Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Wittenberge Gesprächsrunde zu den Ereignissen von 1989 in Wittenberge
Lokales Prignitz Wittenberge Gesprächsrunde zu den Ereignissen von 1989 in Wittenberge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:44 22.11.2019
Reinhard Worch, Bärbel Treutler, Steffen Kludt, Karsten Korup und Lothar Wuttke (v.l.) erinnerten sich an ihre Erlebnisse im Wende-Jahr 1989. Quelle: Jens Wegner
Wittenberge

Eine Gesprächsrunde mit Erinnerungen und Geschichten zum Wendejahr 1989 gab es am Donnerstagabend im Wintergarten des Hotels Germania in Wittenberge. Im Podium saßen der Wittenberger Pfarrer im Ruhestand Reinhard Worch, der Vorsitzende der Wittenberger Stadtverordnetenversammlung Karsten Korup, Bärbel Treutler, Kreistagsabgeordnete und erste Gleichstellungsbeauftragte der Prignitz sowie Lothar Wuttke vom Veritasklub.

Rund 15 Interessierte kamen zur Gesprächsrunde ins Hotel Germania. Quelle: Jens Wegner

Der Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, Steffen Kludt, moderierte den Abend. Die Stiftung hatte zu der Veranstaltung eingeladen. „Woran wir uns erinnern wollen, ist so entscheidend”, sagte Reinhard Worch. „Wir haben alle ganz verschiedene Erinnerungen an diese Zeit.

Als wenn es erst gestern gewesen wäre, so dicht kommt es mir vor”, sagte er und erinnerte daran, dass im Jahr 1981 mit der Initiative „Schwerter zu Pflugscharen” schon etwas begann, das das Verkrustete des DDR-Systems aufweichte.

Plötzlich war da Offenheit

Die Kirchen in Ost und West sahen sich damals als eine Einheit, was dem DDR-Staat nicht gefiel. „Die Kommunikation war gestört. Das sollte wieder in Gang gebracht werden. Plötzlich war eine Offenheit da, die wir bis heute nie wieder erreicht haben. Wir wollten unsere Welt neu gestalten”, umschrieb Worch die Situation im Jahr 1989. Dafür den Begriff der friedlichen „Revolution” zu verwenden, hält er für übertrieben.

„Das war für mich die schönste Zeit, die es gab. Die Kirche war ein Protagonist, der den Staat an den Tisch gezwungen hat”, sagte Lothar Wuttke. „Der Dialog in der Kirche war möglich, ohne vorher etwas einreichen zu müssen, was man sagen will”, sagte Bärbel Treutler, die damals im Neuen Forum aktiv war.

„Es sollte öffentlich diskutiert werden, wo etwas klemmt. Ein Stück Menschlichkeit ist verloren gegangen in der DDR. Die Einheit wollten wir nicht. Mit dem Tag als die West-Mark kam, wurde nicht mehr diskutiert”, erinnerte sie sich.

Würdigung der Protagonisten kam zu kurz

„Der sachliche Umgang in der Kommunikation von damals ist verloren gegangen. Jeder konnte ausreden. Heute werden Einzelmeinungen polarisiert. Offen zu kommunizieren ist besser, als sich bei Facebook mit Dreck zu beschmeißen”, bedauerte Karsten Korup die derzeitige Situation. „Es war eine spannende Zeit damals. Ich selbst war Mitglied in der SED, weil ich dachte, die hören auf mich. Das war ein historischer Irrtum”, so Korup.

„Es kam der Eindruck auf, der Westdeutsche hätte die Mauer von seiner Seite aus umgeschubst. Die Würdigung der Protagonisten kam zu kurz”, sagte Wuttke. Man habe schließlich ein ganzes Gesellschaftssystem davongejagt. Es ging um die Menschen. Da hatte die SED ein falsches Programm aufgestellt. „Kultur ist das A und O. Nicht die Wirtschaft”, ist sich Wuttke sicher.

Es ging auch um Gerechtigkeit

„Am 20. Oktober 1989 kamen nach einem Aufruf des Neuen Forums 800 Menschen in die Kirche. Wir konnten doch nicht nur zusehen, was in Berlin und Leipzig passiert. In der Kirche gab es überhaupt keine Zensur. Jeder konnte frei reden. Es gab deutliche Meinungsäußerungen, aber keine Beschimpfungen”, erinnerte sich Worch.

„Es ging nicht nur um die Freiheit, sondern auch um Gerechtigkeit”, betonte er. Vereinzelt gab es Forderungen, Stasi-Leute an Laternen zu hänge. „Denen kam ich mit der Bibel: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.” Eine große Motivation für die Menschen waren auch die Produkte im Westen, weil es denen drüben offenbar besser ging, so Worch „Der Druck, immer da hinzumarschieren wo das Geld regiert, das waren wir auch.“

Da ist noch eine tiefe Wunde

Nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 als die CDU gewann, habe die DDR niemanden mehr. „Viele wollten nur noch weg”, erinnerte sich Bärbel Treutler. Lothar Wuttke hat die Abwicklung des Nähmaschinenwerks Wittenberge durch die Treuhand erlebt. „Das ist noch eine tiefe Wunde. Wittenberge hatte eines der modernsten Nähmaschinenwerke weltweit.

Das musste kaputt gemacht werden. Die Treuhand war ein staatliches Organ”, so Wuttke. Die DDR sei damals der BRD beigetreten und wurde so ein Teil vor ihr. Die Staaten wurden nicht zusammengeführt. „Es gibt also ganz unterschiedliche Meinungen”, stellte Steffen Kludt abschließend fest.

Von Jens Wegner

Wittenberges Ehrenbürger Udo Schenk ist Schauspieler und Synchronsprecher. Als solcher ist er natürlich prädestiniert dafür, anderen Texte vorzutragen. Wie sich das anhört, wenn der Profi liest, haben am Mittwoch Schüler der Elblandgrundschule erleben dürfen.

20.11.2019

An einer Kreuzung in Wittenberge kam es zum Zusammenstoß zwischen einem Mazda und einem VW. Die beiden Fahrerinnen und zwei Kinder wurden dabei verletzt.

17.11.2019

Mit starken Worten und Zeichen der Versöhnung wurde am Volkstrauertag in Wittenberge an die Opfer der Kriege gedacht. Mehr Toleranz forderten Schülerinnen des Marie-Curie-Gymnasiums.

17.11.2019