Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Prignitz So drangsalierte die Stasi ein Brandenburger Pfarrerehepaar
Lokales Prignitz So drangsalierte die Stasi ein Brandenburger Pfarrerehepaar
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:11 09.11.2019
Unermüdlich im Einsatz für Frieden und Freiheit: Gisela und Hans-Peter Freimark. Quelle: Bernd Atzenroth
Perleberg

IM Hütchen war am aktivsten: Die Frau verfasste sage und schreibe 1200 Seiten für die Stasi über das Pfarrerehepaar Gisela und Hans-Peter Freimark. Und IM Hütchen war nicht allein: Etwa 50 Menschen bespitzelten in den späten siebziger und in den achtziger Jahren die Freimarks für die Staatssicherheit. Darunter waren auch andere Kirchenleute und einstmals enge Vertraute. Entschuldigt hat sich von den 50 bis heute niemand dafür.

Die Einsicht in ihre Stasi-Akten hielt für die beiden gebürtigen Perleberger noch weitere ernüchternde Erkenntnisse bereit: Die Stasi hätte wohl nicht einmal davor zurückgeschreckt, sie zu töten – das Wort „Liquidierung“ tauchte tatsächlich an einer Stelle in den Akten auf.

Im Dokumentationszentrum waren die Transparente zu sehen, die Freimarks dereinst am Kirchturm in Köritz aufgehängt oder auf Demos mitgenommen haben. Quelle: Bernd Atzenroth

Seit sie ihr DDR-Geschichtsmuseum und ihr Dokumentationszentrum in Perleberg betreiben, laden Gisela und Hans-Peter Freimark auch zu Themenabenden ein. Beim 80. dieser Themenabende standen sie kurz vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls einmal selbst im Mittelpunkt. Was sie eigentlich nicht wollen, denn ihnen geht es um ihre Sache. Aber es sollte ein Abend werden, der ihr Engagement für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit noch einmal in ein anderes Licht stellte.

„Oft totgesagt und siehe wir leben“

Es ging um Hans-Peter Freimarks „zweites Leben“, wie er sagte. „Es beginnt, als wir nach Neustadt gekommen sind.“ 1978 trat er dort, genauer gesagt im Ortsteil Köritz, eine Pfarrstelle an, die er bis 2003 innehaben sollte.

„Oft totgesagt und siehe wir leben“ lautete der Titel der Veranstaltung, dem Text eines Transparents entlehnt, das die Freimarks an der Kirchturmspitze in Köritz aufgehängt hatten. Das könnte für sie selbst gelten, ist aber auf die Kirche bezogen. Doch wurde auch die Ambivalenz deutlich: Denn gerade die Kirche bot Freiräume wie kaum eine andere gesellschaftliche Institution zu DDR-Zeiten. Da war die Frage aus dem Publikum, ob dies eher seine Motivation für kirchliches Engagement gewesen sei oder aber der Glaube, nicht ganz abwegig.

Was Zersetzung bedeutet, erläuterten die Freimarks anhand eines Auszugs aus den Stasi-Akten. Quelle: Bernd Atzenroth

Beides stimmt: „Es war vom Glauben her“, antwortet er. Im Theologiestudium habe er gemerkt, was Freiheit sei, erzählt der 74-Jährige. Seine Frau Gisela hatte ebenfalls eine kirchliche Ausbildung als Gemeindehelferin – während der Ausbildung heirateten die beiden. Die gebürtigen Perleberger haben vier Kinder, von denen eins 1995 verstorben ist.

Nach einer Station in Sedlitz kamen die beiden nach Köritz, er als Pfarrer, sie als Gemeindehelferin. „Unsere Gemeindearbeit war bunt und vielfältig“, erzählen sie. Und ständig unter Beobachtung. Die beiden organisierten Jugendtreffen mit Westlern, wussten einen Unterstützer aber hinter sich: „Wenn es kritisch wurde, kam Bischof Forck und stellte sich an unsere Seite. Das war ein Mann, den man nicht so leicht einschüchtern konnte.“

„Angst hatten wir auch, das muss man sagen“

Gerade in der Zeit der atomaren Nachrüstung engagierten sich Freimarks für Abrüstung. „Hass hat es bei uns nie gegeben, Widerstand ja, aber Hass niemals“, betont Hans-Peter Freimark. „Schwerter zu Pflugscharen“ war damals die Losung, und damit identifizierten sich Anfang der achtziger Jahre viele junge Leute. „Das rief die Stasi verstärkt auf den Plan“, berichtet Hans-Peter Freimark.

Was sie später in den Akten nachlesen konnten: Vom 22. November 1979 stammt der Operativplan „OV Spinne“. Zielstellung war die Zersetzung und Verunsicherung des Pfarrers und anderer Kirchenmitarbeiter. Bei Zersetzung hatten die einzelnen IMs freie Hand.

Was Zersetzung bedeutet, erfuhr Familie Freimark am eigenen Leib: die Diskreditierung des öffentlichen Rufs, die Verbreitung von Gerüchten und die Organisierung beruflicher Misserfolge. Zum Glück hatte die Familie ein so gutes Umfeld, dass all dies nicht wirklich zog.

Die Angst schwang immer mit, insbesondere bei Gisela Freimark um ihren Mann. Dennoch hätten sich beide nicht vorstellen können, dass die Stasi selbst vor Mord bei ihnen nicht zurückgeschreckt wäre. Quelle: Bernd Atzenroth

Beim Protest gegen die Stationierung der SS 20-Raketen enthüllte das Pfarrerehepaar auf der Kirche ein Transparent mit der Aufschrift „Christen für Abrüstung auch bei uns“. Von der Drohung „Wenn Sie das nicht herunterziehen, sperren wir sie ein“ ließen sich Freimarks nicht abhalten. Jedoch: „Angst hatten wir auch, das muss man sagen“, betonte Gisela Freimark. Das war berechtigt. Die Stasi war immer in der Nähe: „Um uns herum waren ständig 12 bis 14 Leute in Zivil.“ Sie hatte dabei weniger Angst um sich als um ihren Mann.

All dies steigerte sich, als bei Neustadt im Oktober 1983 die Atomschlagübung „Dosse 83“ stattfand. Proteste dagegen sollten unbedingt verhindert werden. „Unser Pfarrhaus in Köritz war mit 100 Leuten abgesichert.“ Was die Eheleute nicht davon abhielt, mit einem Sarg loszuziehen, der die Aufschrift trug: „Nach dem Ernstfall brauchen wir keinen Sarg mehr.“ „Als wir rausgingen, haben sie uns mit Nebelgranaten empfangen.“

„Natürlich haben sie gehofft, Freimark bleibt im Westen.“

Dass ihnen auch nach dem Leben getrachtet werden könnte, begriffen Freimarks, als es Morddrohungen gab. Und dann war da die Sache mit ihrem Barkas, der ihnen treue Dienste leistete und als „rollende Kirche“ auch bei Ortsjubiläen dabei war: Irgendwann wurde am Barkas das rechte Vorderrad gelöst – ein ganz offensichtlicher Mordanschlag, der nie aufgeklärt wurde. „Die letzten Jahre sind wir nur noch zu zweit unterwegs gewesen“, sagt Hans-Peter Freimark.

Für den Protest gegen zusätzliche Atombewaffnung gingen Freimarks persönliche Risiken ein. Quelle: Bernd Atzenroth

Mit der ständigen Überwachung und Bedrohung muteten sie zwangsläufig aber auch ihrer Familie viel zu – bis heute offenbar ein schwieriges Kapitel zwischen den Eheleuten und ihren Kindern.

Gemessen an all dem ist die Sache für die Familie glimpflich ausgegangen. Erstaunlich auch, dass Hans-Peter Freimark bis 1986 mehrfach in den Westen ausreisen durfte. „Dreimal gab es für mich eine Sonderregelung“, erzählt er, „natürlich haben sie gehofft, Freimark bleibt im Westen.“ Das hatte er nie vor. „Ich will hier etwas verändern“, pflegte er dies zu erklären.

„Die friedliche Revolution verpflichtet uns alle zu verantwortlichem Handeln“

Die Veränderung kam dann 1989. Ab dem 16. Oktober gab es in Neustadt die Friedensgebete. „Eine kurze Andacht, keine Aggression“, umschrieb Hans-Peter Freimark deren Konzept. Dann die große Demo am 4. November 1989 in Berlin, „ein wunderschöner Tag“ und der Fall der Mauer. Danach machte Hans-Peter Freimark weiter: Er war regelmäßig an der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße und versuchte, dass die Vernichtung der Akten aufhört. „Die friedliche Revolution verpflichtet uns alle zu verantwortlichem Handeln“, sagt Hans-Peter Freimark zum Schluss. „Nicht dass heute alles gut ist – das sagt niemand. Aber was hätte passieren können, wenn es anders gelaufen wäre?“

Das DDR-Geschichtsmuseum in Perleberg hat am Samstag, 9., und am Sonntag, 10. November, jeweils von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Danach ist es für die Winterzeit geschlossen.

30 Jahre Mauerfall – die Themenseite

Der 9. November 1989 ist fest im Gedächtnis – bei denen, die dabei waren. Inzwischen ist eine Generation erwachsen, die den Mauerfall nicht mehr selbst erlebt hat. Zum Jubiläum blicken wir auf unserer Themenseite zurück auf 30 Jahre Mauerfall, die Friedliche Revolution und Wendegeschichten von Menschen aus ganz Brandenburg.

Von Bernd Atzenroth

Prignitz Ein Dorf an der Grenze zwischen zwei Welten Lütkenwischer Fluchtgeschichten

Aus dem ehemaligen Grenzort Lütkenwisch flüchteten vor dem Mauerfall viele Menschen. Nicht allen gelang es, lebend in den Westen zu gelangen.

09.11.2019

Gutmütig hat eine 80 Jahre alte Prignitzerin eine Fremde am frühen Nachmittag in ihre Wohnung gelassen. Das bereute die Rentnerin bitter.

07.11.2019

Weil sie im Streit ihrer Lebensgefährtin mehrfach mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen haben soll, sitzt eine 48 Jahre alte Frau aus Groß Pankow nun in Untersuchungshaft.

07.11.2019