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Pritzwalk Auch in Prignitzer Böden lagert gefährliche Munition
Lokales Prignitz Pritzwalk Auch in Prignitzer Böden lagert gefährliche Munition
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18:39 09.07.2019
Wie gefährlich ist es, wenn Konversionsflächen im Wald in Brand geraten? Die Frage stellt man sich auch in der Prignitz seit dem Großbrand im nahen Lübtheen. Denn auch hier gibt es noch viele belastete Flächen im Wald. Quelle: Bernd Atzenroth
Pritzwalk

Es war ein klarer Abend rund um Pritzwalk. Nur eine Wolkenfahne beeinträchtigte das Bild. Es war der Rauch vom großen Waldbrand in Lübtheen, gut 90 Kilometer von Pritzwalk entfernt, aber dafür erstaunlich gut sichtbar. In der Westprignitz war das Großfeuer optisch noch weit präsenter – von der Kreis- und Landesgrenze an der Elbe sind es keine 30 Kilometer bis zum Katastrophengebiet. Der Brandgeruch war weit über die Region hinaus zu vernehmen.

Schon während es noch brannte, stellten sich viele Prignitzer die Frage: Wie groß ist die Gefahr für einen so gearteten Großbrand auch in ihrer Heimat? Zumal es ja auch Landkreis Prignitz noch viele munitionsbelastete Flächen gibt, ob nun zwischen Perleberg und Weisen oder bei Jännersdorf. Und: Schon im vergangenen Jahr hatte die Trockenheit auch in der Prignitz ihren Tribut gefordert – insbesondere während der Erntezeit brannte es unentwegt auf Wiesen und Feldern.

Katrin Lange (SPD) Quelle: SPD Prignitz

Die zuständige Staatssekretärin im brandenburgischen Innenministerium kennt die Verhältnisse in der Region – Katrin Lange wohnt nach wie vor in der Prignitz war lange Jahre Amtsdirektorin von Meyenburg. Sie ist sehr zuversichtlich, dass die Prignitz und ganz Brandenburg ziemlich gut aufgestellt sind für den Fall der Fälle – die Expertise brandenburgischer Fachleute war auch in Lübtheen gefragt.

Konsequenzen aus dem vergangenen Jahr gezogen

Man habe Konsequenzen aus dem vergangenen Jahr gezogen, erklärte Lange im MAZ-Gespräch. Gerade in der Organisation des Brandschutzes habe es einige Veränderungen gegeben. Katrin Lange nennt zunächst eine neue Förderrichtlinie, die den Einsatz von Drohnen, größeren Löschfahrzeugen und Hochleistungspumpen für lange Wegstrecken ermöglicht und erleichtert.

Sie erwähnt auch die Benennung eines stellvertretenden Landesbranddirektors, regelmäßige, im Ernstfall tägliche, Telefonkonferenzen mit allen Kreisbrandmeistern und die verstärkte Einbeziehung von Berufsfeuerwehren, die Führungsteams und wie bei der jüngsten Lage Reserveeinheiten bilden. Auch die Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung bei Gefahrenlagen wird intensiviert – Forstfachleute werden bei Waldbränden hinzugezogen.

In der Mark sind etwa 280 000 Hektar Wald munitionsbelastet

Der Einsatz von Hubschraubern bei der Waldbrandbekämpfung soll nun zu 80 Prozent unterstützt werden. Der Waldbrandschutz soll auch Unterrichtsgegenstand am zweiten Feuerwehrschulstandort im Land werden, der am 6. August in Wünsdorf eröffnet werden soll. Katrin Lange ist als Staatssekretärin immer vor Ort, wenn es im Land Brandenburg einen Großbrand gibt, jüngst auch in Lieberose, wo ebenfalls Munition in den Flammen explodierte. Die besondere Situation hier: Die viel trockenen Moore brannten und waren nur schwer zu löschen. Allerdings gibt es bei Lieberose im Gegensatz zu Lübtheen keine Ortschaften drumherum, die gefährdet gewesen wären.

Lieberose zeigt aber auch: Das Kampfmittelproblem ist ein brandenburgweites. Von einer Million Hektar Wald in der Mark sind etwa 280 000 Hektar munitionsbelastet – erhöhte Waldbrandgefahr inklusive.

Traditionelles Militärland

„Es gibt kein anderes Bundesland, das so stark betroffen war von den Kampfhandlungen am Ende des Zweiten Weltkriegs“, liefert Ingo Decker, Pressesprecher des brandenburgischen Innenministeriums, dafür die Erklärung. Damals lief der Vormarsch auf Berlin – zudem warfen Bomberverbände, die eigentlich mit dem Ziel Berlin unterwegs waren, ihre tödliche Fracht auch über dem Umland ab – das erklärt insbesondere die ungeheuren Mengen an Bombenfunden im Raum Oranienburg.

Der zweite Grund: Die Mark Brandenburg ist traditionell Militärland gewesen, spätestens seit der Kaiserzeit. NVA und Rote Armee führten diese Tradition auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort. In der Prignitz war insbesondere Perleberg jahrhundertelang Garnisonsstadt, bis 1997 die Bundeswehr endgültig die Stadt verließ. Alte Armeeobjekte gibt es allerorten.

Kampfmittelbeseitigungsdienst arbeitet rund um die Uhr

Katrin Lange lobt für Prignitz bei der Kampfmittelbeseitigung die Zusammenarbeit mit dem Experten Gerd Fleischhauer.

65 Kollegen arbeiten nach Katrin Langes Angaben „rund um die Uhr“ im Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes. Klar ist aber auch, dass die Kampfmittelbeseitigung in bewohnten Gebieten Vorrang hat vor der in Waldgebieten.

Noch viele Spuren des Zweiten Weltkriegs

Gerade der jüngste Vorfall an der Bahnstrecke bei Wittenberge zeigte aber, wie viele Weltkriegsspuren auch in der Prignitz noch zu finden sind – 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wundert das viele Menschen. Es erklärt sich aber aus der schieren Masse an Munition und Bomben, die hier über Deutschland abgeworfen wurden.

Rund 14 000 Tonnen an Kampfmitteln wurden seit der Wende aus dem Boden oder aus Gewässern geholt und unschädlich gemacht. Darunter waren laut Land 76 000 Sprengbomben, 86 000 Brandbomben und 2,3 Millionen Granaten. Allein in Oranienburg waren es rund 200 Sprengbomben, die Hälfte mit chemischen Langzeitzündern. Bis zu 300 Sprengbomben werden in Oranienburg noch vermutet – die Stadt ist bei der Kampfmittelbeseitigung jetzt Modellregion.

Seit 1990 gab Brandenburg 400 Millionen Euro für Munitionsbergung aus

In Brandenburg wurden seit 1990 laut Katrin Lange bereits 400 Millionen Euro für Munitionsbergung ausgegeben. Davon hat der Bund lediglich ein Drittel erstattet. Er übernimmt nur die Kosten bei reichseigener Munition. Anders sieht es bei der alliierten Munition aus. Hier fühlt sich der Bund nicht zuständig, dafür hätten die Länder einzustehen. Seit Jahren fordern Länder daher, dass sich der Bund auch in diesem Bereich finanziell beteiligt.

So ist abzusehen, dass die Beseitigung aller Munitionsreste noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. „Niemand weiß wirklich, wie viel da noch im Boden liegt“, sagt Katrin Lange. Trotz guter Brandschutzorganisation bleibt also auch in Prignitzer Wäldern ein erhöhtes Brandrisiko durch Munitionsbelastung.

Eins aber ist gewiss für Staatssekretärin: Es gibt bei jedem Vorkommnis dieser Art eine große Solidarität der Menschen untereinander und mit den Hilfskräften, wie sie bei allen Einsätzen mitbekommen hat. Katrin Lange: „Dafür muss man einfach dankbar sein.“

Von Bernd Atzenroth

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