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Prignitz Von Krieg und Frieden – Erinnerung in der Prignitz
Lokales Prignitz Von Krieg und Frieden – Erinnerung in der Prignitz
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14:59 12.11.2018
„Gib Frieden" sang der Lenzener Kirchenchor unter der Leitung von Oana Maria Bran.
„Gib Frieden" sang der Lenzener Kirchenchor unter der Leitung von Oana Maria Bran. Quelle: Kerstin Beck
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Wustrow

„Es war angemessen, feierlich und würdevoll. Es war nicht traurig, aber eine Mahnung an die Lebenden“. So beschrieb ein Gast den Gottesdienst, der am Sonntag im kleinen, zwischen Lanz und Lenzen gelegenen Wustrow innerhalb des Kirchenkreises Prignitz zum Gedenken an das Ende des 1. Weltkrieges stattfand. Auf den Tag genau war vor 100 Jahren mit Unterzeichnung des Waffenstillstandes im Wald von Compiègne bei Paris dieser endlich beendet worden.

Gekommen war Superintendentin Eva-Maria Menard aus Perleberg, die in ihrer Predigt über Krieg und Frieden in der Prignitz und darüber hinaus referierte: „Weltlicher Friede ist kostbar: Wir haben hier in Deutschland über 70 Jahre Frieden. Über 70 Jahre, ich glaube, eine so lange Friedenszeit hat es für Preußen und im späteren Deutschland noch nicht gegeben – ein ganzes Menschenleben Frieden.“

Lange Namenslisten von Getöteten

Die Kriegserschütterungen scheinen so weit weg und seien manchmal näher als vermutet, wies Eva-Maria Menard auf den Zwiespalt des persönlichen Empfindens hin. „Ich denke an die Namen an den Tafeln, die in so vielen unseren Kirchen hängen, mal verschämt hinten in der Ecke, mal ganz prominent im Altarraum, mal verstaubt, mal gepflegt – lange Namenslisten in den großen Orten, kurze in den kleinen.“

Das seien Tafeln die von Befreiungskriegen über den Deutsch-Französischen Krieg bis hin zum Ersten und Zweiten Weltkrieg reichten. Die Inschriften sind bisweilen so verfasst, dass einem heute der Atem stocke: „gestorben für König, Volk und Vaterland“ oder „den Heldentod starben mit Gott“. Und dann folgten viele, viel zu viele Namen von Soldaten, gestorben einen sinnlosen Tod, überhöht von Heldengefasel und Volkstümelei.

„Und nicht irgendwer ließ sein Leben auf dem Schlachtfeld, sondern Ihre Großväter, Urgroßväter, Großonkel, ehemaligen Nachbarn, Bekannte. Menschen, mit denen Sie etwas verbinden - um sie trauern wir“, sagte Eva-Maria Menard. „Sie verließen uns. Ihre Abschiedsworte kennen wir meist nicht, sie hinterließen durch ihren grausamen Tod die Mahnung und die offene Wunde dieser friedlosen Welt.“

Neid, Lust an der Macht und Gier

Das Fazit „friedlose Welt“ wurde von der Superintendentin noch einmal unterstrichen: „Es scheint, dass die Mechanismen, die zum Krieg führen, nicht verlernt, ja, zu tief im Wesen des Menschen verwurzelt sind.“ Der Neid auf andere, die Lust an der Macht über andere, die Gier nach mehr und immer mehr, der Zorn der Hungrigen, die Bequemlichkeit der Satten.

Schließlich gab Eva-Maria Menard einen hoffnungsvollen Ausblick. Die Theologin gemahnte daran, den Frieden Christi zu leben „im Zeichen der Seligpreisungen der Sanftmütigen, Barmherzigen und Friedensstiftern“.

Blumen am Denkmal niedergelegt

Zur Predigt gab es Stimmen zum Gedenken, die auch kritisch an die damalige Kriegsbegeisterung der Kirchen erinnerten. So zitierte die Superintendentin den Oberhofprediger und Kaiservertrauten Ernst Dryander, der am 4. August 1914 beim Hofgottesdienst voller Stolz sagte: „Wir ziehen in den Kampf“ – er pries einen Kampf, der in vier grausamen Jahren etwa 8,5 Millionen Tote und mehr als 21 Millionen Verletzte bringen sollte.

Die Gemeinde Lanz ehrte die Wustrower Gefallenen: eine Gedenkminute mit Bürgermeister Hans Borchert, Kirchenältesten Siegmund Mackel und Pfarrer Wolfgang Nier. Quelle: Kerstin Beck

„Gib Frieden“ hieß es dazu vom Lenzener Kirchenchor sowie in einer Variation von Kirchenmusikerin Oana Maria Bran, die zuletzt dann noch eines der Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn-Bartholdy spielte.

Am Rande des Gottesdienstes wurden am Wustrower Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges noch Blumen niedergelegt– die ein auch den Nachkommen galten. Denn gerade sie hatten mit den Verlusten ihrer Verwandten große Trauer und Schmerz zu erleiden.

Von Kerstin Beck