Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming "Bio ist nicht gesünder"
Lokales Teltow-Fläming "Bio ist nicht gesünder"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:15 02.09.2014
Optisch gibt es kaum Unterschiede: die Bio-Tomate, die deutsche Tomate aus herkömmlichem Anbau und die türkische Tomate (v. l.). Quelle: Marion Schulz

Interview mit dem Lebensmittelchemiker Ronald Maul

„Bio ist nicht gesünder“

Lebensmittelchemiker Ronald Maul erforscht am Leibniz-Institut in Großbeeren die Inhaltsstoffe von Pflanzen

Herr Maul, wenn ich im Supermarkt Gemüse kaufe und die Bio-Theke plündere, habe ich das Gefühl, ich tue mir etwas Gutes und lebe gesund. Liege ich damit richtig?
Ronald Maul: Das sollen Sie auch denken. Die Industrie, die dahinter steckt, möchte das so. Das ist kluges Marketing. Andererseits, natürlich ist es gut für Sie, Gemüse zu essen, weil eine ausgewogene Ernährung insgesamt wichtig ist. Es ist dabei aber egal, ob die Paprika aus konventionellem oder biologischem Anbau stammt. Hauptsache sie essen sie. Bio ist nicht gesünder und das andere ist nicht ungesünder.

Eine aktuelle Studie besagt das Gegenteil.
Maul: Ich kenne diese Studie, ich habe sie vor mir liegen. Es geht unter anderem um die Menge von Antioxidantien in Gemüse. Man sollte da aber ganz genau hinschauen. Es kommt nämlich darauf an, wie man diese Studie betrachtet. Ob man sich etwa bei Tomaten anschaut, wie viele wertvolle Inhaltsstoffe in einer Frucht sind, oder ob man pro Kilo rechnet.

Alles Bio, oder was?

In den kommenden Wochen widmet sich die MAZ dem Thema Bio. Woher kommen die ökologisch hergestellten Lebensmittel, welche Rolle spielt diese naturnahe Landwirtschaft in der Region Dahmeland-Fläming und was bedeutet der Bio-Trend für unseren Alltag? Mit diesen Themen haben wir uns in der Serie beschäftigt.

Folge 1 : Region ist bundesweit Spitzenreiter

Folge 2 : Schrot und Korn – Ökologischer Getreideanbau

              Regionaler Kreislauf - Bio-Mehl aus Gottsdorf

Folge 3 : Von wegen alles Käse – Bio-Milchwirtschaft

              Brandenburger Biomilch für Deutschland

Folge 4 : Von der Weide auf den Teller – Ökologische Viehzucht

Folge 5 : Auf dem Einkaufszettel – Bio-Produkte in der Region erwerben

Folge 6 : Bio ist nicht gesünder - Lebensmittel unter der Lupe

Folge 7 : Bio auf der Speisekarte – Kleine Kochschule und Gastro-Tipps

Wo liegt der Unterschied?
Maul: Tomaten aus herkömmlichem Anbau wachsen viel schneller als Bio-Tomaten, sie werden deutlich größer und haben einen höheren Wasseranteil. Bio-Tomaten sind fleischiger. In beiden Früchten sind Antioxidantien wie Carotinoide oder Polyphenole in ähnlicher Höhe vorhanden, nur dass sie bei der kleinen Tomate konzentrierter vorkommen und bei der anderen verdünnt sind. Viel entscheidender sind Unterschiede zwischen den Sorten. Nehmen wir Tomaten, es gibt ja über 1000 Sorten und jede schmeckt anders und hat Inhaltsstoffe in unterschiedlicher Konzentration.

Ronald Maul achtet eher bei Fleisch auf das Bio-Siegel. Beim Gemüse greift er auch zu konventionell angebauten Sorten. Quelle: Marion Schulz

Konventionell angebautes Gemüse wird mit Pestiziden behandelt. Ist das nicht schädlich für den Organismus?
Maul: Die Pestizidmengen, die auf herkömmlich angebautem Gemüse zu finden sind, sind so gering, dass es keinerlei Auswirkungen auf den menschlichen Organismus hat. Davon merkt man in der Regel gar nichts. Das ist gesetzlich so geregelt.

Solche Gesetze entstehen in Absprache mit der Wirtschaft. Woher weiß ich, dass die erlaubte Höchstmenge nicht zu hoch ist?
Maul: Sie sprechen gewisse Lobby-Gruppen an, die Einfluss auf die Politik ausüben. Das würde in dem Fall nicht funktionieren. Der Druck der Öffentlichkeit ist viel schlimmer als jede Richtlinie. Und bei Pestiziden ist dieser Druck ganz besonders groß. Die Verbraucher schauen genau hin. Mit Pestiziden belastetes Gemüse würde gar keiner mehr kaufen. Deshalb passen die Anbieter auf und halten sich an alle Richtlinien. Die Ketten sind sehr auf ihren Ruf bedacht. Die können das nicht riskieren.

Wenn Bio nicht gesünder und bekömmlicher ist, warum sollte man dann überhaupt das teurere Biogemüse kaufen?
Maul: So gesehen, ist Bio gar nicht teurer. Man darf nicht außer Acht lassen, dass man das Wasser in den herkömmlich produzierten Lebensmitteln ja quasi mitbezahlt. Das gilt für viele Gemüsearten, aber auch für Fleisch. Außerdem sollte man sich aus ethischen Gründen für Bio entscheiden. Weil der Anbau schonender für die Umwelt ist, also vollkommen ohne Chemie auskommt. Eine nachhaltige Landwirtschaft sorgt dafür, dass wir auch in 300 Jahren noch Freude an der Natur haben. Die Pestizide, über die wir gerade gesprochen haben, die sollen ja bestimmte Schädlinge von den Pflanzen fern halten. Tun sie auch. Aber nicht nur. Sie töten auch Mikroorganismen im Boden, die durchaus von Nutzen sind und manchmal auch von der Pflanze gebraucht werden, mit ihr interagieren. Über die Folgen von deren Ausrottung sind wir uns heute noch gar nicht richtig im Klaren.

Tipps der Redaktion

 

Wir haben jetzt nur über Gemüse geredet. Wie sieht es bei Fleisch aus?
Maul: Bei Fleisch ist der Unterschied zwischen Bio oder nicht gravierender. Da merkt man auch geschmacklich einen deutlichen Unterschied. Jeder, der schon mal ein Bio-Steak und ein normales Stück Fleisch nebeneinander in der Pfanne gebraten hat, kann sehen, wie vollgepumpt das eine mit Wasser ist. Die Rinder, Hühner und Schweine, die müssen schnell wachsen, damit man sie schnell verkaufen kann und der Preis schön billig ist. Das schmeckt dann auch nicht. Die Tiere werden zudem auf engstem Raum gehalten. Wenn eines krank ist, stecken sich alle anderen an. Bei Hühnern ist das ganz besonders schlimm. Dann werden alle mit Antibiotika behandelt. Und Antibiotika im Essen oder der Umwelt halte ich für das schlimmste Problem, vor dem die Nahrungsmittelindustrie steht.

Weil die Bakterien resistent werden und Menschen nicht mehr behandelt werden können?
Maul: Die Gefahr für die Tiere ist größer. Wenn zum Beispiel so eine mit Antibiotika behandelte Kuh in den Verkauf geht, hat sie kein Medikament mehr im Fleisch. Das bedeutet, der der es isst, muss nichts befürchten. Aber vorher hat diese Kuh ja Rückstände der Arznei ausgeschieden. Die Gülle kommt als Dünger aufs Feld. Und dort wird sie schlimmstenfalls von anderen Tieren gefuttert. Auf diese Weise können multiresistente Keime entstehen und damit auch Seuchen. Allerdings besteht auch auf diesem Feld noch viel Forschungsbedarf.

Wenn Sie einkaufen gehen, greifen Sie selbst zu Bio?
Maul: Ganz ehrlich, bei Fleisch versuche ich drauf zu achten. Bei Gemüse, das gebe ich zu, gehe ich nach dem Äußeren. Wenn eine Tomate lecker, also schön rot und saftig ausschaut, kaufe ich sie. Wenn nicht, ist es mir auch egal, ob da Bio drauf steht oder nicht. Dann greife ich zu der konventionellen Tomate.

Tomaten im Test - welche ist die Leckerste?

Das Großbeerener Leibniz-Institut für Gemüsepflanzenbau testet, ob sich ökologischer Anbau auch auf den Geschmack von Tomaten auswirkt

Die drei Tomaten sehen sich ziemlich ähnlich. Faustgroß und blutrot liegen sie auf dem Labortisch im Großbeerener Leibniz-Institut für Pflanzenforschung. Eine Bio-Tomate aus Deutschland, eine aus herkömmlicher Produktion und eine türkische Tomate. Die erste kostet viel, die letzte nicht. Wer Bio kauft, erwartet zuweilen eine ganze Menge. Ein hochwertigeres Lebensmittel, das auch besser schmeckt. Ob das tatsächlich so ist, haben die Mitarbeiter des Instituts für die MAZ in ihrem Labor getestet.

Andrea Jankowsky untersucht für die MAZ die Tomaten. Quelle: Marion Schulz

Frucht voller Wasser

Der Geschmack hängt von vielen Faktoren ab. Bei der Tomate ist es das Zusammenspiel zwischen Säure und Zucker, erklärt Annett Plataller, chemisch-technische Assistentin im Institut. „Und natürlich darf man auch die Aromastoffe nicht außer Acht lassen“, sagt sie und schnappt sich die erste Tomate. Sie schneidet die Frucht in mehrere Stücke – und schmeißt sie in den Mixer. „Damit die Zellen aufgewirbelt werden“, sagt sie. Der Mixer schnurrt bis die Tomate gleichmäßig verrührt ist. Eine homogene Masse, bei der sich nichts absetzt. Dann kippt sie das Püree in ein Reagenzglas und greift sich die nächste Tomate, dreimal macht sie das, danach sieht man schon den ersten Unterschied. Das Glas, in das die Reste der türkischen Tomate geflossen sind, ist deutlich voller, als das der anderen. Die Frucht war voller Wasser. „Geschmacklich kann das ein schlechtes Zeichen sein, muss es aber nicht“, sagt Plataller.

Überraschendes Ergebnis

Ihre Kollegin Andrea Jankowsky kippt die Mischung in einen bauchigen Behälter und spritzt Wasser hinzu, „damit wir bei allen Proben die gleiche Menge haben“, sagt sie. Am Ende gießt sie den verdünnten Tomatensaft durch einen Filter. Während man der Flüssigkeit bei Tropfen zuschaut, sieht man einen weiteren Unterschied: Der Saft der Bio-Tomate ist deutlich heller, das bedeutet, der Carotin-Gehalt unterscheidet sich. „Das allein sagt aber nichts aus“, sagt Andrea Jankowsky, „es kommt immer auf das Zusammenspiel an“. Nachdem alles gefiltert ist, beginnt der Endspurt: die Masse kommt in den Titrator, einem Messgerät, das den Säurehaushalt bestimmt. Das Ergebnis: Die deutsche, herkömmliche Tomate hat den höchsten Säuregehalt und schmeckt wahrscheinlich auch besonders intensiv. Geschmacklich liegt Bio bei diesem Experiment also nicht vorn. In einem anderen wichtigen Punkt schon: Die Bio-Tomate hat doppelt so viele Antioxidantien im Fruchtfleisch, wie die anderen, also jene Stoffe, die für ihre gesundheitsfördernde Wirkung bekannt sind.

In den Trichtern wird die Tomaten-Masse gefiltert, um die Schwebstoffe herauszuholen. Quelle: Marion Schulz

Von Marion Schulz

Folgen Sie uns auf Facebook!

Aktuelle Nachrichten und Fotos aus den Landkreisen Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald finden Sie auf unserer Facebook-Seite.  Folgen Sie unserer Seite und diskutieren Sie mit uns über aktuelle Artikel oder geben Sie uns Hinweise, worüber wir berichten können.

Hier kommen Sie direkt auf unsere Facebook-Seite: www.facebook.com/dahmelandflaeming.

Werden Sie Fan von der MAZ bei Facebook!

Mehr zum Thema
Teltow-Fläming MAZ-Serie zur ökologischen Landwirtschaft im Dahmeland-Fläming - Alles Bio, oder was?

Alles Bio, oder was? Fleisch, Fisch, Gemüse oder Milchprodukte - Bio liegt voll im Trend und die Nachfrage nach Produkten steigt. Die neue MAZ-Serie nimmt die ökologische Landwirtschaft unter die Lupe. Am Dienstag werden wieder neue Inhalte freigeschaltet. Diesmal geht es um den ökologischen Getreideanbau.

02.09.2014
Wirtschaft Mindeststandards im Supermarkt, strenge Regeln bei Verbänden - Bio ist nicht gleich Bio

„Es gibt viel zu viele Siegel, die kaum zu unterscheiden sind”, klagt Martin Rücker von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Aber nur wenige seien verlässlich.

25.02.2013
Dahme-Spreewald MAZ-Serie: Alles Bio, oder was? - "Bio ist eine Lebenseinstellung"

Markus Röthel ist mit Herz und Seele Öko-Landwirt. In seiner Traditionsmühle in Gottsdorf stellt er Bio-Mehl her. Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Mühle in Familienhand. Der 42-Jährige möchte den regionalen Kreislauf der Landwirtschaftsprodukte bewahren und hofft auf ein Umdenken in der Gesellschaft.

02.09.2014

So könnte das Schuljahr doch weitergehen. Gleich am ersten Tag nach den Sommerferien nahmen die Viertklässler der Trebbiner Grundschule gestern ihre neuen Horträume in Beschlag. In den vergangenen Jahren wurde die Nachfrage nach Hortplätzen immer größer. Nun gibt es neue Räume, aber genug Platz ist immer noch nicht.

26.08.2014

Sich einmal wie ein richtiger Weltmeister fühlen - diesen Wunsch konnten sich nun die Mercedes-Mitarbeiter in Ludwigsfelde machen. Dort hat am Montag der Truck Station gemacht, mit dem die Deutsche Fußballnationalmannschaft vor etwa einem Monat als Weltmeister durch Berlin gefahren ist.

26.08.2014
Teltow-Fläming Ultra-Skater unterwegs und legen Stopp in Kolzenburg ein - 1600 Kilometer auf kleinen Rollen

Die einen gehen gerne mal spazieren, andere drehen regelmäßig eine Runde um den Block. Eine internationale Gruppe aus Ultra-Skatern kann darüber nur müde lächeln. Sie fahren täglich bis zu 150 Kilometer und waren am Montag in Kolzenburg zu Gast. So fit sie auch sind, einen Wunsch für die nächste Tour haben sie dann doch.

25.08.2014