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Perleberg Historischer Leichenwagen vor dem Verfall gerettet
Lokales Prignitz Perleberg Historischer Leichenwagen vor dem Verfall gerettet
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17:46 26.07.2019
Alle müssen mit anpacken, um den Wagen originalgetreu zu restaurieren.. Quelle: Stephanie Fedders
Heiligengrabe

Hinter den dicken Mauern der Gutsanlage zeigt sich an diesem Morgen im Juli gerade, wer von den jungen Männern gut gefrühstückt hat. Muskelkraft ist gefordert im Umgang mit dem seltenen Zeugnis der Bestattungskultur – einem Leichenwagen aus dem 19. Jahrhundert. In der Jugendbauhütte Heiligengrabe wird das Gefährt aufwändig saniert. Es soll später seinen Platz finden im Pfarrmuseum Blüthen.

Fingerspitzengefühl für die Restaurierung der Vorhänge

Noch aber sind es viele kleine Schritte bis zur fertigen Restaurierung. Ober besser gesagt: Stiche. Fingerspitzengefühl ist gefragt bei einer sehr zeitintensiven Arbeit – der Restaurierung der Vorhänge. Sie verhüllten den Sarg, sind, wie der ganze Wagen, in schwarz gehalten und haben die vergangenen Jahrzehnte gut überstanden.

Bernd Henning zeigt die alten Vorhänge. Quelle: Stephanie Fedders

Unter Anleitung einer Restauratorin sind die Teilnehmer eines Freiwilligen Jahres in der Denkmalpflege schon seit einiger Zeit mit der Ausbesserung des Stoffes beschäftigt. Zunächst wurde das Tuch gereinigt und abgesaugt, die Vorhänge dann gut geschützt mit Seidenpapier in Kartons gelagert – bis sie nach und nach aufgearbeitet werden.

Derzeit ist Delan Engel damit beschäftigt. Sie sitzt an der Nähmaschine, die auf einem eigens für diese Tätigkeit gebauten Tisch steht. „Mit Spannstichen werden die Risse verschlossen“, erklärt sie und zeigt auf ein fertiges Stück Stoff. „Es ist eine sehr feine Arbeit.“

Der gemeine Nagekäfer hat Spuren hinterlassen

Im Nachbarhaus sind andere Fähigkeiten gefordert. Sechs Mann müssen mit anpacken, um den Unterbau des Leichenwagens auf das Gestell zu wuchten. Dann kann Darius Friedemann loslegen. Mit Stechbeitel und Holzhammer bearbeitet er die Aussparungen, in die später die Pfosten eingesetzt werden, die dann das mit Leder bespannte Dach tragen werden.

Darius Friedemann bearbeitet das Holz mit Stechbeitel und Hammer. Quelle: Stephanie Fedders

Obwohl der Wagen in einem sehr guten Zustand ist, blieb er nicht ganz vom Schädlingsbefall verschont. Anobium punctatum, auf Deutsch der gemeine Nagekäfer, hinterließ Spuren. „Er steht auf altes Holz und zernagt es“, erklärt Bernd Henning, Leiter der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin.

Soweit möglich, wurden die schadhaften Stellen entfernt und ausgebessert. Das Holz erhielt eine Schutzschicht mit „Thüringer Waid“, ein natürliches Mittel und besonders gut geeignet für alte Hölzer. Es wurde in die Farbe gemischt und dann vorsichtig mit einer Pipette aufgetragen.

Mit Drahbürsten gegen den Rost

Trotz aller Versuche war ein Teil nicht mehr zu retten: Die Fußstütze. Sie war zu morsch und ist auseinandergefallen. Hier hilft dann nur noch ein Neubau. Auch das wird in der Jugendbauhütte erledigt.

Bernd Henning (rechts) und ein Teil des Teams, das bei der Restaurierung half. Quelle: Stephanie Fedders

Die Überarbeitung der Verzierungen an den Holzleisten war ein Lernprozess. Zarte Blätter wurden einst auf schwarzem Grund aufgetragen. Sie sind heute nur noch blass zu erkennen. Vor der Entscheidung, ob das Dekor farblich hervorgehoben werden soll, wurde die Blattform kopiert und das Motiv auf einem Holzbrett mit gold-bronzener Farbe nachgemalt. Der Versuch überzeugte jedoch nicht, jetzt bleibt der Original-Zustand erhalten.

Die Pfosten und Leisten sind allesamt in einem guten Zustand. Quelle: Stephanie Fedders

Am Gestell des Wagens machten sich auch die Frauen im Team zu schaffen. So wurden die mit Eisen beschlagenen hölzernen Wagenräder einer intensiven Reinigung unterzogen. „Alles war verrostet, mit einer Drahtbürste haben wir die Räder bearbeitet“, erinnert sich Elina Carstens. Jetzt freuen sich alle über die Fortschritte des Restaurierungsprozesses und die Gelegenheit, einen Teil zum Erhalt des Leichenwagens beizutragen.

Leichenwagen ist ein seltenes Stück

Wem der Wagen einmal gehörte und bis wann er genutzt wurde, dazu ist Bernd Henning nichts bekannt. „Er soll aus Groß Warnow stammen“, sagt Henning und später in einer Scheune in Waterloo gestanden haben, bis er das Interesse der Denkmalschützer geweckt hat.

Ein Hinweis auf den Besitzer oder Erbauer des Wagens steckt vielleicht in den beiden Initialen, die im Bereich der vorderen Achse zu finden sind: „KM“ ist dort zu lesen.

Geschafft: Der Unterbau liegt wieder auf dem Fahrgestell. Quelle: Stephanie Fedders

Unabhängig davon, ob der Leichenwagen noch Geheimnisse preisgibt oder nicht, wird er nach der fertigen Restaurierung eine Bereicherung für Blüthen werden. Aktuell gibt es so ein Exemplar in der Prignitz kein zweites Mal. „Es ist wirklich selten“, bestätigt Bernd Henning.

Der Chef der Jugendbauhütte nennt als Beispiel Schloss Paretz vor den Toren Potsdams, wo historische Transportfahrzeuge ausgestellt sind. Aber ein Leichenwagen, noch dazu so gut erhalten wie das Prignitzer Exemplar, ist nicht darunter.

Von Stephanie Fedders

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