts zu machen: „Lieber einen schlechten Text liefern als gar keinen .“

„Was Komisches zu schreiben, ist stimmungsabhängig“, sagte er. Konzept seiner Kolumne sei es, dass man sie irgendwann wie die Chronik eines Menschen betrachten könne. Wenn das jemand in 200 Jahren lese, könne er sagen: „Aha, so sind die gewesen.“

Der Sinn und Unsinn von Umfragen

Zum Einstieg servierte der 66-Jährige einen Beitrag über den Sinn und Unsinn von Umfragen, bei dem er besonders absurde Umfragebefunde miteinander verwob. Ein Prozent der Deutschen fühle sich laut einer Befragung von Frankreich mit dem Atomkrieg bedroht, elf Prozent hielten wiederum wegen einer Steueraffäre einen Krieg mit Liechtenstein für gerechtfertigt, während 74 Prozent Berliner die Bewaffnung von Busfahrern befürworteten. Martensteins nicht ernst gemeinte Schlussfolgerung war, „Busfahrer mit Fallschirmen über Liechtenstein abzuwerfen“. Dass einer anderen Umfrage zufolge weniger Westdeutsche als Ostdeutsche gerne 150 Jahre alt würden, erklärt er mit einer realistischeren Einschätzung angesichts des drohenden atomaren Angriffs aus Frankreich.

Die Vorteile der Schwerhörigkeit

Bei der Themensuche hilft dem gebürtigen Mainzer schon lange die Erkenntnis, bereits vor 20 Jahren nicht mehr richtig jung gewesen zu sein. Darum entschied er sich, als er seine Kolumne begann, Krankheit und Tod zu thematisieren: „Darin werde ich immer kompetenter“, erklärte er, um gleich darauf die Vorzüge der Schwerhörigkeit aufzuzählen: „Seit ich nichts mehr hören kann, gelte ich zum ersten mal als Mensch, der gut zuhören kann“, sagte er.

Und auch in der aufgeheizten politischen Atmosphäre sei Schwerhörigkeit ein Vorteil: „Wenn wir uns alle nicht mehr hören, hat dieses Land eine Zukunft.“

Hochbett statt Motorrad

Eine typische Begleiterscheinung des Älterwerdens sei es, „dass man es selbst zuletzt bemerkt“ – Einleitung über eine Geschichte darüber, dass er sich im Gegensatz zu anderen Altersgenossen, die sich noch ein Motorrad zulegen, lieber ein Hochbett geleistet hat und jetzt lange nachts wachliegt und überlegt, „ob ich wirklich dringend auf die Toilette muss“.

Weitere Themen waren geschlechtergerechte Spielplätze und social freezing, womit das Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund gemeint ist – wobei Martenstein damit rechnet, dass bald das Einfrieren von fertigen Kindern anstehe, etwa in der Zeit bis zur Einschulung und dann in der Pubertät. „Wenn dann die Geburtenrate nicht steigt, dann weiß ich nicht mehr weiter“, findet er.

Schwarzes Gold aus Warnemünde

„Jeder lügt, so gut er kann“ ist der Titel von Martensteins Buch, das wieder neu aufgelegt wird. Was vielleicht wie ein Kommentar zur Zeit wirkt, sei schlicht einem Songtitel von Udo Jürgens entlehnt, wie er erklärte. „Schwarzes Gold aus Warnemünde“ heißt ein weiterer Roman von Martenstein, den er zusammen mit Tom Peuckert verfasst hat – tatsächlich über die DDR. Thema: Was wäre gewesen, wenn die DDR nicht mehr ihr Hauptproblem, nämlich chronischen Geldmangel, gehabt hätte? Etwa, wenn Günter Schabowski am 9. November 1989 nicht den Fall der Mauer, sondern die Entdeckung von Erdölvorkommen mitgeteilt habe. Immerhin sei dies wohl der einzige Roman der Weltgeschichte, der Warnemünde in seinem Namen führe.

Politisch wurde es an diesem Abend nicht wirklich, auch wenn das Publikum erfuhr, dass Marten­stein in jungen Jahren einmal der DKP angehörte und seine Frau seit 25 Jahren in der SPD ist. Sie sei für ihn ein Seismograph dafür, was die Partei künftig zielsicher tun werde. Immer wenn sie sage, dass sie austreten werde, wenn dies und jenes passiere, dann geschehe dies auch. „So habe ich als erster gewusst, dass die große Koalition kommen wird.“

„Wenn ich Terrorist wäre, müsste man vor meinen Tricks echt Angst haben“

„Ich bin zu meinem Bedauern nicht sonderlich schlagfertig“, bekannte Martenstein dann, um dann einen Fall zu schildern, in dem er doch schlagfertig reagiert habe. Vor einem Inlandsflug von Berlin nach Köln hatte ein Kontrolleur fünf Feuerzeuge mit dem Aufdruck eines Beerdigungsinstituts in seinem Rucksack entdeckt und wollte ihn lediglich eines mitnehmen lassen. Martensteins Versuch, wenigstens ein zweites Feuerzeug in der Hosentasche mitführen zu können, quittierte der Kontrolleur mit den Worten: „Wir sind hier nicht auf einem türkischen Basar.“

Da schoss es dem Autor durch den Kopf und er bezichtigte den Kontrolleur einer rassistischen Äußerung. Nach den darauf folgenden Verwicklungen konnte Harald Martenstein schließlich vier Feuerzeuge mitnehmen – niemand hatte sich mehr dafür interessiert. „Wenn ich Terrorist wäre, müsste man vor meinen Tricks echt Angst haben“, sagte er.

„Man lernt immer etwas dabei“

Rund 50 Mal im Jahr ist der Autor bei ähnlichen Veranstaltungen zu sehen. Für ihn ist das auch immer ein Testballon, wie seine bereits veröffentlichten Texte auf das Publikum wirken. Mitunter stellt er Beiträge dann auch zum ersten Mal vor und ist oft selbst überrascht von der Reaktion. „Man lernt immer etwas dabei“, sagt er dazu auch über das oft sehr unterschiedliche Publikum. Das in der Prignitz ist ihm jedenfalls freundlich gesonnen, und ihm war es sichtlich angenehm, zu seiner Erheiterung beizutragen.

Von Bernd Atzenroth

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