Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Logistikbranche saugt Arbeitskräfte ab
Lokales Teltow-Fläming Logistikbranche saugt Arbeitskräfte ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:35 23.10.2018
Eine von vielen Logistikhallen im Güterverkehrszentrum Großbeeren. Quelle: erald Bornschein
Dahmeland-Fläming

Die Ankündigungen, die in diesem Jahr aus den Konzernzentralen und Wirtschaftsdezernaten der Region kamen, hätten vor wenigen Jahren noch für spitze Jubelschreie gesorgt. Im März kündigte die Stadt Ludwigsfelde an, dass die Post an der Eichspitze bis 2020 ein neues Paketverteilzentrum bauen will. 600 Menschen sollen dort arbeiten, die meisten in der Logistik.

Einen Monat vorher war Lidl bereits in die Offensive gegangen. Für einen E-Commerce-Service wurde eine Halle in Genshagen bezogen. Bis zu 1200 Stellen sollten besetzt werden. Praktische alle im Bereich Logistik. Im September dann kündigte der Projektentwickler VGP drei Neuansiedlungen für den Ludwigsfelder Preußenpark an. Sie heißen Deafshop, Lillydoo und Decathlon, sie alle eröffnen Online-Lager. Also Logistik.

Und im Schönefelder Ortsteil Kiekebusch wird derzeit über Logistikansiedlungen in Dimensionen nachgedacht, dass man gleich eine eigene Autobahnabfahrt bauen will.

Arbeitslosenquote von höchstens fünf Prozent

Diese Ansiedlungen werfen Fragen auf. Vor allem jene: Wo sollen die Arbeitskräfte für tausende weitere Lager- und Logistikstellen herkommen in einer Region, die eine Arbeitslosenquote von höchstens fünf, in Teilen sogar unter drei Prozent hat?

Diese Frage bereitet auch Experten Kopfzerbrechen. Etwa denen der Arbeitsagentur.

Boris Müller etwa, Leiter der Agentur in Königs Wusterhausen, hat alleine für den Norden von Dahme-Spreewald in diesem Jahr 290 freie Logistikstellen in die Datenbank bekommen. Manchmal können seine Leute etwas vermitteln, meistens aber nicht. „Nicht einmal jede dritte dieser Stellen kann mit Arbeitslosen besetzt werden“, sagt Müller.

Die Nachbarn wollen nicht

Auch mit Kräften aus benachbarten Regionen sei es schwierig. Berliner? Müssten mit größten Mühen überzeugt werden, die Stadt zu verlassen. Cottbuser? Nehmen selten den langen Weg auf sich – oder fahren dann noch weiter, um zu besseren Konditionen in Berlin zu arbeiten. Und Teltow-Fläming? Da ist der Markt ebenso leer gefegt.

269 freie Logistik-Stellen hat die Arbeitsagentur in Teltow-Fläming aktuell. Im vorigen Jahr zur gleichen Zeit waren es wegen der Eröffnung eines Asos-Lagers in Großbeeren mehr als 400. Mit allzu vielen Initiativbewerbungen sollten die neuen Unternehmen also besser nicht rechnen.

Konzerne halten sich bedeckt

Wie die Konzerne genau vorgehen, um trotzdem ihre Arbeitskräfte zu finden, dazu halten sie sich in der Regel bedeckt. Decathlon teilt lediglich mit, dass Vorkenntnisse der Logistik kein zwingendes Einstellungskriterium sind. Hauptsache, die Bewerber seien sportlich interessiert.

Bei der Post setzt man auf den guten Namen. „Natürlich ist die Fachkräftesituation ein Thema. Aber wir sind ein attraktiver Arbeitgeber, weil wir über Mindestlohn zahlen. Da gibt es immer ein reges Interesse“, so Sprecher Hans-Christian Mennenga.

Viele kommen aus Osteuropa

Lidl hat für die Rekrutierung der bislang knapp 700 im neuen Genshagener Logistikzentrum Beschäftigen externe Firmen bemüht, die nach Konzernangaben sowohl Arbeitskräfte aus der Region Berlin/Brandenburg als auch aus anderen Regionen angeworben haben. „Mitunter Osteuropa.“

Osteuropa. Das ist offenbar einer der wesentlichen Trends. In Großbeeren, wo rund 10 000 Menschen in den Logistikbetrieben des GVZ arbeiten, sehe man regelmäßig Busse aus Polen anrollen, erzählt Großbeerens Vize-Bürgermeister Uwe Fischer (CDU). „Ein Großteil der Mitarbeiter dort kommt aus Osteuropa, anders ist der Bedarf auch kaum zu decken.“

Löcher in anderen Branchen

Einen weiteren Arbeitsmarkteffekt beschreibt Boris Müller von der Arbeitsagentur. Viele Jobs in der Logistikbranche seien relativ leicht erlernbar. Grundsätzlich sei die Branche deshalb attraktiv für Umsteiger. „Einige Logistikbetriebe zahlen inzwischen so gut, dass Fachkräfte aus anderen Branchen abgezogen werden“, so Müller. „Da fragt sich ein Elektriker, weshalb er für 11 oder 12 Euro auf die Baustelle gehen soll, wenn er für 16 Euro im Logistiklager arbeiten kann. Das reißt Löcher in anderen Branchen.“

Die Verantwortlichen in Ludwigsfelde sehen das. Und sie sehen darüber hinaus noch ein anderes Problem. Eine zu starke Monokultur macht auch die Stadt abhängig.

Stadt will Branchenmix

Für ihre eigenen Flächen hat Ludwigsfelde deshalb eine Art Ansiedlungsstopp für Logistiker verhängt – auch wenn sie es dort anders nennen. „Wir setzen auf Diversifizierung und auf eine hohe Fertigungstiefe“, sagt etwa der städtische Wirtschaftsförderer Wilfried Thielicke. Die Stadt suche derzeit vor allem nach Investoren aus dem produzierenden Gewerbe und der Industrie – und da ein Großteil der noch freien Flächen im städtischen Besitz ist, könne die Stadt selbst entscheiden, an wen sie verkauft und an wen nicht. „Da sind wir in einer sehr komfortablen Situation“, so Thielicke.

Eine der jüngsten Neuansiedlung auf Ludwigsfelder Flächen ist Chefs Culinar, ein Anbieter, der Restaurants und Großküchen mit Lebensmitteln und Küchengeräten versorgt. 450 Arbeitskräfte will Chefs Culinar in Ludwigsfelde einstellen, darunter viele gelernte Köche, die regionales Fleisch und Gemüse für die Kunden vorbereiten werden. „Genau das ist die Fertigungstiefe, von der wir reden“, sagt Wilfried Thielicke.

Die Lebensmittel müssen freilich auch zum Kunden. Chefs Culinar ist nach eigenen Angaben deutschlandweit mit 1100 Lkw unterwegs. Am Ende ist es doch wieder Logistik.

Von Oliver Fischer

Wer von Hennickendorf nach Dobbrikow will, muss derzeit Geduld haben. Während man für die Strecke mit dem Auto sonst zwei Minuten braucht, ist die Umleitung kilometerlang und kostet Zeit.

23.10.2018

Altes Lager zur Primetime: Der TV-Sender RTL 2 dreht in dem Niedergörsdorfer Ortsteil neue Folgen für die Sozialdoku „Hartz und herzlich“. Doch die Sendung ist nicht unumstritten.

23.10.2018

Details und Anekdoten von der Bürgermeisterwahl: Eine Wählerin kam hoch zu Ross zum Wahlbüro. Und: Wo Boßdorf und Jurisch nur eine Stimme trennte

22.10.2018